Autofahren im Alter

Senioren als Risikofaktor im Straßenverkehr

Von Rose Beyer

„Trage ich ein erhöhtes Risiko beim Autofahren? Vor allem Senioren stellen sich diese Frage und möchten wissen, wie sie möglichst lange unabhängig und sicher mobil sein können. Manchmal endet eine Fahrt nämlich nicht am gewünschten Ort.

So wie im Sommer 2012, als ein Auto mit drei Senioren im Tegernsee versank. Nur die 91-jährige Fahrerin konnte sich befreien. Ihre Begleiter starben. Der Fall wird auch durch die Statistik gestützt. Vor allem die Gruppe 80 plus ist dabei besonders gefährdet. Mit ihnen aber auch andere Verkehrsteilnehmer.

Bei der Bergung des Fahrzeuges an der Rottacher Überfahrt / Archivbild Juli 2012

Eigentlich ist das Fahren als Rentner nicht riskanter als in anderen Altersgruppen – das besagen zumindest die statistischen Daten. Doch man muss einschränken: lediglich bis zum 75. Lebensjahr geht von älteren Verkehrsteilnehmern kein erhöhtes Risiko aus.

Danach steigt die Wahrscheinlichkeit zu verunfallen kontinuierlich an: bei einem Fahrer Ende 70 ist das allgemeine Unfallrisiko doppelt so hoch wie bei Pkw-Lenkern zwischen 30 und 60 Jahren. Bei einem Fahrer mit Ende 80 ist es mit demjenigen von Fahranfängern – die absolute Risikogruppe – vergleichbar.

Auch lokal rückläufige Zahlen

Diese Erfahrung hat auch Wolfgang Strobl von der Wiesseer Polizeiinspektion gemacht. Er ist der Verkehrsexperte im Tal. Dazu gehört auch, dass er Statistiken aufstellt. Die Zahlen der Verkehrsunfälle am Tegernsee werden einen ähnlichen Rückgang aufweisen wie die im Landkreis, mutmaßt er.

Im April sollen die Auswertungen veröffentlicht werden. Was er jetzt schon sagen kann, ist, dass es 2012 etwa 800 Unfälle im Tal gab (zwei davon endeten tödlich). An 127 Unfällen waren ältere Leute (über 65 Jahre) beteiligt. Laut Strobl eine Zahl, die nicht per se darauf schließen lässt, dass Autofahren im Alter riskanter ist als in jüngeren Jahren.

25 Prozent der Unfälle verliefen mit Personenschaden, 35 Prozent mit Sachschaden, der Rest sogenannte Kleinunfälle – Auffahrunfälle sowie „Parkplatzrempler“. Sind ältere Personen an den Unfällen beteiligt, so wird dies erfasst. Dazu, so Strobl, existiere ein „Formblatt von Auffälligkeiten älterer Personen im Straßenverkehr“. Außerdem erfolgt eine Info an die Führerscheinstelle in Miesbach.

Fahrtüchtigkeit selbst einschätzen

Der Wiesseer Allgemeinmediziner Dr. Iwan Nantschev möchte älteren Leuten helfen, sich in Sachen Fahrtüchtigkeit selbst richtig einzuschätzen. Er weiß: sind Patienten älter als 80, so erhöht sich die Unfallhäufigkeit. Der Grund: körperliche Defizite. Hör- und Sehschwächen, vermindertes Reaktionsverhalten, eingeschränkte Beweglichkeit, gerade im Halswirbelsäulenbereich. „Ich spreche das Problem dann schon an“, erklärt der Wiesseer Arzt. So wie bei Peter O. (78), der zwar körperlich fit ist, dessen Augen jedoch am Grauen Star erkrankt sind.

Mit der offenen Aussprache möchte Dr. Nantschev seine Patienten vor Schwierigkeiten mit der Versicherung bewahren. Bis zu einem bestimmten Alter könnte man die Einschränkungen noch kompensieren. „Die Leute fahren dann seltener, langsamer, disziplinierter, kürzere Strecken und nur noch selten nachts“, weiß der Mediziner. Nur wenige würden freiwillig auf ihr Auto verzichten, fahren so lange es eben geht. Probleme treten hauptsächlich bei Demenzkranken auf. „Bei ihnen fehlt die Einsicht, dass ihnen was fehlt“, erklärt er.

Präventiv bietet der Mediziner Vorträge an, in denen er Tipps für ältere Autofahrer gibt. Außerdem spricht er das Thema bewusst an, wenn entsprechende Patienten in seine Praxis kommen. „Ich appelliere an die Selbsteinsicht“, sagt er. Freiwillig gibt fast niemand das Autofahren auf. Dabei wäre für viele Taxifahren eine günstige Alternative. Doch mobil sein und damit unabhängig bleiben bis ins hohe Alter, das gehört für viele Menschen zu den Grundsätzen von Lebensqualität.

Im Januar fuhr ein 85-Jähriger in den Rottacher Edeka. Wahrscheinlich Ursache: Gas und Bremse verwechselt

Auch der ADAC betont immer wieder, wie wichtig es sei, dass ältere Menschen dazu ermutigt werden, ihre körperliche und psychische Verfassung selbstkritisch einzuschätzen. Freiwillige Tests beim Arzt sollen helfen, die eigenen Fähigkeiten objektiv einzuschätzen. Zwar sind in vielen EU-Ländern Führerscheintests obligatorisch, es liegen jedoch keine eindeutigen Belege dafür vor, dass diese einen positiven Einfluss auf die Verkehrssicherheit besitzen.

Tödliche Verwechslung

Peter O. lässt sich demnächst an den Augen operieren und hofft darauf, dass das hilft, wieder besser sehen zu können. Die Ärzte prüfen zwar danach die Sehkraft. Doch ein echter Fahrsicherheitstest im Anschluss an den Eingriff ist nicht nötig. Für den 78-Jährigen kein Freifahrtschein:

Ich würde ungern auf mein eigenes Auto verzichten. Einkaufen, Arztbesuche, Ausflüge – das gehört für mich zum Leben dazu. Aber wenn ich merke, es geht nicht mehr so, würde ich sofort sagen – Schluss aus.

Denn als echtes Verkehrsrisiko möchte er nicht gelten. Dabei betont O., dass auch er Bekannte habe, die bei ihrem relativ neuen Fahrzeug bereits Bremse und Gas verwechselt hätten. Ein Versehen, das manchmal glimpflich ausgeht, wie beim Rottacher Edeka. Aber auch in einer Tragödie enden kann, wie es der Unfall vor dem Hotel Überfahrt gezeigt hat.


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