Lokalkrimi vorgestellt: Martin Calsows "Quercher und die Thomasnacht"
Eine Liebeserklärung an den Tegernsee

von Rose Beyer

Gestern Abend stellte Martin Calsow sein neuestes Buch “Quercher und die Thomasnacht” bei einer Lesung im Lesesaal des Wiesseer Haus des Gastes vor. Knapp 60 Besucher lauschten dabei dem Auftritt des 43-jährigen Autors.

Eine kurzweilige Lesung des Wiesseers mit Geschichten aus der Nazi-Vergangenheit des Tals und interessanten Charakteren, die an den einen oder anderen realen Einheimischen angelehnt sind.

Der Wiesseer Autor im Rampenlicht – im Hintergrund Winterbilder aus dem Tal

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Nach seinen „Lilith“-Romanen, die nicht nur in Deutschland spielen, hat sich Martin Calsow für seinen ersten Krimi „Quercher und die Thomasnacht“ den Tegernsee als Schauplatz ausgesucht. Gestern Abend stellte er sein Werk im Wiesseer Haus des Gastes vor.

Am schönen Tegernsee hat man vor ein paar Tagen unter einem Baum eine Leiche gefunden. Ein deutscher Soldat, der wohl aus einem Kriegsgefangenenlager geflohen war. Das konnte man schon herausfinden. Auch den Namen. Die Leichenschau vor Ort ergab keine Fremdeinwirkung. Die Angehörigen wollen die sterblichen Überreste in die USA bringen und dort in einem Familiengrab bestatten. Jetzt muss die Leiche überführt werden. Das alles soll diskret ablaufen. Keine Presse.

In Bad Wiessee hatte man die zwei Toten gefunden. Den ehemaligen Soldaten unter einem Baum. Und denjenigen, der ihn dort entdeckt hatte und kurz darauf selbst blutüberströmt tot in seiner Kreissäge hing.

Mit seinem Titel, bei dem es um die berüchtigte „Thomasnacht“ geht, verspricht Calsow Spannendes und Mythisches. Gilt doch diese längste Nacht – vom 20. auf den 21. Dezember – als erste Raunacht, in der die Menschen diverse alte Brauchtümer pflegen.

Ursprünglich hatte diesen Gedenktag der Jünger Thomas bekommen. Er hatte nicht an die Auferstehung Christi glauben wollen, bis dieser ihm in Gestalt erschien und ihn den Finger in seine Wunde legen ließ. Symbolisiert durch den ungläubigen Thomas, soll den Menschen zur Wintersonnenwende klargemacht werden, dass Jesus immer über die Dunkelheit triumphieren wird. Mit solchen Anekdoten lockerte Calsow seine gestrigen Lesung auf und sorgte bei den rund 60 Zuhörern, die in das Haus des Gastes gekommen waren, für Interesse.

Ob „die Guten“ es schaffen, „die Bösen“ zu besiegen?

Aus dem Kontrast von heiler Natur und heillosen Naturen lässt der Wahl-Wiesseer – vor drei Jahren erst selbst an den Tegernsee gezogen – sein Buch entstehen, das friedloser nicht daherkommen könnte. Das Tegernseer Tal verspricht Idylle und Ruhe. Umso verstörender, wenn in dieser Bilderbuchkulisse das Verbrechen seine blutigen Spuren hinterlässt.

Noch dazu lässt Calsow sein Buch im Winter spielen, einer Jahreszeit, in der uns der Kontrast von weißen Schnee und rotem Blut einen noch größeren Schrecken einjagt, als wenn es draußen grün wäre.

Einige Kapitel lässt der 43-Jährige in der Münchner Dienststube seiner Hauptakteure spielen, die meisten aber kreisen rund um den Tegernsee. Er beschreibt Orte und Charaktere so genau, dass jeder Einheimische sich fühlbar selbst am Geschehen beteiligt sieht. Bereits im Prolog skizziert der gebürtige Westfale die Charaktere, auf die man in seiner neuen Wahlheimat gut verzichten könnte.

„Ri ra ruff – wir fahren in den Puff. Aus vierundzwanzig Männerkehlen grölte der dämliche Reim. In einem Bus, durchdrungen von zu scharfem Rasierwasser und zu vielen Hormonen, saßen drei Männer, die diese Fahrt als Arbeit verstanden. Die Letzten stiegen in Kreuth, kurz vor der Grenze zu Österreich, ein. Man kannte sich.”

Die meisten Menschen hier mag der Schriftsteller jedoch sehr, bestätigte er während der Lesung ein ums andere Mal „Das Buch ist, trotz der Beschreibung krimineller Machenschaften, eine Liebeserklärung an das Tal und seine Menschen”, so Calsow.

