Büttenpapierfabrik in Gmund

“Wir bringen das Geld ins Tal”

Von Rose Beyer

Ergänzung vom 8. Februar 2012 / 11:51 Uhr
Was wünscht sich Florian Kohler als Geschäftsführer der Büttenpapierfabrik im Gmunder Louisenthal von der lokalen Politik? Wie wichtig sind die über 100 Mitarbeiter für den Erfolg? Und warum ist es Chance und Herausforderung zugleich in einer Umgebung wie dem Louisenthal Papier zu produzieren?

Antworten auf diese Fragen gibt es in den beiden folgenden Videos. Insgesamt knapp zehn sehens- und hörenswerte Minuten:

Erster Teil:

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Zweiter Teil:

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Ursprünglicher Artikel vom 31. Januar:
„Häufig ist die Geschichte von Unternehmen untrennbar verbunden mit einem hohen Flächenverbrauch“, behaupten die einen. Sie plädieren für mehr Umweltschutz und setzen sich dafür ein, dass wertvolle Kulturlandschaft erhalten bleibt und zusätzliches Verkehrsaufkommen möglichst vermieden wird.

Unternehmen dagegen vertreten das Ziel, ausreichend Arbeitsplätze schaffen zu wollen. Soziale Verantwortung, sagen sie, fängt bei einem sicheren Arbeitsplatz an. Dazu soll Geld in die Region kommen. Denn davon profitieren Gemeinden wie auch die lokalen Geschäfte.

In welcher Verantwortung stehen die Unternehmen?

Die Tegernseer Stimme schaut hinter die Motive der verschiedenen Interessensvertreter und setzt sie ins Bild. Dieses Mal waren wir in Louisenthal, jenem ehemals idyllischen Ortsteil Gmunds, durch den sich die Mangfall schlängelt. Das tut sie noch heute. Doch seit sich hier Gewerbe angesiedelt hat, fließt nicht nur der Fluß durchs Tal, sondern auch zahlreicher Auto- und Transportverkehr.

Louisenthal. Im Vordergrund die Papierfabrik von Giesecke & Devrient. Zwischen der Papierfabrik und dem Ursprung der Mangfall befindet sich die Büttenpapierfabrik. Quelle: Giesecke & Devrient

Urkundlich erwähnt wurde die Industrialisierung im Louisenthal erstmals im Jahre 1823. Damals wurde das Kupfer-, Walz- und Hammerwerk an der Mangfall errichtet. Auch Bierbrauer hatten sich im Tal angesiedelt.

„Hier gab es quasi schon immer Gewerbe“, bestätigt Florian Kohler, Inhaber und Geschäftsführer der Büttenpapierfabrik Gmund. Das traditionsreiche Werk produziert seit 1829 Papier. Wenig später begann die zweite Papierfabrik – die heute ungleich größer ist und dem Konzern Giesecke & Devrient gehört – mit der Produktion.

Auskommen für viele Familien

Seit 1904 gehört die Büttenpapierfabrik der Familie Kohler. Zahlreiche Menschen aus dem Tegernseer Tal fanden hier seit jeher Arbeit. 100 Mitarbeiter zählt das Unternehmen heute. An den Maschinen stehen auch Quereinsteiger. Sämtliche technischen Berufe sind vertreten. Denn der Beruf des Papiermachers ist rar geworden. Im Drei-Schicht-Betrieb von Montagfrüh bis Samstagabend werden die beiden Papiermaschinen bedient.

Quelle: tegernsee.com

Eine davon arbeitet seit 1883 und ist über 40 Meter lang. Die “Papiermacher” fertigen hochwertiges Papier in bis zu 250 Farbtönen und Grammaturen von 80 bis 500 Gramm.

Derzeit leistet sich das Unternehmen 26 Kollektionen. Ein Großteil der Papiere wird nach Auftrag hergestellt. Während der Produktion muss ein immenser Wasserbedarf getilgt werden. Denn über 90 Prozent des Gemisches, das später zu Papierbögen wird, besteht aus Wasser.

Auf dem Holzweg

Der Rest ist Zellstoff. Das zerkleinerte Eukalyptusholz liegt, gepresst in riesigen Stapeln, in der Fabrikhalle. Importiert aus Portugal oder Brasilien, findet es seinen langen Weg nach Gmund. Denn in Deutschland existieren keine derartigen Plantagen.

