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Vom Kloster ins Tal

Unterwegs mit Werner, dem Bierfahrer

Von Rose Beyer

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Originelle Berufe gibt es viele. Einige sind so selten, dass sie oft unbekannt sind. Anders ist das mit dem Bierfahrer. Fast jeder, der auf dem Land lebt, kennt ihn. Dabei war es früher gang und gäbe, dass man sich die Waren hat liefern lassen: Brot- und Milchfahrer, Obst- und Gemüselieferanten waren unterwegs, um die Dinge des täglichen Lebens zu bringen. Dazu gehört für viele auch heute noch das Bier.

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Wenn sechs Männer strahlen

Naturgemäß wird im Tal gern Tegernseer Bier getrunken. Die Mönche haben es einst vorgemacht. Doch auch das Bier vom „heiligen Berg“ kommt oft auf den Tisch. Wie genau es an den Tegernsee und damit auch zu dem einen oder anderen nach Hause kommt, interessiert uns. Deshalb treffen wir eines Morgens um 6.30 Uhr auf einen von sechs Bierfahrern der Klosterbrauerei Reutberg. Werner Gorn, heute der Fahrer fürs Tal, empfängt uns mit einem Lächeln.

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Zwar hat die Genossenschaft gerade ein Grundstück gekauft, um die Getränkehalle auszulagern. Denn die Lagerkapazität am Reutberg ist begrenzt, und all die Kästen und Fässer nehmen viel Platz weg. Doch noch ist es nicht so weit mit der ausgelagerten Getränkehalle im Gewerbegebiet. Sechs ausgeschlafene Männer – alle dabei, ihre Fahrzeuge zu befüllen ‒ strahlen mir aus den Brauereigemäuern entgegen.

Fahren wie auf „rohen Eiern“

Ihre Tage fangen wesentlich früher an als meine. Werner beispielsweise steht jeden Tag um 4:20 Uhr auf und versorgt seine Pferde, bevor er seinem Bierfahrerjob nachgeht. Fünf Kaltblüter und zwei Ponys hat er in seinem Stall in Wackersberg stehen. Denn „nebenbei“ fährt er Gesellschaften – im Sommer mit der Kutsche, im Winter mit dem Schlitten.

Doch heute geht’s auf den Bock seines motorbetriebenen Wagens. Nachdem die Brauereiverwaltung eingeteilt hat, wer welche Tour fährt und welche Kunden wie viele Getränke bekommen, ist der Lader beladen, und es kann losgehen. „Man muss fahren wie auf rohen Eiern“, klärt mich Werner auf. „Manche Autofahrer verstehen das gar nicht.“ Eigentlich logisch: die Fracht ist fragil und schwer zugleich. Käme sie einmal ins Rutschen, wäre das fatal.

Jeder Fahrer hat seine feste Tour. Weil es der Brauerei gut geht, ist das Liefergebiet groß: Es erstreckt sich von Rosenheim bis ins Allgäu, von Dachau bis Garmisch, aber sogar nach Italien wird geliefert. „Alle wollen sie das gute Klosterbier“, so Werner mit einem verschmitzten Grinsen. „Seit 1972 haben wir noch nie so viel Bier gesotten wie heute“, verkündete Vorstand August Maerz beim jüngsten Josefifest.

Neue Wägen sind ganz anders ausgerüstet

Im Jahresergebnis hat man im vergangenen Jahr beim Eigenbierausstoß ganze 19.400 Hektoliter erzielt. Der Gesamtausstoß, also der Absatz einschließlich Handelsware an Bieren und alkoholfreien Getränken, belief sich auf 28.800 Hektoliter. Und das mit nur 18 Mitarbeitern. Sechs davon sind Bierfahrer – für private Heimdienstkunden und Gastronomie.

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„Die neuen Wägen sind ja ganz anders präpariert“, erzählt Werner. Da gäbe es spezielle Gurte zum Festmachen. Aber mit den älteren, da müsse man besonders vorsichtig fahren. Wie vorsichtig auch immer ‒ wir machen uns in Richtung Schaftlach auf den Weg. Die „Eisratzn“ – den Eisstockschützenverein – versorgen: fünf Dreißiger-Fassl, einmal Zitrone, einmal Apfelschorle, einmal Cola, fünfmal Pils und etliches mehr.

