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Medienwissenschaftler Friedrich Krotz sieht die Internetsucht-Debatte kritisch

Wer hat Angst vorm Internet?

Von Rose Beyer

Internetsucht gibt es genauso wenig wie Lesesucht und Autosucht, meint Professor Friedrich Krotz. Er forscht schon seit mehreren Jahren zu Veränderungen in der Mediennutzung und hat das Standardwerk „Mediatisierung“ dazu verfasst. Im folgenden Interview zeigt Krotz auf, dass die Mediengeschichte voller Ängste vor den jeweils neuen Medien ist.

Herr Professor Krotz, Sie beschäftigen sich in ihrer Forschung mit der Mediatisierung sozialer Beziehungen. Was meint das denn genau?

Professor Dr. Friedrich Krotz: Wir beobachten den Wandel sozialer Beziehungen – in der Familie, zu Freundinnen und Freunden, Arbeitskollegen und so weiter. Wir haben heute alle aber auch sogenannte parasoziale Beziehungen zu Menschen, die wir nur aus den Medien kennen: beispielsweise zum Tagesschausprecher, der täglich auf dem heimischen Bildschirm erscheint, zu Moderatoren, Filmstars oder Politikern, die wir mögen oder nicht ausstehen können, denen wir glauben oder eben nicht einmal zuhören wollen.

Und dann haben wir noch pseudosoziale Beziehungen wie zu einem Tamagotchi, zu einem Roboterhund oder einem Avatar in einem Computerspiel: Unsere Welt erweitert sich durch Medien nicht nur wissensmäßig, sondern auch emotional.

„Ich sehe den Begriff der Internetsucht kritisch“

Das Internet hat einen immer größeren Anteil an der Mediennutzung und mittlerweile reden viele von Internetsucht. Gibt es eine Internetsucht?

Krotz: Ich sehe den Begriff der Internetsucht kritisch. Lassen Sie uns doch einen Augenblick von den Meinungen, wie sie in der Öffentlichkeit verbreitet werden, zurücktreten: Vor zehn Jahren sprach man von Computerspielsucht, vor 50 Jahren von Fernsehsucht, vor 100 Jahren von Lesesucht und vor 200 Jahren von Zeitungssucht. Heute von Internetsucht. Tatsächlich brauchen wir keine Angst vor dem Internet zu haben.

Gibt es zumindest ein problematisches Nutzungsverhalten des Internets? Wer legt denn eigentlich fest, was “zu viel” ist?

Krotz: Ein bloßes “zu viel” ist der verkehrte Ansatz. Das wäre normativ und willkürlich. Es gibt natürlich problematische Situationen: in denen gehen Leute mit Medien so um, dass es ihnen selbst nicht gut tut. Aber dafür sind meist andere persönliche oder soziale Probleme ausschlaggebend. Einen Autofahrer bezeichnen wir doch auch nicht als autosüchtig, weil er den ganzen Tag im Auto sitzt. Im Gegenteil, wir erwarten sogar von einem Fernfahrer oder Geschäftsreisenden, dass er den ganzen Tag im Auto arbeitet, kommuniziert und Radio hört.

Ein Mensch muss doch nicht immer brav im Durchschnitt bleiben, sondern sich selbst erproben und seine Grenzen finden. Er nutzt in manchen Entwicklungsphasen verstärkt das Internet, aber das ist durchaus normal. Wenn jemand nicht darunter leidet, ist das aus meiner Sicht in Ordnung.

Werde neue Medien grundsätzlich immer wieder als beunruhigend erlebt?

Krotz: Dazu gibt es auch Beispiele aus der Medienentwicklungsgeschichte, wie das Radio: das wurde erfunden und vom Staat im ersten Weltkrieg benutzt, damit Soldaten gleichzeitig aus den Schützengräben springen. Danach bildeten sich überall Radiogruppen, die alle möglichen Inhalte sendeten und viele bauten sich Empfänger dafür, der Funk wurde zum Rundfunk. Das wollte der Staat seinen Bürgern nicht überlassen. Die Frequenzen wurden verknappt, Sendelizenzen kontrolliert und verteilt, Sender und Empfänger kontrolliert. Aber das Radio generell ist genauso wenig problematisch wie das Internet. Wenn wir nicht aufpassen, wird das Internet bald ebenso kontrolliert wie das Radio.

Liebhaber von Gedichten beschäftigen sich ebenfalls mit teilweise irrealen Welten. Und wenn sie das intensiv tun, sind sie poesiesüchtig – könnte man das so vergleichen?

Krotz: Ja, das wäre vergleichbar. Poesie gibt es ja auch in Musiktexten. Wir können Musik seit 150 Jahren abspeichern, vorher gab es nur Livemusik. In der gespeicherten Musik verlieren sich manche Menschen komplett, sie sind sozusagen musiksüchtig, aber das ist unproblematisch, weil alle ihre Geräte auch wieder abschalten.

