Aggressionsherd Tegernseer Asyl-Halle und die Folgen
Veilchen statt Wechselgeld

von Michael Dalock

Wenn man jeden Tag verbal angegriffen wird, kann eine Kleinigkeit Gewalt auslösen. In der ehemaligen Asylunterkunft in der Tegernseer Turnhalle waren Streitigkeiten fast an der Tagesordnung. Nun trafen sich zwei Kontrahenten wieder – vor Gericht.

 Ein Afghane schlägt einen Afrikaner, weil der ihm seine 10 Euro nicht zurückgibt - und landet vor dem Amtsgericht.
In der Tegernseer Turnhalle kam es Anfang des Jahres zu einer Schlägerei, die heute vor dem Amtsgericht gelandet ist.

Die tägliche Situation in den Asyl-Unterkünften ist für Einheimischer in den vergleichsweise geräumigen Wohnungen mit der Möglichkeit, sich einmal zurückzuziehen, kaum nachvollziehbar. Jeder von uns braucht seine Privatsphäre, Zeit für sich. Wenn man dann auch noch untätig herum sitzen muss und nur machtlos warten kann, würde wohl jeder depressiv und dann auch aggressiv.

Zusätzlich treffen in den Asylunterkünften oft junge Männer aus unterschiedlichsten Kulturkreisen aufeinander, leben dort auf engstem Raum und ohne Rückzugsmöglichkeit zusammen. Menschen mit hohem Intellekt und guter Ausbildung treffen auf andere, die kaum zur Schule gegangen sind. Was sie eint, ist die Hoffnung auf eine bessere Zukunft und die tägliche Langeweile. Tag für Tag.

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Aggressionsherd Halle

Mehr als 100 Personen lebten in der Turnhalle in Tegernsee. Die Sammelunterkunft war nicht gerade als Pol der Ruhe bekannt, eher als Aggressionsherd. Auch U., ein junger Afghane, der heute vor dem Amtsgericht in Miesbach stand, lebte dort bis vor wenigen Wochen. Nun wohnt er in der Traglufthalle in Rottach-Egern.

Vor elf Monaten kam U. nach Deutschland, hat noch einen Bruder und seine Mutter in Afghanistan. Der Vater starb als er ein Kleinkind war. Drei Jahre ging er in Afghanistan zur Schule, kann kaum lesen und schreiben. Deutsch spricht er nur wenige Worte. U. weiß nicht genau wie alt er ist. Er schätzt sich als 19-Jährigen ein. Im Januar schlug er einen Mitbewohner so heftig vor den Kopf, dass dieser blutete und behandelt werden musste.

Voran gegangen war ein Streit um Schulden. Ein anderer Asylbewerber forderte zehn Euro zurück, die ein Freund des heute Angeklagten schuldig war. Es kam zu einem Streit. U. wollte schlichten und bot an, die Schulden zu bezahlen. Er tat das mit einem Zwanziger. Der andere wollte den Rest allerdings partout nicht zurückgeben, habe stattdessen seine Muskeln spielen lassen und den Afghanen aufgefordert:

Wenn du dein Geld wieder haben willst, geh doch zur Polizei.

Genau das hätte er aus Sicht der Staatsanwaltschaft und auch Richter Klaus-Jürgen Schmids tun sollen. Dem Angeklagten ist es in dem Moment aber einfach zu viel gewesen. Er erzählt dem Gericht, schon seit längerem, immer und immer wieder von dem Mitbewohner verbal angegriffen und bedroht worden zu sein. An dem Tag im Januar sei dann das Fass einfach übergelaufen.

Mildes Strafmaß

Offensichtlich konnten sich Staatsanwaltschaft und Richter in die Situation des Angeklagten hinein versetzen. Nach dem der Angeklagte geständig war, bemühten sich alle Seiten um ein sinnvolles Strafmaß. Als Zuschauer war heute vor Gericht zu spüren, dass es Richter Schmid darum ging, dem Jugendlichen eine echte Chance zu bieten, sich in Deutschland zu integrieren.

Denn den Afghanen plagen jetzt schon Depressionen. Eine Mitarbeiterin des Landratsamtes stellte Suizid-Gefährdung fest. Das Urteil bestand dann auch in einer psychologischen Beratung und sechs mal acht Stunden gemeinnütziger Arbeit in Abstimmung mit dem Helferkreis in Rottach-Egern.

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