Was ist eigentlich ein Bursche?

Eine mutige Entscheidung war es, als sich vor 128 Jahren zehn schneidige Burschen zusammen fanden, um in eine „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit“ zu gründen – den Vorläufer unserer heutigen Krankenversicherung. Heute kümmert sich der Rottacher Verein mit seinen knapp 300 Mitgliedern unter anderem um das Aufstellen des Maibaums. Und um vieles mehr.

Die Vereinsgründer anno 1888

Vor der Einführung der Krankenversicherung gab es für Arbeiter im Krankheitsfall keine Hilfe, schon gar keine Entschädigung für den entgangenen Lohn. Versicherungsschutz für Arbeiter und festgelegte Renten waren lange Zukunftsmusik. Und das, obwohl zu Hause viele Münder zu stopfen waren. Damit waren die Familien bei Krankheit des Ernährers schlagartig auf öffentliche Fürsorge oder Spenden angewiesen. Auch für Arztkosten musste man damals selbst aufkommen.

Nicht nur in Rottach-Egern bildeten sich aus dem Grund Mitte des 19. Jahrhunderts vielerorts Gemeinschaften, die es ermöglichten, Arbeitern im Krankheitsfall wenigstens eine minimale Absicherung gegen Lohnausfall bereitzustellen. Der Verein ‒ als eine Art Selbsthilfeeinrichtung ‒ hatte es sich zum Ziel gesetzt, seinen Mitgliedern im Krankheitsfall vor allem finanziell zu helfen.

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Engagierter Arbeiterverein – im Tal aktiv

Heute sind dank der gesetzlichen Lohnfortzahlung nicht mehr allzu viele der Vereinsmitglieder auf die Krankenunterstützungen angewiesen. Dennoch fließen fünf Euro des Jahresbeitrages in die Krankenvereinskasse, fünf Euro gehen an die Burschenkasse.

Ab 16 Jahren kann man dem Verein beitreten. Ab dann darf man sich endlich als „richtiger Bursche“ bezeichnen und am Vereinsleben teilnehmen. Das Maibaumaufstellen gehört ebenso dazu wie der Burschenball, das beliebte Weinfest oder die Möglichkeit, am Bayerischen Zehnkampf teilzunehmen.

Rottacher Burschen beim Maibaum-Aufstellen
Rottacher Burschen beim Maibaum-Aufstellen / Archivbild von 2012

Außerdem kümmern sich die Vereinsmitglieder auch um alte und gebrechliche Vereinsmitglieder, besuchen sie zu Weihnachten, zu Ostern oder im Krankheitsfall und sorgen so dafür, dass auf diese Weise der Kontakt zur Außenwelt bestehen bleibt. Vereine wie der Burschen-Kranken-Unterstützungsverein bilden damit auch eine wichtige Säule, sich kameradschaftlich und unterstützend zum Wohle der Gesellschaft im Tal einzubringen.

Strenge Regeln ‒ aber fair

Am 16. Dezember 1888 gründete sich der Verein. Erster Vorstand wurde Carl Weilhammer, Kassier war Johann Stadler ‒ der spätere Tegernseer Ehrenbürger und Gründer des Heimatmuseums. Fünf Jahre später zählte der Burschenverein bereits 60 Mitglieder. Im Jahr 1894 wurde die erste Vereinsfahne – eines der wichtigsten Symbole des Vereinslebens ‒ feierlich geweiht.

Der junge Verein hielt es mit der Disziplin recht genau. So waren „rohes Benehmen oder Unsittlichkeiten strengstens untersagt“. Um Mitternacht hatten alle das Lokal zu verlassen. Tanzen im Vereinsheim war nicht gestattet, außerdem auch das Spielen ‒ mit Ausnahme von Gesellschaftsspielen.

Man schaffte sogar extra welche an. Beispielsweise eines mit dem Namen „Die Einnahme von Paris“, das die Zugehörigkeit zum aufstrebenden Deutschen Kaiserreich deutlich machte. Bei dem Spiel ging es offenbar um den 70er-Krieg, es gab „Verwundete“, die in den Spitälern Aufnahme fanden, und die „Spitalkasse“ war dem Spiel zugeordnet. Was an Spielerträgen einging, floss in die „Armenbüchse“ des Vereins.

Zigarren für alle

Gedanken machten sich die Gründer auch um die finanzielle Ausstattung des Vereins. Zigarrenrauchen war um diese Zeit groß in Mode. Es verschaffte dem Raucher einen Hauch von weltmännischem Flair. Mit der Zigarre wurde man erst zum Mann und Herrn. So beschlossen die Vorstandsmitglieder, dass der Verein die Zigarren selbst kauft, um mit den Überschüssen beim Verkauf an die Mitglieder die Vereinskasse aufzubessern.

Carl Weilhammer, Johann Stadler, Georg Reiner, Georg Kirchberger, Peter Schiffmann, Johann Strigl, Michael Weilhammer, Josef Guggemoos, Peter Eder, Andreas Echtler, Carl Weilhammer – 1888 hatten sie ihre Unterschriften im Gasthof von Georg Plendl unter die Vereinsurkunde gesetzt. Söhne eines Schmieds, Saliterers, Bäckers, Bauern waren sie. Teilweise hatten sie auch schon eigene Berufe. Manche auch solche, die es heute gar nicht mehr gibt: Wagner, Knecht oder Säger. Nur die Namen begegnen einem auch heute noch.

128 Jahre später ist der Vereinszweck immer noch derselbe. Knapp 300 Mitglieder zählt der Verein inzwischen. Das älteste Mitglied ist über 90 Jahre alt, das jüngste 16.

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