Jugendsozialarbeit an Rottacher Mittelschule - Schüler, Lehrer und Eltern vernetzen
“Probleme werden oft in die Schule getragen“

von Rose Beyer

„Kann ich mal mit dir reden?“ Emma (Name geändert) trifft Anna Elisabeth Koch im 1. Stock der Rottacher Mittelschule. „Na klar, komm’ rein.“ 20 Stunden ist die Sozialpädagogin an der Schule und hat immer ein offenes Ohr für „ihre“ Schüler. Die 25-Jährige kennt die Probleme der Mädchen und Jungen, aber auch der Eltern und Lehrer.

Ob ihr junges Alter dazu beiträgt, dass sie einen besonderen Draht zu den Schülern hat? Anna verneint. Darauf komme es nicht an. Es sei mehr eine Vertrauenssache. „Erstmal ist man ja ein Fremdkörper an der Schule“, erinnert sich die junge Waakirchnerin an ihre Anfangszeit vor drei Jahren.

Die Schulfamilie hat mich von Anfang integriert, sodass ich einen guten Start hatte. Mit der Zeit kommt man an und dann fällt viel Druck und Stress von allen Beteiligten ab.

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Der Schulalltag wird immer häufiger durch tiefgreifende Veränderungen der Lebensumstände unserer Kinder in den Bereichen Familie, Freizeit, Freundeskreis und Schule geprägt. Berufstätigkeit der Eltern, Terminstress in der Freizeit, Leistungsdruck.

Zunehmend werden die auch außerhalb der Schule entstandenen Probleme in diese hineingetragen. Dann treten sie dort offen zu Tage. Schüler sind im Kopf schon nicht mehr ”frei” für die Schule, wenn sie diese früh am Morgen betreten. Konflikte zwischen Lehrern und Schülern sind vorprogrammiert. Manche Schüler sind deshalb oft nur noch von jemandem ansprechbar, den sie nicht mit dem System Schule identifizieren.

„Hast du Zeit für mich?“

Einige Kinder und angehende Jugendliche suchen das Gespräch mit Anna, wenn sie Probleme mit Gleichaltrigen haben oder mit ihren Eltern oder Lehrern nicht klarkommen. „Sie wissen, dass ich eine Schweigepflicht habe und auf eine andere Art und Weise Bezugsperson für sie sein kann als die Lehrerinnen und Lehrer.“

Jede Zusammenarbeit erfolgt unter Beachtung des Datenschutzes. So finden alle Gespräche und Kontakte vertraulich statt. Außerdem trübt kein Notendruck die Beziehung zwischen Anna und den Kindern. Jugendliche, die sich auf einen Beruf vorbereiten, suchen bei ihr Unterstützung beim Bewerbungstraining und der Berufswahl. Hier hilft die Pädagogin beispielsweise, geeignete Programme zu vermitteln, macht vorher auf Wunsch eine Analyse von Stärken und ist bei potentiellen Arbeitgebern im Gespräch, um bei der Praktikumssuche zu helfen.

„Bei dem Schüler passt’s grad nicht so.“

Es kommen auch Lehrer zu Anna. Mobbing oder Gewalt in der Klasse ist ein Grund, sich an die 25-Jährige Pädagogin zu wenden. Oder Probleme, die entstehen, wenn ein Jugendlicher nur noch passiv am Unterrichtsgeschehen teilnimmt oder die Noten zu wünschen übrig lassen. Anna versucht in diesem Fall, den Lehrer zu entlasten und die sozialpädagogische Begleitung des Schülers zu übernehmen, gemeinsame Interventionen oder eine individuelle Förderung zu planen.

Schüler suchen immer häufiger Rat / Quelle: Schülerhilfe

Wenn Eltern Probleme mit ihrem Nachwuchs haben, ist Anna zur Stelle. Sie leistet Unterstützung bei Erziehungs- und Familienproblemen, vermittelt Hilfen oder fördert die Teilhabe der Eltern am Schulleben. Sie nimmt eine Art Brückenfunktion zwischen Eltern, Lehrern und Schülern ein. Dabei ist die Schulart eigentlich unrelevant.

Die Pädagogin weiß, mit unterschiedlichsten Schultypen umzugehen. Neben ihrer praktischen Tätigkeit an der Rottacher Schule trägt sie als Bereichsleiterin der Jugendhilfe Oberbayern die Verantwortung für ein Team von Pädagogen, die in den vier Landkreisen Miesbach, Bad Tölz, Fürstenfeldbruck und Starnberg an Mittel-, Förder-, und Realschulen sowie am Gymnasium tätig sind.

Eine große Herausforderung

Zwar liegen zwischen den Schultypen Welten. Aber manche Probleme ähneln sich dann doch wieder. Überall braucht es präventive Maßnahmen gegen Gewalt und Mobbing. Sorgen, Liebeskummer, schuldistanziertes Verhalten oder Streit mit den Eltern. Auch an der Rottacher Schule, wo sich die Sozialarbeit mittlerweile fest etabliert hat. Insgesamt sind laut Peter Huber vom Staatlichen Schulamt im gesamten Landkreis zurzeit an sechs Schulen Sozialpädagogen im Einsatz.

Die Kinder- und Jugendhilfe und der Bereich Schule sind eigentlich zwei sehr unterschiedliche Felder, die zwar die gleiche Zielgruppe haben, doch verschiedene Herangehensweisen. Während Lehrer häufig eher „Einzelkämpfer“ sind, arbeiten Sozialarbeiter wie Anna vernetzt.

Auch wenn Schulsozialarbeit häufig eine große Herausforderung ist, ist die Vielfalt genau das, was Anna an ihrer Arbeit so reiz.

Die vielen schönen Erlebnisse und der enge Kontakt zu den Kindern und die Vielfältigkeit macht das Arbeiten aus.

In der Gemeinschaft von Schülern, Lehrern und Eltern soll ein möglichst positives Schulklima, ein soziales Miteinander entstehen. Und – gerade im Mittelschulbereich – gilt es, realistische berufliche Perspektiven zu schaffen.

Auch an den Grundschulen?

Doch nicht nur in den oberen Jahrgangsstufen wird Anna gebraucht. Immer häufiger kommt es vor, dass auch Grundschüler sie ansprechen. Und auch die Lehrer der ersten vier Klassen scheinen teilweise Unterstützung zu brauchen. Wie berichtet hatten sich die Grundschulrektoren und der Führung von Karl Müller (Rektor in Rottach) an die Tal-Gemeinden gewandt, mit der Bitte Schulsozialarbeit auch in den unteren Stufen zu ermöglichen.

Da dies auch mit hohen Kosten verbunden ist, wollen sich alle Gemeinderäte nach und nach mit dem Thema auseinandersetzen und entscheiden, ob sie sich die Investition leisten können. Als erstes haben die Gmunder Gemeinderäte einer Finanzierung zugestimmt. Somit besteht die Möglichkeit, dass auf Anna zukünftig noch mehr Arbeit wartet.

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