Rund 60 Gäste im Wiesseer Haus des Gastes hörten gestern die Lesung von Martin Calsow

Besonders mit der Figur des Hauptdarstellers – dem Ermittler Max Quercher – wolle er einem außergewöhnlichen Menschen ein Denkmal setzen. Peter Quercher, dem Schreiner, bei dem Calsow häufig “seinen Kopf ausruhen darf” und zum Handlanger wird. Liebevoll – aber auch bösartig – skizziert er in seinem Buch die Ambivalenz, der man sich als Einheimischer oder „Zuagroaster“ im Tal mit all seinen Traditionen und Einflüssen auseinander- beziehungsweise zur Wehr setzen muss.

Der Schnee. Wie Quercher ihn hasste. Kälte war ihm schon immer zuwider gewesen. Seit er mit seiner Schwester am Skilift warten musste. Wie alle hier hatte auch Maximilian Quercher das Skifahren lernen müssen. Aber Skifahren war hier nicht nur ein Hobby. Man musste es perfekt beherrschen, besser als die Preußen, die im Winter auf Sommerreifen hierher kamen und sich in lächerlichen Skihosen und kreischbunten Jacken über die Landschaft hermachten wie Heuschrecken über die Ernte.

So gebiert Calsow in seinem Buch neben dem total abgebrannten LKA-Beamten Quercher, der zwar aus dem Tal stammt, es aber eigentlich unerträglich findet, nach und nach weitere typische Charaktere, die er wortgewandt samt Umfeld in Szene setzt.

Wer ist Täter – und wer hat mit der Sache nichts zu tun?

Beispielsweise „Arzu“, seine schwangere, nervtötende, aber eigentlich ganz nette türkische Kollegin. Oder Querchers Chef – und so was wie sein Vater –, Dr. Ferdinand Pollinger, der kurz vor seiner Rente steht, sich nun aber mit Magenkrebs in seinen letzten drei Lebensmonaten sieht. Auch Lothar Straßberger, der betagte Dienststellenleiter der Wiesseer Polizei, tritt immer wieder in Aktion. Hauptperson ist ebenso Hannah Krüger, die zickig-schönoperierte Enkelin der „Wachsleiche“, welche oben im verschneiten Bergwald gefunden wurde.

Die Polizeidienststelle in Bad Wiessee, in Uringelb gestrichen, lag neben einem Supermarkt. Quercher parkte seinen Kombi auf dem davorliegenden Parkplatz, nuschelte „Ich muss was holen“ und verschwand in dem Laden, während Arzu und Hannah auf ihn warteten. Quercher hatte den Motor laufen lassen. „Haben Sie was miteinander?“, fragte Hannah Kürten.

Das Letzte, was Calsow laut eigener Aussage wollte, sei eine Fortsetzung des Regionalkrimi-Klischees mit einem weiteren “depperten Polizisten”. Stattdessen finde er es viel interessanter, die Menschen aus dem Tal in die Handlung einzubauen.

Auch Bürgermeister Stangassinger, Immobilienmakler Brunner und der Elektriker Schlickenrieder treten in Szene. Nicht zu vergessen Querchers Schweißhündin „Lumpi“, die liebevoll in die Geschichte eingebettet wird. Und dann ist da ja noch Schreiner Andreas Birmoser, der – beim illegalen Holzschlagen – die Leiche des alten Kürten gefunden hatte und kurz darauf selbst tot in seiner Werkstatt gefunden wird.

In einer Region, in der es kaum Kriminalität zu geben scheint und die Natur so perfekt ist, dass es schon fast wehtut, lässt Calsow die Figuren im Vordergrund agieren. Strickt kriminell gute Verbindungen. Schlägt zusätzlich dunkle Kapitel auf, die weit in die Vergangenheit führen.

Martin Calsow bei Buch und Bier – damit die Stimme “gut geölt ist”

Ob das Hotel Lederer, wo Hitler seinen einstigen Freund Röhm verhaftete, oder die Todesmärsche aus dem KZ Dachau, die etwas außerhalb von Tölz endeten. Oder Geschichten vom Bundesnachrichtendienst, der dem DDR-Funktionär Schalck-Golodkowski am Tegernsee einen ruhigen Lebensabend verschafft hatte.

Die Kapitel aus der Vergangenheit, die Calsow in seiner Lesung anschneidet und somit als wichtige Grundlage seines Krimis skizziert, sind schon deshalb interessant, weil das Buch daraus einen Großteil seiner Spannung bezieht. Der Autor führt seine Leser dabei tief hinein in vergangene Zeiten und macht mit diesen Einblicken eine Schublade auf, die viele nicht kennen und die dadurch umso interessanter wird.

Unter der glänzenden Oberfläche der schönen Immobilienprospekte brodeln zudem Fremdenangst, Korruption und Betrug. „Quercher und die Thomasnacht“ thematisiert politische Verstrickungen und Immobilienskandale im Tal und beweist, dass die Region um den Tegernsee den perfekten Spielort für einen spannenden Thriller darstellen kann. Wen Calsow mit seinem Krimi „infiziert“ hat, der darf sich auf eine Fortsetzung des „Quercher“ freuen. Sechs Bände sind in dieser Serie geplant. Im Frühjahr 2014 soll das nächste Buch erscheinen – ein Entführungsfall.

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