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Ein Kommentar zur Entscheidung für das Geothermie-Projekt in Holzkirchen

„Riskant aber richtig“

Von Redaktion

Es war ein historischer Tag für Holzkirchen: Am Donnerstag hat sich der Holzkirchner Gemeinderat mehrheitlich für die Durchführung des Geothermie-Projekts ausgesprochen. Diese Entscheidung spaltet den Ort – denn sowohl die Risiken, als auch die Chancen dieses Projekts sind groß. Ein Leserkommentar von Sascha Müller.

Der Weg für das Geothermie-Projekt ist frei - die Meinungen jedoch gespalten
Der Weg für das Geothermie-Projekt ist frei – die Meinungen jedoch gespalten

Der Gemeinderat Holzkirchens hat am Donnerstag beschlossen, das insgesamt 40 Millionen Euro umfassende Projekt Geothermie in Angriff zu nehmen. Der Marktgemeinderat hat sich die Entscheidung pro Geothermie nicht leicht gemacht, vor allem wurde die Entscheidung sehr gewissenhaft und sorgfältig vorbereitet: Unabhängige Gutachter überprüften die Berechnungen zur Wirtschaftlichkeit sowie die geologischen Untersuchungen.

Berechnungen wurden laut Aussage der Gemeinderäte, generell konservativ und vorsichtig durchgeführt um Schönrechnerei einen Riegel vorzuschieben. Es besteht eine Bohrleistungsversicherung. Man greift bei Pumpen und Kraftwerken auf Standard-Technik zurück, die bereits erprobt ist und nicht erst entwickelt oder speziell angefertigt werden muss, wie beispielsweise in Sauerlach.

Auf Lernerfahrungen der Geothermie-Projekte der letzten 10 Jahre kann zurückgegriffen werden. Wie in der Sitzung angemerkt wurde, ist dieses Projekt möglicherweise das bisher am besten vorbereitete Geothermie-Projekt überhaupt.

Risiken: Zeitplan und Fündigkeit

Die größten bleibenden Risiken sind der straffe Zeitplan und das Fündigkeitsrisiko: Sprudelt das heiße Wasser nicht in der erhofften Menge, ist die Schüttung zu gering, bedeutet das einen Totalverlust. 10,7 Millionen Euro sind dann verloren. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Fall eintritt, liegt bei zehn Prozent. Ein Totalverlust wäre äußerst schmerzhaft, bedeutete aber nicht, dass der Markt Holzkirchen auf Jahre hin handlungsunfähig oder überschuldet wäre. Diese Befürchtungen sind unbegründet: Die Investitionssumme von 10,7 Millionen Euro ist seit Jahren im Haushalt eingeplant und als sogenannter Haushaltsrest vorhanden.

Gegen Probleme bei der Bohrung konnte man sich absichern, nicht aber gegen die Zeitverzögerung, die dadurch entstehen könnte. Im Idealfall, und um die maximale, durch das EEG garantierte Vergütung zu bekommen, muss das Geothermie-Kraftwerk spätestens am 31.12.2017 ans Netz gehen. Jedes Problem bei der Bohrung oder jeder Lieferengpass würde es unwahrscheinlicher machen, dieses Ziel zu erreichen, was wiederum die Einnahmen schmälern würde.

Ich bezweifle sehr, dass dieser Termin eingehalten werden kann. Eine Fertigstellung 2018 halte ich für realistischer, aber auch in diesem Fall bleibt nach 20 Jahren unterm Strich ein finanzieller Gewinn.

Es geht um mehr als Geld

Die Risiken Zeitplan und Fündigkeit bleiben, man kann sich nicht (mehr) dagegen absichern. Ich bin jedoch der Meinung, dass die Risiken weniger schwer wiegen als die Chance. Es besteht die Möglichkeit, langfristig finanzielle Gewinne mit dem Verkauf von Wärme und Strom zu erwirtschaften. Dieses Geld kommt den Gemeindewerken, der Gemeinde und somit auch unmittelbar den Bürgern Holzkirchens zu Gute. Noch wichtiger als die Chance auf finanziellen Gewinn ist für mich jedoch, dass wir in Holzkirchen damit die Energiewende anpacken.

Die Tatsache, dass fast die Hälfte des Stroms in Deutschland noch immer in Kohlekraftwerken produziert wird, zeigt, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Mit dem Geothermie-Kraftwerk könnte ein Drittel des Strombedarfs und die Hälfte des Wärmebedarfs der Gemeinde gedeckt werden. Ein weiterer Vorteil der Geothermie ist, dass sie, anders als Sonnen- oder Windenergie, zuverlässig zur Verfügung steht und damit die Grundlastversorgung sichert.

Die Entscheidung pro Geothermie ist angesichts der Risiken mutig, sie mag sich in wenigen Monaten als falsch erweisen. Glücklicherweise wären die aktuellen Gemeinderäte dann noch im Amt und müssten sich selbst mit den Folgen des Verlustes auseinandersetzen. Deswegen glaube ich, dass die Entscheidung zum jetzigen Zeitpunkt zwar riskant aber richtig war.

Rücktritt der Brüder Ernst

Die Brüder Marcus und Egmont Ernst sehen das anders. Sie haben dafür gekämpft, dass Holzkirchen das Projekt nicht jetzt angeht. Mehrfach haben die Brüder betont, dass sie die Geothermie prinzipiell positiv sehen, aber ihnen die Risiken momentan zu groß erscheinen. Nachdem sich der Gemeinderat dazu entschieden hatte, die Bohrungen jetzt zu starten, traten die beiden Brüder zurück. Ich bedaure diesen Rücktritt, weil es immer bedauerlich ist, wenn demokratisch gewählte Mandatsträger ihr Amt niederlegen.

Als Gemeinderäte waren die Brüder Ernst sehr kritisch, das empfinde ich für sehr wichtig. Für mein Empfinden wurden Kritik und Bedenken manchmal jedoch sehr wenig konstruktiv und vor allem unsachlich geäußert. Ich glaube, dass dieser Kommunikationsstil auch dazu beigetragen hat, dass die anderen Fraktionen Anregungen der Freien Wähler oft blockiert haben. Ich hoffe, die Nachrücker der Freien Wähler werden inhaltlich ähnlich kritisch wie Marcus und Egmont Ernst sein, ihre Anliegen aber sachlicher und konstruktiver im Gemeinderat vortragen. Das wäre für alle in Holzkirchen ein Gewinn.

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