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Selbstverteidigung Wing Tsun in Holzkirchen

Wenn der Kranich mit dem Fuchs

Von Daniela Otto

Wenn ein Fuchs mit einem Kranich kämpft, wer wird wohl gewinnen? Nicht unbedingt der, der die schärferen Zähne hat. Dass ein körperlich Unterlegener einen stärkeren Gegner bezwingen kann, das lehrt die asiatische Kampfkunst Wing Tsun. Und um diese kennenzulernen, ist keine Reise nach China nötig.

Wing Tsun soll das Selbstbewusstsein stärken - sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen.
Wing Tsun soll das Selbstbewusstsein stärken – sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen.

Wing Tsun hat es bis nach Holzkirchen geschafft. Dabei ist es gar nicht so einfach gewesen, das Fernöstliche in die oberbayerische Marktgemeinde zu transportieren. „Das ist halt schon etwas völlig Neues“, sagt Trainer Michael Böffel. Angekommen ist die exotische Kampfkunst dennoch: Seit drei Jahren gibt es im Ort die Wing Tsun „Schule für Selbstverteidigung und Gesundheit“. Das Ziel: Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen das Prinzip der gewaltlosen Selbstverteidigung beizubringen und somit ihr Selbstbewusstsein zu stärken.

Um die Entstehung von Wing Tsun (oftmals auch „Wing Chun“ geschrieben) ranken sich unterschiedliche Legenden. Angeblich hat diese chinesische Kampfkunst seine Ursprünge in einem Shaolin-Kloster. So soll es das Bestreben der Nonne Ngmui gewesen sein, eine Verteidigungsform für körperlich Unterlegene zu entwickeln, die es sogar mit der Kampfkunst der Shaolin-Mönche aufnehmen kann.

Ngmui soll einen Kampf zwischen einem Kranich und einem Fuchs gesehen haben, wobei der Kranich gewann. Von diesem Tierkampf inspiriert, soll sie die speziellen kraftlosen Bewegungen des Wing Tsun entwickelt haben. Eine andere, weniger emanzipierte Variante besagt, dass es keine Frau war, die Wing Tsun entwickelte, sondern besonders begabte Kämpfer, die in einem Kloster gemeinsam diesen Stil entwickelten.

Kampfsport ist in Holzkirchen gut vertreten

So oder so, Wing Tsun passe gut zu Holzkirchen, findet Böffel. „Holzkirchen ist im Landkreis fast schon eine Weltstadt, der asiatische Kampfsport – Judo, Aikido und Teakwondo – sind auch vertreten.“

Dabei ist Wing Tsun kein Kampfsport, wie Böffel erklärt: „Wing Tsun ist kein Sport im eigentlichen Sinne, sondern eine weiche Kampfkunst, die sich dem Menschen anpasst.“ Wer Wing Tsun betreiben will, braucht keinen Waschbrettbauch oder einen besonders starken Bizeps – vielmehr werden hierbei die Kräfte des Gegners weitergeleitet und gegen ihn genutzt.

Durch dieses Prinzip, die Kraft des Gegners zu vergessen, sie gegen ihn zu nutzen und die eigene Kraft hinzuzusetzen, soll es möglich sein, dass ein David einen Goliath besiegt – um das fernöstliche Konzept in einer christlichen Metapher zusammenzufassen.

Wing Tsun als Lebensweg

Man könne durch Wing Tsun zu einem anderen Menschen werden, davon ist das Trainerteam Michael Böffel, Alun Graham und Johanna Grimm überzeugt. „Wing Tsun ist ein Lebensweg“, sagt der in Nord-Wales geborene Graham. Graham hat jahrelange Erfahrung mit dem Shaolin-Stil Lau Gar Kuen, einem harten Stil des Kung Fu. Gerade deswegen, weil er harte Kampfsportarten kennt, ist er vom weichen Stil des Wing Tsun begeistert. Graham trainiert unter anderem die Kinder und bestätigt sichtbare Erfolge in deren Persönlichkeitsentwicklung:

Am Anfang sind die Kinder schüchtern, doch schon noch ein paar Wochen Training gehen sie aus sich raus. Sie vertrauen sich mehr.

Schaut man dem Training zu, ist man zunächst ‚lost in translation’. Begriffe wie Bong-Sao (der Schwingenarm, wir erinnern uns an der Kranich), Gum Sao (drückende Hand) oder Huen-Sao (Zirkel Hand) gehören hier zum Standard, den schon die Kleinen zwischen fünf und zwölf Jahren beherrschen. Die Kinder gehen einstudierte Bewegungsabläufe durch, die zur Fokussierung dienen sollen. In Rollenspielen lernen sie dann, sich selbst zu behaupten.

Das Kinder-Training soll die Konzentration fördern -  und natürlich Spaß machen.
Das Kinder-Training soll die Konzentration fördern – und natürlich Spaß machen.

„Das schwierigste Wort ist eigentlich Nein“, sagt Böffel. Doch genau dieses Nein laut auszusprechen, das sollen die Kinder lernen. Dafür wird im Training schon mal laut gebellt – Graham lässt die Kinder Knurren wie Hunde und will, dass jeweils einer aus der Gruppe den Rest der „Meute“ mit einem klaren Nein übertönt.

Rollenspiele sollen Realitätsbezug herstellen: Kinder sollen wissen, dass sie nicht stehenbleiben müssen, wenn ein Fremder sie zum Beispiel aus dem Auto anspricht. So erklärt Grimm:

Nicht jeder Erwachsene ist gefährlich, aber Kinder brauchen nicht zu antworten, das wollen wir vermitteln.

Dabei sei Selbstverteidigung selbst in einer relativ behüteten Gegend wie dem Landkreis Miesbach notwendig. „Gewalt nimmt immer mehr zu“, sagt Böffel. Nicht zuletzt durch die Medien – Filme oder Videospiele mit Gewaltszenen – sei die Hemmschwelle zur Gewaltanwendung gesunken.

Den Satz „Lass mich sofort in Ruhe“ beherrschen die Kinder sodann im Training perfekt. Sie sprechen ihn laut aus, ja schreien ihn sogar dem bedrohlichen Gegner, gespielt von Trainer Graham, ins Gesicht. „Im Grunde genommen trainierst du dein ganzes Leben für die zwei Sekunden, in denen es brenzlig wird“, sagt Böffel. Und zuversichtlich fügt er hinzu: „Es kann jeder schaffen.“

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