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Freie Wähler wollen Wahlfreiheit für Gymnasiasten

Menschsein versus Humankapital

Von Linda Fischer

Seit Jahren diskutieren Eltern, Lehrer und die Politik über Sinn oder Unsinn des G8. Nun erfolgt ein Vorstoß der Freien Wähler: Wahlfreiheit für die Schüler, ja oder nein?

Gestern Abend ist das Ziel des Volksbegehrens in Holzkirchen vorgestellt worden. Und auch der Schulleiter des neuen Holzkirchner Gymnasiums macht sich seine Gedanken.

Florian Streibl bei der gestrigen Präsentation im Gasthof Post in Holzkirchen.
Florian Streibl bei der gestrigen Präsentation im Gasthof Post in Holzkirchen.

„Mehr Zeit zum Lernen – mehr Zeit zum Leben!“ – lautet der Slogan der Freien Wähler (FWG) mit dem Ziel, die Bevölkerung für ihr Volksbegehren zu begeistern. Die Intention ist im Titel klar definiert: „Wir wollen den Weg freimachen für eine Gesetzesänderung“, betont Florian Streibl, Landtagsabgeordneter der FWG.

Gemeinsam mit Michael Piazolo, Haupt-Initiator des Volksbegehrens, ist er in den Gasthof Alte Post gekommen, um die Bevölkerung über die Aktion zu informieren. Dabei wird klar: „Es geht um kein Konzept, sondern darum, Alternativen anzubieten“, erklärt Piazolo. Die Wähler sollen abstimmen, ob das neunjährige Gymnasium (G9) ins Gesetz mit aufgenommen wird. Durch die Änderung hätten die Eltern die Wahlfreiheit zwischen beiden Schulwegen. Zehn Prozent seien notwendig, um den daraus resultierenden Volksentscheid auf den Weg zu bringen.

Bisher ist das Interesse gering, wie das kleine Häufchen von Besuchern im Postsaal zeigt. Um die notwendige Quote zu erreichen, haben die Wähler die Möglichkeit, sich vom 3. bis 16. Juli in Listen einzutragen. „Die liegen zu den Öffnungszeiten in den Rathäusern auf“, so Streibl und betont: „Wir wollen den Kindern die Möglichkeit geben, mehr Mensch zu sein.“ Der Abgeordnete spricht aus Erfahrung: „Mein Sohn ist noch im G8.“ Er habe keine Probleme, doch viele seiner Mitschüler seien überfordert, hätten keine Zeit mehr für außerschulisches Engagement.

Das G8 reduziert die Kinder auf funktionelle Menschen. Dabei ist eines der obersten Bildungsziele in der Bayerischen Verfassung, Herz und Charakter zu bilden.

Doch bringt die Rückkehr zum G9 die gewünschte Entzerrung? Seit der Einführung des G8 im Schuljahr 2004/2005 durch den damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber hat sich das Schulthema zum pädagogischen Streit-Dauerbrenner entwickelt.

Schulleiter machen sich ihre Gedanken

Axel Kisters, zukünftiger Schulleiter am Gymnasium Holzkirchen wünscht sich nur eines: „Wir wollen endlich Ruhe in der Bildungslandschaft.“ Denn wer gehe schon gerne in die Schule, wenn „alles schlecht geredet wird“. Sein Kollege Werner Oberholzner vom Gymnasium Tegernsee sieht dies ähnlich:

Durch dieses Hin und Her in der Bildungspolitik haben wir ein großes Problem.

Seiner Meinung nach wurde das G8 zu schnell eingeführt. Doch im Hinblick auf das angestrebte Volksbegehren mahnen die Pädagogen zur Vorsicht: „Die Bildungslandschaft hat sich verändert“, so Kisters. „Das alte G9 wird es so nicht mehr geben.“ Für den Tegernseer Schulleiter wäre der Schritt zurück zum G9 „jammerschade“.

Die Erfahrungen aus der Praxis hätten gezeigt: Das G8 hat viele Neuerungen gebracht: Durch die Intensivierungsstunden in den Kernfächern wie Mathematik und Deutsch hätten die Lehrer beispielsweise die Möglichkeit, die Klasse zu teilen. „Mit den Guten kann man so auf einen Wettbewerb hinarbeiten und bei den weniger Guten kann man mehr auf ihre Probleme eingehen“, erläutert Kisters das Konzept.

In der Bibliothek des Gymnasiums trafen sich Politik, WIrtschaft und Kollegium zur Krisensitzung.
Werner Oberholzner (3.v.li.) im Gespräch mit Landkreispolitikern.

Oberholzner wertet es als „segensreich“ und hebt vor allem die beiden Seminare für die 11. und 12. Klassen hervor: „Im W-Seminar erhalten die Schüler für ihre Seminararbeit ein Coaching.“ Sprich: Hilfen, wie man eine wissenschaftliche Arbeit plant, wo man Literatur findet und wie man korrekt zitiert.

Das sogenannte P-Seminar biete Einblicke in das Berufsleben. „Die Schüler nehmen Kontakt zu einer Firma auf und arbeiten ein Projekt aus.“ Auf diese Weise bekämen sie Einblick ins Projektmanagement. Abiturienten nach dem alten G9 wären in dieser Hinsicht völlig unvorbereitet an die Uni gekommen.

Praxis hilft für die Zukunft

Maxi Hartberger, Praktikantin in der Redaktion der Tegernseer Stimme, hat gerade ihr Abi erfolgreich hinter sich. Die 19-Jährige kann die Meinung ihres Rektors nur bestätigen: „Mir haben die Hilfen für meine Seminararbeit viel gebracht.“ Vor allem, weil sie sich ein schwieriges Thema in Englisch ausgesucht habe, habe sie viel mit Büchern arbeiten müssen. „Im Seminar habe ich beispielsweise gelernt, wie man richtig zitiert und nicht kopiert“, sagt sie. Ihr Fazit: „Mir hat es für die Uni viel gebracht.“

Und auch beide Schulleiter sind sich einig: „Eine Rückkehr zum alten G9 wäre falsch.“ „Es sind viele halbgraue Vorschläge unterwegs“, schildert Oberholzner die momentane Diskussionslage. Er propagiert den Vorschlag des Bayerischen Philologenverbandes, der von einem G9-Grundmodell ausgeht: „Schüler sollen aber grundsätzlich die Möglichkeit bekommen, Klassen zu überspringen.“

Für seinen Kollegen aus Holzkirchen ist das Thema nach wie vor heikel. Er präferiere Konzepte zur individuellen Förderung der Schüler. Fakt sei, durch „die ständigen Diskussionen wird der Leistungswille der Schüler beeinflusst“. Sein Appell an die Bildungspolitiker: „Lasst uns endlich unsere Arbeit machen.“

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