Schwere Lasten ‒ leicht genommen

Dann geht es weiter zum Schaftlacher Bahnhof. So liebt Werner seine Stationen: bis an den Lagerraum hinfahren können, zwei Meter reintragen, Lieferschein ausgestellt und fertig. „Da gibt’s schon ganz andere“, sagt er. Solche mit unzähligen Kellertreppen zum Beispiel. Oder solche, wo man nicht ganz hinfahren kann. Gut, dass Werner in solchen Fällen seine Sackkarre dabeihat. „Aber die Schmerzen kommen eher erst danach – in der Ruhephase.“ Immerhin wiegt ein Kasten an die zwanzig Kilo und ein Fassl über dreißig.

Wirt Kasper bringt Werners ersten – wohlverdienten – Kaffee. „Bier trinke ich fast keins“, erzählt er. Im Dienst sowieso nicht, aber auch daheim selten. Was er denn am Werner so schätze, frage ich den Gastronomen. „Weil er ein ganz Braver ist“, scherzt der Wirt. Wir trinken den dampfenden „Sprit“, und Werner erzählt. Von der Wirtschaft seiner Schwiegereltern, in der es kein Reutberger gibt. Von seinen vier Kindern, von denen der Kleinste gerade mal zwei ist. Und natürlich von seinem Job.

„Es gibt solche und solche Kunden“

„Du bist dein eigener Herr, da redet dir keiner rein“, das schätzt er an seiner Tätigkeit. „Wenn ich mal länger ratsch’, ist es auch wurschd.“ Das Ratschn ist es, was auch seine Kunden schätzen. Obwohl – Kunde ist nicht gleich Kunde. Manche sind total vertrauensselig, von ihnen bekommt Werner sogar den Schlüssel, damit er die Getränke liefern kann, wann er will.

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„Unser“ Achttonner setzt sich in Bewegung Richtung Finsterwald. „Da war ich mal bei einer Frau, aber die ist nicht mehr Kundin“, erzählt Werner. Er scheint immer noch schockiert von dem, was damals passiert ist. „Ich hab geklingelt, aber sie hat nicht aufgemacht. Ich läute noch mal, wieder nichts. Da geh ich um den Garten rum. Da steht plötzlich diese Frau. Gezittert hat die: ,Ich dachte, Sie sind ein Einbrecher, und hab mich deswegen schnell versteckt.’“ Seitdem ist Werner die Kundin los.

„Sie hat eh bloß ab und zu ein Wasser bestellt“, winkt er ab. So unterschiedlich seien halt die Kunden. Die einen freuen sich, wenn man vertrauter wird mit dem Bierfahrer. Wenn man nicht kommt, fragen sie beim nächsten Mal: „Na, bist auch mal wieder da? Wo warst denn letzte Woch’?“ Auch ausgemachte Plätze – zum Beispiel das Bier einfach auf die Hausbank zu stellen – sind an der Tagesordnung.

Die Kasse muss stimmen

Wir fahren weiter nach Bad Wiessee. Dort hat Werner nicht viele Kunden. Bei der ersten Station ist niemand da. Also stellt Werner seine zwei Tragl Helles und einmal Wasser einfach vor die Haustür. Lieferschein dazu. Und weiter geht’s. An der zweiten Station wird er ein Tragl Helles, ein Wasser und eine Apfelschorle los. Gegen Sofortkasse. Für die Schlepperei in den Keller gibt’s 2,40 Euro Trinkgeld. Werner freut sich sichtlich, und wir fahren weiter.

Brotzeit mache er selten, sagt Werner. Ab und zu gibt’s was von den Leuten. Er schaut lieber, dass er spätestens um drei fertig ist. Dann muss er manchmal noch seinen Wagen waschen. „Für sein Fahrzeug ist jeder selbst verantwortlich“, berichtet er. Auch die Kasse müsse noch gemacht werden. Und das Leergut abgeladen werden. „Sonst fangst halt morgen noch früher an. Das ist halt dann auch mein Problem.“

Werner macht sich auf den Weg. Aus dem Tal wieder zurück nach Reutberg.
Werner macht sich auf den Weg. Aus dem Tal wieder zurück nach Reutberg.

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