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Agatharied setzt sich für bessere Bedingungen ein

Pfleger demonstrieren gegen Dauerbelastung

Von Sabiene Hemkes

Am internationalen „Tag der Pflege“ folgen die Mitarbeiter in Agatharied, zusammen mit der Krankenhausverwaltung, dem Streikaufruf von ver.di. Die Mittagspause wurde im Kreiskrankenhaus genutzt, um klare Kante gegen die aktuelle Gesundheitspolitik im Bund zu zeigen.

Gesichter der Pflege im Kreiskrankenhaus in Agatharied – Links: Markus Wieböck Mitte: Rebecca & Franzi Links: Frau Wolfram

In der Pandemie wurden die Mitarbeiter in den Pflegeberufen wie Helden abgefeiert. Sie wurden besungen, ihnen wurde Kuchen vorbeigebracht und immer wieder applaudiert. Die Politik zahlte den Mitarbeitern teils Prämien aus. Wertschätzung von überall. Im Wahlkampf machten alle Parteien große Versprechungen. Die Arbeitsbedingungen und die Vergütung für die Menschen, die in der Pflege tätig sind, sollten verbessert werden.

Die Ampelkoalition, und da in erster Linie der Gesundheitsminister, wurden gestern im Krankenhaus Agatharied an ihre Versprechungen aus dem Koalitionsvertrag auf diversen Plakaten und Bannern erinnert: „Keine Ausreden mehr Herr Lauterbach“ oder „Koalitionsvertrag einhalten!“, waren nur einige Forderungen aus der Belegschaft. Um Punkt 13:00 Uhr – in ihrer Mittagspause – versammelten sich Mitarbeiter im Foyer des Krankenhauses zu der Protestaktion.

Größte Belastung? Dauerbelastung.

Sie folgten damit am gestrigen Tag der Pflege, der zu Ehren von Florence Nightingale begangen wird, dem Aufruf der Gewerkschaft ver.di. Seit Jahren leiden auch die Beschäftigten in Agatharied unter den schwierigen Bedingungen im deutschen Gesundheitswesen. Fachkräftemangel, schlechte Bezahlung und schwierige Arbeitsbedingungen, wie von der Gewerkschaft angeprangert, kennzeichnen seit Jahren die Missstände auch im Kreiskrankenhaus des Landkreises.

Diese Probleme seien auch schon vor der Pandemie bekannt gewesen, berichtet eine Mitarbeiterin, doch durch Corona habe sich die Lage noch einmal deutlich verschärft. Für eine Pflegerin aus Miesbach besteht die größte Belastung in der Dauerbelastung, wie sie erklärt:

Das größte Problem für mich aktuell ist der Personalmangel. Wenn zurzeit jemand erkrankt, wird nur noch gefragt, wer noch einspringen kann. Dafür gehen immer wieder die freien Tage drauf.

Auch Markus Wiesböck vom Personalrat der Klinik sieht dringenden Handlungsbedarf. Wiesböck fordert die Bundesregierung auf, die Versprechungen des Gesundheitsministers endlich umzusetzen. Im Besonderen gehe es dem Personalrat, wie er sagt, um die versprochene Umsetzung der PPR 2.0 Richtlinie. „In der PPR 2.0 geht es um eine bessere Personalausstattung, um bessere Arbeitsbedingungen in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen voranzutreiben.

Doch nicht nur die erfahrenen Pflegekräfte beteiligten sich gestern an der „Protestaktion in der Mittagspause“. Auch die zwei jungen Pflegeschülerinnen Rebecca und Franzi sind mit einem selbst gestalteten Schild im Foyer dabei. Darauf gratulieren sie Florence, der britischen Begründerin des modernen westlichen Pflegewesens, dekoriert mit bunten Luftballons zum ihrem heutigen 112. Geburtstag. Auch Rebecca und Franzi haben schon einschneidende Erfahrungen im überlasteten Gesundheitssystem gesammelt, wie Franzi schildert:

Wir merken mittlerweile schon, wie einige unserer Mitschüler und Leute, die mit uns die Ausbildung machen, immer erschöpfter werden und auch schon Alternativen zum Pflegeberuf suchen.

Auch die beiden Berufsanfängerinnen leiden schon unter dem Stillstand, der sie umgibt. „Eigentlich geht gar nichts voran“, meint Rebecca leicht resigniert. Dennoch wollen die beiden ihrem Traumberuf treu bleiben und durchhalten – auch wenn es nicht einfach sei.

Das ist selten – gemeinsam streiken mit den Arbeitgebern

Von der improvisierten Bühne, auf der teilweise die Redner und Rednerinnen stehen, hört man ähnliche Kritik an den bestehenden Zuständen. Klinikvorstand Benjamin Barthold, der im Februar dieses Jahres die Leitung in Agatharied von Michael Kelbel übernommen hat, fordert die dringend benötigten und seit November in Aussicht gestellten Verbesserungen.

Mitarbeiter, Klinikleitung und der Landrat investierten ihre Mittagspause, um an der Protestaktion von ver.di am Tag der Pflege dabei sein zu können / Quelle: Krankenhaus Agatharied

Gerade auch im Landkreis, wo die Mieten und Lebenshaltungskosten so hoch seien, müssten die Mitarbeiter in der Pflege in der Lage sein, von ihrem Gehalt auch ordentlich zu leben. Er wird auch deutlich gegenüber den politischen Entscheidungsträgern:

Es kann doch nicht sein, dass gerade im Gesundheitsministerium das Thema Cannabis ganz oben auf der Agenda stehe. Durch die Legalisierung kämen nicht weniger Menschen ins Krankenhaus Agatharied.

Es sollten in Berlin doch endlich die wirklich wichtigen Themen umgesetzt werden, mahnt Barthold weiter an. Ansonsten seien die hohen Standards im Gesundheitswesen in der Zukunft nicht weiter aufrechtzuerhalten. Der Chef zeigt sich dennoch begeistert, dass sich die Pflegekräfte in Agatharied mit tollem Teamgeist und großen Engagement gegen die Krisen stemmen – seien es nun die Belastungen in der Pandemie oder die langjährige Krise im Gesundheitswesen. Diesem „Dankeschön“ an die Belegschaft konnte sich der mitstreikende Landrat Olaf von Löwis, als Vertreter des kommunalen Trägers der Einrichtung, nur anschließen.

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