Dass die ausschließlich Holz mit dem sogenannten FSC-Siegel verwenden ist für den Bund Naturschutz (BN) positiv. Laut dem BN stellt es das zweitbeste Siegel in der Holzbranche dar. Trotzdem werden immer wieder Probleme speziell in den Tropen bekannt.

Dabei betont der BN, dass sich Holz und Holzprodukte gerne mit astreinem Öko-Image schmücken. Doch Raubbau an den letzten Urwäldern, Monokulturen in Plantagen oder ungeeignete Verarbeitung verhageln schnell die Öko-Bilanz des Holzes.

Selbst die heimische Forstwirtschaft, die gern auf ihre Tradition der Nachhaltigkeit verweist, agiere längst nicht immer im grünen Bereich. Ob zu Recht, hängt laut BN aber auch stark von Baumart, Herkunft, Einsatz und Konstruktion ab.

Papier für die weite Welt

In den Brei aus Zell- und Füllstoffen mischen die Papiermacher besondere Partikel in den Werkstoff. Das geht von Hanf über Biertreber bis zu Federn oder Stroh. Damit erhält es die gewünschte Farbe. Laut Kohler sind die Zusatzstoffe allesamt ökologisch und für die Arbeiter verträglich und schwermetallfrei.

Später wird dem Papier das Wasser entzogen. Dann trocknet es in mehreren Phasen. Drei Papierbahnen von maximal 1,56 Metern Breite können nebeneinander laufen. Fast immer erfährt das Papier noch einen Weiterverarbeitungsschritt, wie etwa Leinenprägung, bevor es in Bögen geschnitten wird.

Die Qualitätskontrolle in Sachen Reißfestigkeit, Lichtechtheit oder Beständigkeit scheint aufwändig. Verschiedenste Kontrollen müssen die 70 mal 100 Zentimeter großen Bögen über sich ergehen lassen, bevor sie das Haus verlassen dürfen. Mit so rätselhaften Namen wie „Dennison Wachstest“, „Florida-Suncare-Test, Tintentest oder Reißtest.

Zusätzlich sichtet der Blick der Frauen in der Verpackungsabteilung jeden einzelnen Bogen. Dann geht es für manche in die weite Welt. 75 Prozent der Papierproduktion wird in ferne Länder verschickt. Am Hof aufgeladen in Lastwägen, findet es seinen Weg über verschiedene Häfen bis ins arabische Abu Dhabi.

Bemühungen um ökologischen Ausgleich

Quelle: Rose Beyer

Natürlich entstehen bei der Papierproduktion und solchen Transportwegen auch eine Menge Treibhausgase. Die Gmunder arbeiten jedoch stetig daran, den Ausstoß von CO2 zu vermindern. In den vergangenen zwei Jahren wurden die Emissionen laut Geschäftsführung um 25 Prozent gesenkt.

Außerdem nutzt das Werk eine eigene Quelle, aus der das Wasser per Pumpwerk entnommen wird. Nach der Produktion und einigen Reinigungsprozessen wie Ozonreinigung und Filtern werde das Wasser ins nahe Klärwerk zur Endreinigung geleitet, so Kohler.

90 Prozent der notwendigen Energie wird mit betriebseigenen Wasserturbinen hergestellt. Zusätzlich versorgt man die Anlieger mit Strom aus den Solarkollektoren auf dem Dach. Das Unternehmen legt zudem Wert auf soziales Engagement und unterstützt Kinderbetreuungseinrichtungen mit der Lieferung von Mal- und Bastelpapier. Ein Klimaschutzprojekt in Mittelamerika ist für die Zukunft geplant.

Ob aus Überzeugung oder einem gewissen PR-Effekt ist dabei zweitrangig. In Gmund hat man verstanden, dass Umweltschutz und Wirtschaft kein Widerspruch sein muss. Die Nische in der die Büttenpapierfabrik arbeitet ist so spitz, die Preise, die für die hochwertigen Produkte verlangt werden so hoch, da kommt man um Nachhaltigkeit in der Produktion nicht herum.

Die Bewohner in Louisenthal und die Tiere an und in der Mangfall freut das.

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