Ein Bericht über die Helfer vom Kriseninterventionsdienst

Da sein, wenn andere wieder fahren

Von Rose Beyer

Die erste Reaktion sind Fragen. Kein entsetzter Aufschrei, kein Weinkrampf, kein Schweigen. Sondern Fragen. Was? Wann? Wo? Wie? Warum? Das wollen die Angehörigen wissen: Die Eheleute, die Kinder oder die Eltern. Einfache Fragen, deren Beantwortung doch so schwer fällt. Wie genau das Opfer umgekommen ist, wann und wo der Unfall war, wer Schuld hatte.

Der Kreuther Martin Hauder oder einer seiner 17 Helfer vom Kriseninterventionsdienst (KID) sagt es ihnen, so gut er kann.

Unterwegs für KID

Hauder ist Fachdienstleiter des Kriseninterventionsdienst, das beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK) in Miesbach angegliedert ist. Außerdem hält er die Kreisbereitschaftsleitung inne, ist Leiter des Rettungsdienstes und zudem Zweiter Geschäftsführer des BRK. Eine Menge Verantwortung für einen einzigen Mann. Und dennoch lässt es sich Hauder nicht nehmen, auch selbst für den KID unterwegs zu sein.

Alarmiert werden die Helfer durch Einsatzkräfte aus Rettungsdienst, Feuerwehr, Polizei oder durch Ärzte und Notärzte vor Ort über die Rettungsleitstelle.

Martin Hauder (ganz links) mit dem Team des Kriseninterventionsdienstes KID / Quelle: brk.miesbach.de

Vor fünf Minuten stand er noch mit Polizeibeamten vor der Haustür. Man hatte sich genau vergewissert, dass man hier richtig ist, dann erst den Klingelknopf gedrückt. Denn dieses Läuten wird das Leben der Angehörigen verändern. Das weiß er und kann als Familienvater auch nachvollziehen, welche Sorgen man sich häufig um die eigenen Kinder macht.

Die Tür geht auf. Meist erkennt der Öffnende schon beim Anblick der Rettungskräfte, dass etwas nicht stimmt. Doch für Gedanken ist im Kopf fast nie Platz – sie weichen dem Entsetzen, das eintritt, wenn die Rettungskräfte ihre Botschaft notgedrungen loswerden müssen.


Wie die Idee geboren wurde

Dann kommen die Fragen der Angehörigen. Polizisten und Helfer versuchen, sie zu beantworten. Nach einer Weile müssen die Beamten wieder gehen, um ihren Streifendienst wahrzunehmen. „Wir sind da, wenn die anderen wieder fahren,“ berichtet Hauder. Tröstende Worte für die Angehörigen zu finden und einfach da zu sein, das sei das Wichtigste.

Bei einer Übung in Glashütte / Quelle: brk-miesbach.de

Rettungsdienstmitarbeiter und Ärzte machen immer wieder die Erfahrung, dass bei tragischen Ereignissen oder Unfällen mit Todesfolge niemand da ist, der sich um die Angehörigen kümmert. Deshalb sei es wichtig, dass jemand da ist, der zuhört, bis sich jemand anders um den Betroffenen kümmern kann, der sich einem belastenden Ereignis ausgeliefert sieht.

Einem plötzlichen Todesfall in der Familie, einem schweren Verkehrs-, Schienen- oder Arbeitsunfall oder auch dem Tod eines Kindes. Aus der Hilflosigkeit der Betroffenen heraus wurde die Idee zu KID geboren. Am Geschehen wimmelt es oft von Uniformen, doch zum Reden haben ihre Träger meist keine Zeit.

Ursprünglich entstammt der Dienst dem städtischen Bereich. Auf dem Land kümmerte man sich früher einfach mehr umeinander. „Das hat sich heute jedoch geändert,“ weiß der Einsatzleiter.


Seelen-Sanitäter mit Erfahrung

Mittlerweile haben die Helfer, die fast alle bereits seit den Anfängen im Jahr 2000 mit dabei sind, auch im Landkreis einiges zu tun: 50 bis 70 Einsätze pro Jahr. Hauder selbst ist seit 1982 ehrenamtlich beim BRK, seit 1989 hauptberuflich. Viele der Mitstreiter kommen aus den eigenen Reihen, aber auch aus anderen sozialen, kirchlichen oder medizinischen Arbeitsbereichen. Neben ihrer Berufstätigkeit arbeiten sie ehrenamtlich für KID.

Sie bewegen sich häufig am Abgrund. Halten manchmal für etliche Stunden „die Stellung“, mit Menschen, die „ins Nichts schauen“. Keine leichte Aufgabe. Und das alles freiwillig – auf Spendenbasis. Der Dienst wird kostenlos angeboten. Die Helfer wechseln sich gegenseitig ab. Einer ist immer erreichbar, 24 Stunden pro Tag, 365 Tage im Jahr. Falls etwas passiert, müssten sie schnell vor Ort sein. Um Menschen zu helfen, die vor Entsetzen schier sprachlos sind.

Um entsprechend reagieren zu können, bringen sie aus ihrem beruflichen Alltag das Rüstzeug mit, das man als KID-Helfer benötigt. „Vor allem Lebenserfahrung,“ schildert Hauder. Alles übrige lernt man in der Ausbildung: An die 120 Stunden wird geübt. Dabei lernt man nie aus, so fasst der Kreuther seine langjährige Erfahrung zusammen.

Der Kriseninterventionsdienst (KID) am Einsatzort / Bilder einer Übung – Quelle: brk-miesbach.de

„Jeder Fall für sich ist ein einzelnes Schicksal,“ sagt der Bereitschaftsleiter. Je unverhoffter, desto schlimmer. Das Leid, das die Betroffenen in solchen Situationen erfahren, können sie ihnen nicht abnehmen. Sie können nur versuchen, es erträglicher zu machen. Nach einem außergewöhnlich belastenden Ereignis könnte es sein, dass man sich erst nach einer gewissen Zeit Gedanken oder Sorgen macht. Auch dann sind die Leute von KID für einen da.

Man kann sie rufen, wenn man nach dem belastenden Ereignis Empfindungen wie Hoffnungslosigkeit, Orientierungslosigkeit oder Angst feststellt. Solche Reaktionen seien vollkommen normal, lassen üblicherweise von Woche zu Woche nach und verschwinden schließlich irgendwann ganz.

Für Fragen zum Kriseninterventionsdienst oder Angebote, KID selbst sinnvoll als Helfer zu unterstützen, wendet man sich an:
Bayerisches Rotes Kreuz
Kreisverband Miesbach
Bergwerkstraße 18
83714 Miesbach
Telefon: 08025-2825-0


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