Wegschauen oder mitfiebern?

von Sabiene Hemkes

Sonntag startet in Katar die Fußballweltmeisterschaft. Das spaltet die Nation. Fanszenen fordern den Boykott, Manuel Neuer will Haltung zeigen und Uli Hoeneß hat Vertrauen in die Scheichs. Und ihr?

Es war einmal: Public Viewing bei der Fußball-WM 2018. / Quelle: picture alliance / Geisler-Fotopress

In der idealisierten Welt der Fußballtraditionalisten ist die Geschichte der Vergabe der Weltmeisterschaft nach Katar ein abgekartetes Spiel gewesen. Gekaufte Funktionäre des Fußballweltverbandes (FIFA) sollen die Vergabe an den kleinen Staat an der Golfküste erst ermöglicht haben. Zu beweisen ist es schwer, doch die Summe der Verdachtsmomente lässt wenig Zweifel.

Allein 20 der insgesamt 24 Mitglieder des damals für die Vergabe entscheidenden Exekutivkomitees der FIFA (ExKo) sind inzwischen mit mehrjährigen oder gar lebenslangen Sperren des Weltverbandes belegt worden. Zwei Weitere haben es 2020 noch nicht einmal bis zur Abstimmung geschafft. Die beiden Funktionäre hatten versucht, ihre Stimmen schon vor der Wahl zum Kauf anzubieten. Dummerweise war das eine Falle, die dokumentiert wurde.

Aber bei einem Verband, der sich in den letzten Jahren immer wieder durch Korruptionsvorwürfe in den Vordergrund drängt, nicht unbedingt eine Überraschung. Immerhin haben auch wir Deutschen von einem wundervollen sauberen „Sommermärchen“ gezehrt, bis der Traum zerplatzte.

Anzeige

War die WM im eigenen Land nun in der Erinnerung in dunkle Schatten getaucht? Nein. Vielleicht hat man sich einfach daran gewöhnt, dass nichts, bei dem so viel Geld im Spiel ist, noch ohne Betrug abläuft. Was aber dieses Mal in Katar etwas schwerer wiegen wird als bei dem Geschacher zwischen Afrika und Deutschland vor einem Vierteljahrhundert, sind die Begleitumstände der Weltmeisterschaft im Emirat selbst.

Fakten zum Ausrichter der WM 2022 Katar

Der Wüstenstaat, den die meisten von uns, wenn überhaupt, nur durch das Umsteigen am Flughafen in Doha kennen, ist ein kleines und sehr vermögendes Land. Katar steht in einer Erhebung des Bruttoinlandsproduktes pro Einwohner aus dem Jahr 2021 im weltweiten Vergleich auf Platz acht (Quelle: Statista).

In Katar leben ungefähr 2,7 Millionen Menschen, davon sind jedoch nur 10 Prozent Staatsbürger. Die übrigen 90 Prozent sind Arbeitsmigranten ohne katarische Staatsbürgerschaft, zumeist aus dem süd- oder südostarabischen Raum. Die Staatsform ist eine absolute Monarchie. Als Staatsreligion gilt der Islam und deren Scharia bestimmt die Gesetzgebung im Land maßgeblich.

Nicht erst seit 2010 wird im Kontext der WM in den Medien und der Politik immer wieder darauf hingewiesen, dass fundamentale Menschenrechte im Katar verletzt werden. So auch bei den Bauarbeiten für die acht WM Stadien (sechs Neubauten und zwei Umbauten), die aus dem Wüstenboden gestampft wurden. Bis zu 800.000 Arbeitsimmigranten kamen dabei zum Einsatz.

Verletzungen der Menschenrechte

Der britische Guardian veröffentlicht in einem Bericht 2021 die Zahl von 6.500 Menschen, die bei den Bauarbeiten ums Leben gekommen seien. Die Journalisten berufen sich dabei auf Behördenangaben. Die FIFA und das WM-Organisationskomitee sprechen offiziell von drei toten Arbeitsimmigranten beim Bau und 37 Menschen, die bei sogenannten „Non-Work-Related Deaths“ ihr Leben verloren.

Seit 2017 sind laut Amnesty International und Human Rights Watch die Arbeits- und Lebensbedingungen im Emirat durch Gesetzesreformen zumindest sukzessive verbessert worden. Allerdings stehen noch immer Entschädigungszahlungen für die Vorjahre aus. Was jedoch in der westlichen Hemisphäre ebenso schwer wiegt wie die „katastrophalen Arbeitsbedingungen“, sind die Verletzungen der Menschenrechte unter anderem im Bereich der Homosexualität und der Frauenrechte in dem islamisch geprägten Staat.

Öffentlich gezeigte gleichgeschlechtliche Liebe ist verboten und wird mit dem Gefängnis bestraft (§294 Katar). Die Rechte der Frauen sind, wie auch in anderen arabischen Staaten, für das westliche Verständnis stark eingeschränkt. Unter anderem eine Dokumentation im ZDF zeigt ausführlich die im Westen angeprangerten Missstände auf.

