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Hans Leo zu den Konsequenzen des erfolgreichen Volksbegehrens

“Wir Bauern brauchen Unterstützung”

Von Rose Beyer

Das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ hat die geforderte Stimmenanzahl erreicht. Damit soll die Artenvielfalt künftig mehr Unterstützung bekommen. Vor allem auf die Landwirte kommen jetzt viele Veränderungen zu. Naturkäserei-Chef Hans Leo spricht von den Herausforderungen und was jeder Einzelne im Tal tun kann.

Hans Leo – Naturkäserei-Chef und selbst Landwirt – über die Auswirkungen des Volksbegehrens “Rettet die Bienen”.

Das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ war erfolgreich (wir berichteten). Die 10-Prozent-Hürde wurde bayernweit erreicht. Die Volksbegehren-Initiatoren freuen sich. Damit soll ein Umdenken für die vom Aussterben bedrohten Tiere erreicht werden. Und was kommt damit auf die Bauern im Tegernseer Tal zu? Wir haben Naturkäserei-Chef Hans Leo getroffen.

Tegernseer Stimme: Was erwartet die Bauern im Tegernseer Tal nach dem Volksbegehren?

Hans Leo: Das kann ich nicht genau sagen. Momentan gibt es einen Runden Tisch, bei dem das Ganze diskutiert wird. Bisher ist also noch alles offen.

Tegernseer Stimme: Im Volksbegehren sind verschiedene Schwerpunkte genannt, an denen sich etwas zum Positiven wenden soll. Was können die Bauern im Tal zum Gelingen dieser Schwerpunkte beitragen?

Hans Leo: Wir tragen jetzt schon viel bei. Deshalb habe ich mich ehrlich gesagt von dem Volksbegehren nicht richtig angesprochen gefühlt. Im Tal und auch im ganzen Landkreis haben wir eine sehr kleinteilige Landwirtschaft mit autarken Betrieben. Das gewährleistet, dass die Nutzungsintensität nicht so hoch ist.

Und mit rund 30 Prozent ökologisch wirtschaftenden Betrieben haben wir auch schon einen relativ hohen Bio-Anteil. Durch unsere Haglandschaft tun wir viel für die Artenvielfalt. Im Landkreis geht das also schon in die richtige Richtung. Das Volksbegehren muss man in Bezug zu ganz Bayern sehen – woanders gibt es viel intensiver genutzte Agrarlandschaften als bei uns.

Tegernseer Stimme: Wo sehen Sie den Schwerpunkt „Biotop-Verbünde schaffen“ im Tal schon auf einem guten Weg?

Hans Leo: Zwischen Oberhof und Kreuth gibt es mit der Weissachau einen solchen geforderten Biotop-Verbund. Da braucht eine Hummel oder Biene nicht weit fliegen, um Nahrung zu finden. Bei diesem Schwerpunkt sieht man gut, welches Problem auf die gesamte Gesellschaft zukommt, nicht nur auf die Landwirtschaft. Was mache ich zum Beispiel mit einer Bundesstraße? Oder einem 2.000 Quadratmeter großen Discounter-Parkplatz? Die Zerschneidung ist hier enorm. Das ist das, was mir im Volksbegehren ein bisschen fehlt: die versiegelten Landschaften werden immer mehr.

Tegernseer Stimme: Was könnte beim Schwerpunkt „nachhaltige Ausbildung“ getan werden?

Hans Leo: Der übliche Ausbildungsweg für einen Landwirt besteht aus einer dreijährigen Lehre, in der man am besten auch in einem anderen Betrieb ausgebildet wird. Anschließend folgt die Landwirtschaftsschule, aus der man als staatlich geprüfter Landwirt entlassen wird. Und dann die Meisterschule. Ich traue mich zu sagen, dass die Leute in der Landwirtschaft umfassender ausgebildet werden als in manch anderen Branchen. Wir können eine hohe Fachkompetenz aufweisen. Wo noch Luft nach oben ist in der Ausbildung, ist der Bio-Bereich.

Wer mehr bio will, muss auch bio kaufen. Wer regional kauft – etwa in der Naturkäserei – ist auch auf dem richtigen Weg.

Tegernseer Stimme: Wie könnte der Schwerpunkt „mehr bio“ Ihrer Meinung nach erreicht werden?

Hans Leo: Wer mehr bio möchte, muss auch mehr bio kaufen. Entscheidend ist der Markt. Und der muss das aber auch hergeben. Man sollte auch überlegen, wo man sein bio kauft. Beim Discounter zu kaufen, halte ich für den falschen Weg. Was den Kunden hier signalisiert wird, ist: Bio ist billig. Bio-Bauern haben aber höhere Kosten, weil sie eben nicht zu Lasten der Natur und der Tiere wirtschaften. Das muss auch entlohnt werden. Beim Discounter bleibt der Beitrag für eine bäuerliche Biolandwirtschaft, heimisches Bio und faire Bauern-Löhne leider gering.

Discounter und Bio passen meiner Meinung nach nicht zusammen.

Tegernseer Stimme: Wie sieht es mit dem Schwerpunkt „mehr Blühwiesen“ aus?

