Biogas in Afrika: Spendengala am Tegernseer Gymnasium

„Scheiß auf Holz“

Von Rose Beyer

“Drei göttliche Wesen nahmen uns die Sorge ab, es waren Trommel, Tanz und Gesang.“ Nadine Heinemann zitiert diesen Satz von Amos Tutuola, bevor sie auf die Bühne in der Gymnasiums-Aula steigt. Anlässlich der Spendengala „Biogas für Afrika“ war die Tölzer Trommellehrerin mit ihrer „Combo“ nach Tegernsee gerufen worden.

Die zwölf Schüler des praxisorientierten Seminars haben eine Benefizveranstaltung für ein soziales Projekt organisiert. Deshalb bringen die fünf Trommler jetzt die rund 150 Menschen im Saal mit mehrstimmigen Rhytmen an „Djembé“, „Doundoun“, „Sangban“ und „Kenkeni“ – so heißen die Instrumente – in eine ganz besondere Stimmung.

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„Die Fremdartigkeit übt diesen ganz besonderen Reiz aus,“ bringt es Klaus Haegler auf den Punkt. Während seines Vortrages zeigt er Bilder aus Kenia. Grüne Hanglandschaften. Arbeitende Bauern. Fressende Kühe. Ungewöhnliche Bilder sind es – denken manche doch bei Afrika eher an wüstenartige Landschaften mit kaum Vegetation. Doch Kenia scheint anders zu sein. Fruchtbar ist es hier, klärt Haegler auf. Üblicherweise gibt es in zwölf Monaten ganze neun Monate Regen und nur drei Monate Trockenzeit.

Von Abendgestaltung bis Technik

Zwölf Monate – so lange arbeiteten die 12-Klässler im P-Seminar an ihrem Projekt. In Arbeitsgruppen befassten sich die Pre-Abiturienten mit den unterschiedlichsten Disziplinen: Sponsorensuche, Presse, Werbung, Technik. Alles musste bis ins Kleinste durchdacht werden, um es schließlich in der Abendgala zu präsentieren.

Hauptsächlich stehen Kirsten und Fabian auf der Bühne und moderieren den Abend, doch auch andere kommen zu Wort. Lehrerin Ulrike Weizbauer hält sich im Hintergrund. Das ganze Jahr über hatte sie Schützenhilfe geleistet. Auch zum typischen Essen und zur Abendgestaltung beriet sie die Schüler.

Alle Schüler des P-Seminars

Dabei gehört das Trommeln zu Kenia wie die Blasmusik bei uns zum Waldfest. „Obwohl es ursprünglich eigentlich aus dem westafrikanischen Guinea stammt,“ gibt Nadine zu bedenken. Außerdem wird meist gesungen. Dieser Part muss heute entfallen. „Weil ich heiser bin,“ gibt sie zu.

Dafür ist nun ein Rasseln zu hören. Alle fünf Trommeln setzen ein und begleiten die Tänzertruppe rund um „Sopi“, die die Gruppe anführt. Barfuß und mit mystischen schwarz-weiß bemalten Gesichtern bringen sie sich und das Publikum in Rage – und wieder in eine lebensfreudige afrikanische Stimmung.

Die Probleme in Kenia

In einem kurzen, von Stiftungsmitarbeitern erstellten Dokumentarfilm werden die Probleme klar, die die Einheimischen in Kenia haben. Der Holzbedarf ist riesig, weil den halben Tag in den einfachen Häusern gekocht wird. Die Folge: alle Familienmitglieder – auch die Kinder – sind lange Zeit mit Holzsammeln beschäftigt. Die Landschaft offenbart die Spuren. „90 Prozent des Regenwaldes ist komplett abgeholzt,“ warnt der Stiftungsvorsitzende. Außerdem haben die meisten Kinder keine Zeit, um in die Schule zu gehen.

Klaus Haegler erläutert die Bedingungen vor Ort.

Zusätzlich verursachen Holz und Holzkohle einen beissenden Rauch und Ruß in den Hütten. Die Folge sind Atemwegserkrankungen, die die Todesursache Nummer 1 darstellen. „17 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren sterben an Lungenentzündung,“ gibt Haegler zu bedenken.

Der ausgebildete Druckereiunternehmer wollte nicht sein ganzes Leben in seiner Firma verbringen. Immer schon zeigte er sich interessiert an sozialen Projekten und fremden Ländern. Auf Reisen kam er dann schnell den Menschen näher. Und stieß zwangsläufig auch auf deren Nöte.

So wie im kenianischen Taita in der Coast Province. Was er faszinierend fand, war die Tatsache, „mit wie wenig Geld man viel bewegen kann.“ Vor zwei Jahren gründete er deshalb die Stiftung SOFIs World – Social Finance. Samt Team setzt er sich für den Bau von Biogas-Anlagen in Taita ein.

Scheiß auf Holz

Hier wohnen vor allem Bauersfamilien, die von der Milchwirtschaft leben. „Ein bis zwei Kühe hat hier fast jeder,“ berichtet er. Ein Umstand, den Haegler einst auf eine Idee brachte. Denn das, was die Kühe am meisten produzieren – neben der Milch – erschien ihm als „braunes Gold“. Mit Scheiße die örtlichen Probleme zu lösen, das ist wirklich einzigartig.

Vroni und Bernd vom P-Seminar erklären anhand eines virtuellen Modells auf der Leinwand, wie die Biogas-Anlage funktioniert. Zuerst sammeln die Bauern den Kuhdung und die Fäkalien ein und reinigen ihn von Gräsern und anderem Unerwünschten. Vermischt mit Wasser gärt die Masse sechs Wochen lang in einem Behälter und wird zu sogenanntem „Slurry“, einer proteinhaltigen Masse, die man als hochwertigen Dünger ausbringen oder sogar als Nahrung an die Kühe verfüttern kann. Das entstehende Biogas dient als sauberer Brennstoff für Gaslampen und Kocher.

Mit einem Schlag scheinen alle Probleme lösbar zu sein

Es muss kein Holz mehr gesammelt werden. Dadurch entstehen keine giftigen Abgase mehr in den Häusern. Die Kinder können auch abends noch lernen und Hausaufgaben machen. Außerdem ist das Biogas eine kostengünstige, einmalige Investition für die Bauersfamilien. Die Kosten von ungefähr 500 Euro pro Familie sind über das Milchgeld für die meisten innerhalb ein oder zwei Jahren refinanzierbar.

Beim Bau der Biogasanlage

Die Aufgabe der Stiftung sieht Haegler als Hilfe zur Selbsthilfe. Das Team bietet Beratung und Hilfe bei der Finanzierung an. Außerdem bildet es die Handwerker aus, die die Anlagen bauen. An die 100 kleine und mittelgroße Anlagen sollen in der Region entstehen. Zwei größere Projekte sind bereits in der Realisierungsphase: die Anlage für eine Schule, mit der 600 Schüler versorgt werden und die für ein Waisenhaus.

Damit noch möglichst viele Anlagen gebaut werden können, hoffen die Schüler des P-Seminars auf zahlreiche Spenden für die Stiftung. „Sopi“ verabschiedete sich mit den Worten: „Möge die Jugend weiter aktiv sein, dann ist unsere Welt nicht verloren.“


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