Haltung der WM-Spieler und des Deutschen Fußballverbandes

Zwei unserer Bundesligaspieler aus dem Landkreis werden vom 20. November bis gegebenenfalls zum Endspiel am 18. Dezember in die WM-Stadien des Emirats am Golf einlaufen. Manual Neuer und Thomas Müller beginnen heute mit dem Team von Bundestrainer Hansi Flick mit der Vorbereitung auf die WM im Wüstenstaat.

Nach dem letzten Bundesligaspiel vor der WM auf Schalke hat sich der Wahl-Tegernseer Neuer noch deutlich entrüstet gezeigt über eine Aussage des katarischen WM-Botschafters Khalid Salman in der oben schon genannten ZDF Dokumentation:

Das ist eine absolute Entgleisung. Das stört mich, das ärgert mich, das ist inakzeptabel. Es ist traurig, dass so jemand WM-Botschafter ist.

Manuel Neuer, Torwart der deutschen Nationalmannschaft

Der ehemalige katarische Nationalspieler hatte Schwulsein unter anderem als „geistigen Schaden“ bezeichnet. Später im Sportstudio legte Neuer noch einmal nach: „Wir werden in enger Absprache mit dem DFB, der Mannschaft, dem Mannschaftsrat und den Verantwortlichen sehen, wie weit man gehen kann. Wir machen uns Gedanken und werden unsere Werte vertreten.“

Als Zeichen des „Protestes“ wollen unter anderem die Kapitäne der Nationalmannschaften von England, Niederlande wie auch der 36-jährige Wahl-Tegernseer eine bunte Binde mit dem Schriftzug „One Love“ tragen. Noch bei der Fußball-EM 2021 in England hatte Neuer die Regenbogenfarben, weltweites Zeichen für Toleranz, Frieden und Menschenrechte der LGBTQ+-Szene, um den Arm getragen.

Dieses Farben-Bekenntnis ist in Katar und bei der FIFA allerdings nicht besonders gern gesehen. Daher sorgt auch das neue Symbol „One Love“ des DFB für reichlich Diskussionen. Wobei noch nicht geklärt ist, ob die Binde überhaupt von der FIFA zugelassen werden wird. Eine weitere Initiative der dänischen Nationalmannschaft, die den Slogan „Menschenrechte für alle“ auf ihre Trainingsshirts drucken lassen wollte, wurde von der FIFA als unerlaubte politische Äußerung im Vorfeld abgeschmettert.

Und wie steht ihr zur Fußball-WM im Wüstenstaat?

Weit über eine Milliarde Menschen sollen laut Prognosen das Sportevent live mitverfolgen. Die organisierte Fußball-Fanszene ruft in den Bundesliga-Stadien zum Boykott der Weltmeisterschaft auf. Für den 10. Dezember, dem UN-Menschenrechtstag, ist der Football-Blackout geplant. Kneipenbesitzer schließen sich unter dem Slogan “Kein Katar in meiner Kneipe“ zusammen.

Funktionäre, Politiker und Medien sehen sich im Zwiespalt. Manche entscheiden sich so, andere so. Jeder hat da seine ganz eigene Haltung. Wie auch Uli Hoeneß, Ehrenpräsident des FC Bayern München und ehemaliger Nationalspieler aus Bad Wiessee:

Wenn man nirgends mehr internationalen Sport macht in Ländern, wo die Menschenrechte nicht so gehandhabt werden wie bei uns, dann müssen wir aufhören.

Uli Hoeneß, Ehrenpräsident des FC Bayern

Das sagte Hoeneß im Samstagsstammtisch des Bayerischen Rundfunks. Der Wahl-Wiesseer erklärte in der gleichen Sendung seine Auffassung, dass in keinem Land im Nahen Osten die Menschenrechtssituation so vorankomme wie in Katar. Allseits bekannt sein dürfte inzwischen, dass der Rekord-Meister aus München selbst eng verbandelt mit dem Wüstenstaat ist: Katar ist noch bis 2023 Sponsor des FC Bayern, sehr zum Unmut der Fan- und Mitglieder-Szene.

Wir von der TS wollen jetzt von euch wissen, wie es um das WM-Fieber 2022 im Tal bestellt ist. Unserem Aufruf, „Public Viewings“-Spots zu melden, hatte keinerlei Resonanz. Auch sieht man weder Fahnen an Autos noch beflaggte Balkone, Häuser oder Fenster. Selbst die sonst schon Wochen vorher gewohnten Werbe-Trittbrettfahrer in den Schaufenstern der Talgeschäfte bleiben heuer fast gänzlich aus.

140
Schaut das Tal weg oder fiebert es mit?

Wir fragen die Tal-Community: Verfolgt ihr die WM-Spiele oder geht ihr in den Boykott? Ganz anonym, versteht sich, könnt ihr an der großen TS-Umfrage zur umstrittenen WM 2022 teilnehmen.

SOCIAL MEDIA SEITEN

Anzeige
Aktuelles

Diskutieren Sie mit uns
Melden Sie sich an und teilen Sie
Ihre Meinung.
Wählen Sie dazu unten den Button
„Kommentare anzeigen“ aus