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Forststraßenbau Richtung Holzeralm schreckt Bürger und Naturschützer auf

Eine „Autobahn“ im Bergwald

Von Rose Beyer

Das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) treibt die Erschließung der Bergwälder derzeit stark voran. Davon kann man sich augenscheinlich an verschiedenen Orten überzeugen.

So auch in Wiessee auf dem Weg zur Holzeralm. Die dort entstehende Straße ist im Regelfall drei Meter breit, in den Kurven kann sie jedoch weitaus größere Dimensionen annehmen.

In einer Schneise liegen die gefällten Bäume.

„In brutalster Weise wurde in den Bergwald eine Schneise gehauen, und weiter oben liegen die Bäume kreuz und quer und versperren den alten Wanderweg“, kritisiert ein TS-Leser in einer E-Mail das Vorgehen der Behörden. Wo die Forststraße noch nicht gebaut ist, liegen in einer Schneise die gefällten Bäume.

Das Ziel: Erhalt von Schutzwäldern

Auch die Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal (SGT) sieht die Fällungen kritisch. Die sogenannte Bergwaldoffensive (BWO) – ein Konstrukt, das eigentlich dazu da sein sollte, den Erhalt von Schutzwäldern zu sichern – sieht intensive Vorantreiben klassischer Forstwegeprogramme auf einen einzigen Zweck reduziert: den ökonomischen Abtransport der Holzernte.

Denn durch die Offensive der vergangenen Jahre dürfen mittlerweile auch in privaten Wäldern vermehrt Forststraßen gebaut werden. Weil der Alpenraum von den Auswirkungen des Klimawandels besonders stark getroffen sein wird und Naturgefahren wie Berg- und Felsstürze, Lawinen, Stürme, Hochwasser, aber auch Schädlingsbefall zunehmen werden, möchte man den Schutzwald besser pflegen können. Deshalb soll er auch besser erreicht werden können. Über großzügig angelegte Straßen.

Die Hauptargumente der Befürworter sind dabei im Wesentlichen die höhere Wirtschaftlichkeit, weniger Unfalltote bei maschineller Holzernte sowie der ökonomische Abtransport.

Kritik der Naturschützer

„Es stimmt, die Methode ist wirtschaftlicher, und es gibt bei Weitem weniger Unfälle mit Personenschaden, da ja fast alles maschinell erledigt und rationell abtransportiert wird“, heißt es aus den Reihen der SGT. Zudem sehe die Forstbehörde diese Straße als Gewinn für den Tourismus, da jeder in der Lage sei, auf einer solchen Straße zu wandern oder zu radeln.

Vergessen werde dabei laut der Vorsitzenden Angela Brogsitter nur der radikale ökologische Eingriff. Sie ist entsetzt von der augenscheinlichen Naturzerstörung in Wiessee:

Man ist einfach fassungslos, wie in unserem Bergwald vorgegangen wird.

Zudem kritisiert die SGT, dass es lediglich darum ginge, möglichst viel Gewinn aus der Waldwirtschaft zu ziehen. Die Erträge der Bayerischen Forsten seien um mehr als 100 Prozent gestiegen, seit überall „geerntet“ wird.

Auch ein früherer Förster aus dem Gebiet, der namentlich nicht genannt werden möchte, sieht diese Form neuen Forststraßenbaus kritisch. „Das ist mehr eine Offensive zur Vernichtung des Bergwaldes.“ Große Mengen an gesunden Bäumen würden der Schneise für die überbreite Straße im Wald geopfert. Angetroffene Wanderer sprechen von einer „Autobahn“, die da entstünde.

Ohne Erschließung keine Waldwirtschaft

Ganz anders sieht es der hiesige Revierleiter vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF), das für die Durchführung zuständig ist. Der Forstingenieur Martin Fritzenwenger ist für alle fünf Talgemeinden Ansprechpartner, wenn es um Forstwegebau geht. Sein Credo: „Ohne Erschließung gibt es keine Waldwirtschaft.“ So, wie man ganz früher den Wald bewirtschaftet hatte – ganz naturnah mit der Kraft der Pferde und dann später mit kleinen Traktoren -, könne man heute nicht mehr arbeiten. „Das will keiner mehr machen“, so Fritzenwenger.

