Ein Jahr nach dem Jahrhunderflut in der Rottacher Seestraße

Wenn das Wasser bis zum Hals steht

Vor genau einem Jahr stand die komplette Seestraße in Rottach-Egern unter Wasser. Bewohner und Ladenbesitzer rund um den See sind von den Wassermassen überrascht worden. Für viele eine existenzielle Bedrohung. Ihr standzuhalten und sie zu überwinden, erfordert viel Mut.

Elisabeth Zibert-Kibec vom Modeladen Classix war so jemand, den es besonders schlimm erwischt hat. Sie hat uns erzählt, wie sie vor dem Nichts stand und es aus eigener Kraft zurück geschafft hat.

Elisabeth Zibert-Kibec hat es geschafft und ihren Laden in der Seestraße komplett neu aufgebaut
Elisabeth Zibert-Kibec hat es geschafft und ihren Laden in der Seestraße komplett neu aufgebaut.

Als ich den Laden von Elisabth Zibert-Kibec betrete, kann ich kaum glauben, dass noch vor einem Jahr weder Wände noch Böden vom Wasser verschont geblieben sind. Bunte Schals und Armbänder springen mir gleich ins Auge. Sitzgelegenheiten zwischen der Auslage lassen den Laden gemütlich wirken. Weiße Möbel machen den Raum hell und freundlich.

Ein ganz anderes Bild als noch vor einem Jahr, als wir die Geschäftsinhaberin im Zuge der Flut das erste Mal kennenlernen durften. Wir erinnern uns: Damals war ihr Laden komplett zerstört, wenig haben die Fluten des Hochwassers unverschont gelassen.

Verzweiflung und Angst

Am Samstag, den 1. Juni 2013, hatte das Landratsamt eine Hochwasserwarnung herausgegeben. Am Montag erreichten die Wasserstände ihren Höchststand. „In der Nacht von Sonntag auf Montag war mir klar, dass das passieren wird“, erzählt Zibert-Kibec. Wenn sie zurückdenkt, überkommen sie erneut Verzweiflung und Angst.

Wenn sie heute das Radio anmacht und von den Hochwasserkatastrophen in anderen Teilen der Erde hört, muss sie an die schlimmen Tage, Wochen und Monate seit dem vergangenen Juni denken. „Der Nachbar hat mich mit seinem Boot zu meinem Laden gefahren“, erinnert sie sich. Erst am Dienstag, als klar war, dass ein Öffnen der Türen keinen weiteren Schaden anrichten wird, betrat sie das erste Mal die Räume.

So hoch stand das Wasser noch vor einem Jahr in der Seestraße
So hoch stand das Wasser noch vor einem Jahr in der Seestraße.

Zu diesem Zeitpunkt stand ihr das Wasser bereits bis zu den Knien. „Als ich das Ausmaß gesehen habe, hat es mir eigentlich erst mal gereicht“, erzählt Zibert-Kibec weiter. Die Kleidung, die noch zu retten war, wurde dann aus dem Laden geschafft. Von der Unterstützung der Mitbürger ist die Ladeninhaberin noch immer beeindruckt.

Mir haben damals viele Leute geholfen, obwohl sie mich gar nicht kannten.

Trotz der zahlreichen Unterstützer und Helfer kam sie bald an ihre Grenzen. Sie stand praktisch vor dem Nichts. Ihre Existenz, die sie sich über 19 Jahre aufgebaut hatte, schien zerstört. „Irgendwann saß ich heulend da und hab gedacht: Ich schmeiß’ alles hin“, beschreibt Zibert-Kibec ihre Gefühle.

Neue Ideen in Extremsituation

Für das Haus bestand eine Elementarversicherung. So konnten damit wenigstens Wände und Böden erneuert werden. Auf dem Rest der Kosten blieb sie jedoch sitzen. Ein vierwöchiger Räumungsverkauf half ihr damals sehr. „Die Einheimischen haben mir gezeigt, dass sie mich unterstützen wollen. Sie haben viel bei mir gekauft“, erzählt sie.

Zibert-Kubic hat sich dazu entschieden, weiterzumachen. Mitte Juli 2013 gingen dann schon die Renovierungsarbeiten los. Eine Zeit, in der sie weder ihren Mitarbeitern eine Arbeitsstelle bieten konnte, noch irgendwelche Einnahmen hatte. Neben diesen Sorgen musste die alleinerziehende Mutter zweier Kinder sich dann aber auch noch Gedanken über die Neugestaltung der Inneneinrichtung machen. „Es war schwer, in dieser Extremsituation noch kreativ zu sein, sich Gedanken zu machen und Ideen auf den Weg zu bringen“, erklärt sie.

Die Einrichtung hat Zibert-Kubec so gestaltet, dass man sie im Notfall relativ leicht wegschaffen kann. Auch hat sie zwei Pumpen und ein Notstromaggregat angeschafft. Das ist jedoch alles, was sie tun kann, um sich auf ein erneutes Hochwasser vorzubereiten. „Darüber will ich gar nicht nachdenken. Ich hoffe, dass wir die nächsten Jahre mit einem blauen Auge davonkommen“, meint sie.

So sah der Laden von Elisabeth Zibert-Kibec nach dem Hochwasser im letzten Kahr aus
So sah der Laden von Elisabeth Zibert-Kibec nach dem Hochwasser im letzten Jahr aus.

Ihren Laden an einem anderen Ort wiederzueröffnen, kam ihr trotzdem nie in den Sinn. Auch eine Versicherung abzuschließen, kommt in der direkten Seelage wegen der hohen Kosten nicht in Frage. Die 5.000 Euro Soforthilfe der Gemeinde hat sie jedoch ohne Probleme bekommen und auch die Hochwasserhilfe des Staates wurde ihr genehmigt.

Seit September vergangenen Jahres hat Zibert-Kubic ihren Modeladen wieder geöffnet. „Viele Kunden finden es toll, dass ich nach der Geschichte den Mut hatte, das wieder anzupacken“, meint sie. Trotzdem ist sie sich bewusst, dass das Hochwasser 2013 eine echte existenzielle Bedrohung für sie dargestellt hat. Und allzu oft lasse sich so eine extreme Situation eben auch nicht stemmen.

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