Hans Leo: Bei uns gibt es viele Blühwiesen. Dagegen in vielen Regionen Bayerns, wo sieben oder acht mal gemäht wird, sind bunte Feldraine häufig verschwunden. Hier muss man aber auch wieder bedenken, dass man von einer Blühwiese nicht so viel Ertrag hat wie von einer mehrschnittigen, eiweißreichen Wiese. Für den Bauern mit der Blühwiese wäre also ein entsprechender finanzieller Ausgleich angemessen. Im Volksbegehren wird gefordert, dass 10 Prozent der Fläche jeweils stehengelassen werden. (Somit können Pflanzen ihre Samen abwerfen und die Artenvielfalt wird gefördert – Anm. der Red.)

Wenn die Gesellschaft das will und wenn das was bringt für die Biodiversität, dann muss das von der Gesellschaft auch honoriert werden. Denn eines dürfte klar sein: je extensiver und ökologischer ich Lebensmittel für die Nahrungsmittelproduktion herstelle (also Tierfutter/Gras/Heu – Anm. der Red.), desto weniger bleibt uns Bauern finanziell.

Tegernseer Stimme: Wie sehen Sie die Forderung, dass Flächen nur noch von innen nach außen zu mähen sind?

Ich mähe jetzt seit ungefähr vierzig Jahren Gras und ich habe meines Wissens noch nie ein Tier getötet.

Hans Leo: Meines Erachtens gibt es wirkungsvollere Maßnahmen zur Wildrettung als von innen nach außen zu mähen, zum Beispiel elektronische „Wildretter“, die ein Signal aussenden. Oder man geht am Abend vor dem Mähen nochmal durch‘s Feld, dann flüchtet das Wild.

Tegernseer Stimme: Wie können die Bauern im Tal Ihrer Meinung nach noch näher mit der Natur arbeiten?

Hans Leo: Jeder hat die Möglichkeit, noch mehr zu tun, zum Beispiel auf bio umzustellen, wenn es geht. Oder man verbessert seine Mähtechnik. Beispielsweise könnte man mit einem Mähbalken mähen – wie früher, nur mit einer intelligenteren Technik. Und letztendlich ist der Bauer ja auch selbst Verbraucher. Da kann man sein Verhalten vielleicht noch verbessern. Zum Beispiel beim Ess- und Einkaufsverhalten. Oder beim Energiesparen. Wenn man eine umweltfreundliche Landwirtschaft betreibt, dann ist das auch gleichzeitig sozialverträglich und umgekehrt. Und das nutzt dann auch der Gesellschaft.

Die Bedrohung der Arten kommt auch von einer fortschreitenden Verstädterung, vom Zubetonieren der Landschaft.

Tegernseer Stimme: Der Mediator Alois Glück hatte neulich beim Runden Tisch gesagt, es gehe im wesentlich darum, dass wir „nicht einige Sündenböcke suchen, sondern dass wir in einer Gesamtschau je nach fachlichem Bereich miteinander gestalten.“ Was können (und sollten) die Bauern im Tal – und auch Sie persönlich als Landwirt – dazu beitragen?

Hans Leo: Reden mit den Leuten, mit der Gesellschaft. Das habe ich bei dem Volksbegehren „Rettet die Bienen“ vermisst. Hier steht das Reden (der Runde Tisch mit Beteiligten) am Schluss. Eigentlich hätte der ganz vorn stehen sollen.

Herausforderungen gibt es genug. Aber da braucht es viel Dialog und einen großen Willen zur Veränderung von vielen Beteiligten – nicht nur den Bauern.

Wer glaubt, dass es ohne Landwirtschaft in Bayern mehr Arten – Insekten, Vögel, Frösche etc. – gibt, der ist auf einem kompletten Holzweg. Wir können nicht immer die Landwirtschaft angreifen und sagen wir lösen die Landwirtschaft auf, das ist ein Schmarrn. Die Bedrohung der Arten kommt auch von einer fortschreitenden Verstädterung, vom Zubetonieren der Landschaft. Durch Gewerbegebiete, Wohnbebauung und Industrie werden wertvolle Böden überbaut. Mit jedem Quadratmeter, der versiegelt wird, muss auf der Restfläche intensiver gewirtschaftet werden.

Tegernseer Stimme: Wenn Sie eine Prognose wagen: Wie wird sich die Landwirtschaft im Oberland entwickeln?

Hans Leo: Die Landwirtschaft im Oberland hat nur eine Chance, wenn man die Gesamtherausforderung annimmt. Wir Bauern setzen das gern um, aber wir brauchen Unterstützung. Die Leute müssen ihr Konsumverhalten ändern und entsprechend einkaufen. Und wir brauchen ein Umsteuern in der Politik. Aber nicht in der Art, dass die Landwirtschaftsministerin sagt, 2030 haben wir 30 Prozent bio.

Wir brauchen gleiche Rahmenbedingungen für alle Agrarproduzenten in Europa, weil wir abhängig sind vom europäischen Markt. Wenn alle anderen produzieren können auf „Teufel komm‘ raus“, dann können wir unsere Landwirtschaft aufgeben. Wir müssen erkennen, dass wir unsere Lebensgrundlagen zum Wirtschaften brauchen. Es ist höchste Zeit, was zu ändern.

Tegernseer Stimme: Vielen Dank für das Interview.


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