Die neue Forststraße auf dem Weg zur Holzeralm

Deshalb kamen auch die Eigentümer des neuen Forstweges zur Holzeralm – unter ihnen auch die Gemeinde Bad Wiessee – zu ihm, um die Straße gemeinsam zu planen. Ohne die Bewirtschaftung würden die Bäume stärker, dicker, größer und würden bei einem Sturm schneller umfallen, begründet der Revierleiter die angewendete Form der modernen Waldwirtschaft. Daher gehe man maßvoll in den Wald hinein, damit er sich von selbst verjüngen kann. Insgesamt werden so rund 124 Hektar Wald erschlossen. Dabei übernimmt das Land Bayern 80 Prozent der Gesamtkosten, die sich bei gut 350.000 Euro bewegen.

Wird er von Wanderern auf die neue Forststraße angesprochen, so versucht Fritzenwenger, das Vorgehen zu erklären. Wenn die Bäume beispielsweise zu dicht stünden, käme keine Luft mehr an den Boden. Da müsse man nachhelfen, dass das Ganze in Schuss gehalten werde. Und das gehe nur mithilfe der Erschließung. „Ohne Forststraßen passiert nichts“, ist sich der Revierleiter sicher und sieht keine Diskrepanz in der Anlage der breiten Straßen im Bergwald, wenn es um Ökonomie und Ökologie geht.

Mit dem Vorgehen sind wir auf einem sehr guten Weg. Man darf keine Käseglocke über den Wald stülpen.

Nun geht es bei dem Wald unterhalb der Holzeralm nicht um ein BWO-Projekt. Doch das sei egal, bestätigt auch Fritzenwenger. Das Vorgehen bei Forststraßen sei dasselbe. Denn die zweite Legitimierung, um Forststraßen zu bauen, bildet das sogenannte Forstwegeprogramm. Während die BWO nur für gewisse Projekte gilt, kann man im Landkreis Miesbach und Bad Tölz-Wolfratshausen auch über das Forstwegeprogramm versuchen, eine Forststraße zu bauen. Bei beiden Projekten laufen die Genehmigungsverfahren ähnlich ab. Und für beide Projekte stehen staatliche Fördermittel zur Verfügung.

Stellen müssen berücksichtigt werden

Für die Umsetzung der Projekte der BWO im Landkreis Miesbach ist Stephan Philipp zuständig. Er erklärt, dass jeder Forstweg vorher genehmigt werden müsse. Die Untere Naturschutzbehörde, das Wasserwirtschaftsamt sowie das Amt für Ländliche Entwicklung müssten vorher gefragt werden. Zudem müssten verschiedene Schritte vor dem Bau berücksichtigt werden. „Einfach so kann niemand eine Straße in den Wald bauen“, erklärt Philipp.

Die Einbindung der örtlichen Akteure in die Projekte schaffe laut AELF Transparenz und sichere ihren Erfolg bei der Umsetzung. Fachbehörden, Grundbesitzer, Almwirtschaft, Jäger, Kommunen und Bürger sowie betroffene Verbände, wie beispielsweise die Schutzgemeinschaft, arbeiten so gemeinsam für den Erhalt des Bergwaldes, meint die AELF.

In der Praxis sieht das jedoch meist anderes aus. Bei dem Verfahren, ob eine Straße gebaut wird oder nicht, sind die Möglichkeiten von Naturschützern oder Kritikern sehr begrenzt. So dürfen zwar in der Regel Stellungnahmen im Genehmigungsverfahren abgegeben werden. Die Formen der Mitgestaltung, beispielsweise bei der Dimensionierung der Straße, seien dagegen stark eingeschränkt, wie es aus Kreisen des BN heißt.

Philipp versteht die Kritik mancher Bürger, die den Wegebau in der Form ablehnen. Andererseits gibt er zu bedenken, dass man das große Ganze sehen müsse. Während des Wegebaus sehe es oft schlimm aus. Aber in ein paar Jahren, wenn die Böschungen wieder zugewachsen seien, würde der Eindruck im Wald ein komplett anderer sein.

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