„Lies nicht soviel, das ist ungesund“

Die klassische “Leseratte” versinkt in der Welt der Bücher, andere surfen stundenlang. Gibt es einen Unterschied in der Konzentration und Wirkung auf den Menschen?

Krotz Jein. Mein Vater hat immer zu mir gesagt: “Lies nicht so viel, das ist ungesund.” Heute sagt man dasselbe über das Internet. Noch in den 1990er Jahren galt Online-Kommunikation und auch Online-Beziehungen als weniger wert als Kommunikation und Beziehungen im sogenannten realen Leben. Heute dagegen verwenden die meisten Menschen alle Kommunikationsformen, die ihnen zur Verfügung stehen, um Beziehungen zu pflegen: Man schreibt sich emails, manchmal auch noch Briefe, telefoniert und trifft sich persönlich, teilt Fotos auf Facebook oder teilt etwas via Twitter mit. Wir Menschen haben gelernt alle Medienkanäle gleichzeitig zu „bespielen“. Lesen Bücher auf Papier oder auf unserem E-Book-Reader. Bücherlesen und Kommunikation per Internet sind dann zwar immer noch unterschiedliche Kulturtechniken, aber beide haben ihre Berechtigung, sie erweitern unsere Möglichkeiten.

Trotzdem thematisieren beispielsweise Sozialverbände und Drogenbeauftragte “Internetsucht” als Problem. Warum?

Krotz: Die werden schon ihre Gründe und Absichten haben, häufig sind sie aber auch nur nicht gut informiert. Ein Beispiel: Manfred Spitzer wendet sich in seinem Buch “Digitale Demenz” gegen E-Learning. Da werden neuronale Untersuchungen herangezogen, die während der Nutzung von digitalen Geräten gemacht wurden. Doch was lässt sich daraus ableiten? Wenn ein Kind lesen lernt und man dabei dessen Hirn durchleuchtet, sieht das auch nicht nach einer “natürlichen” Nutzung des Gehirns aus. Sicher gibt es neue Interessen und “Märkte”, die hier entstehen. Ob als Buch, Vortrag, Beratungsdienstleistung oder sonst etwas.

Was halten Sie von Online-Tests zur Internetsucht?

Krotz: Da muss man schauen, wie diese Tests aufgebaut sind. Wer testet da was, wer wertet da was aus? Wie sorgfältig sind diese Tests erarbeitet und erprobt? Allgemein kann man aber wohl kaum sagen, dass man mit solchen Tests erkennen kann, ob ein Mensch Probleme hat oder eine Therapie braucht.

„Dass Surfer ‚isoliert“ sein sollen, ist absurd“

Menschen, die viel im Internet “unterwegs” sind, werden immer wieder als “isoliert” bewertet. Ist das so?

Krotz: Das ist in etwa so absurd wie die frühere Sorge, dass zu viel telefonieren den Menschen negativ beeinflusst. Heutzutage telefonieren wir alle stundenlang, und wir benutzen ja gerade das Internet auch dafür, um mit anderen zu kommunizieren. Wieso ist man dann dadurch isoliert? Niemand meint doch auch heute noch, im Gegensatz zu vor 50 Jahren, dass Telefonieren “unpersönliche” Kommunikation sei und ein Zeichen für “Isolierung”.

Könnte es auch sein, dass der Begriff Internetsucht von interessierter Seite genutzt wird, um die Meinungsführerschaft im “richtigen Umgang” mit dem Internet zu erlangen?

Krotz: Eine hohe Internetnutzung pauschal zu verurteilen ist falsch. Diese tritt meist in einer bestimmten Entwicklungsphase von Kindern und Jugendlichen auf. Das ist beispielsweise vielen Eltern suspekt und wird dann auch argwöhnisch betrachtet oder verboten. Umgekehrt nehmen Jugendliche ihre Eltern nicht ernst, wenn diese etwas kritisieren, was sie nicht kennen und ihnen Kompetenzen fehlen.

Das ist allerdings wirklich kein neues Phänomen in sozialen Beziehungen: Weder der Wettstreit um die Deutung von richtig oder falsch, noch dass Jugendliche sich von ihren Eltern abgrenzen wollen und Eltern damit ihre Probleme haben. Jugendliche “befreunden” sich eher nicht auf Facebook mit den eigenen Eltern. Sie müssen sich abgrenzen, um ihre eigene Identität zu entwickeln. Online wie offline. Und das alles ist vollständig normal.

Zur Person:

Prof. Dr. Friedrich Krotz ist Kommunikations- und Medienwissenschaftler an der Universität Bremen. Sein Schwerpunkt ist die soziale Kommunikation und Mediatisierungsforschung. Der 62-jährige ist Diplom-Mathematiker (Universität Karlsruhe) und Diplom-Soziologe (Universität Hamburg); er hat in Soziologie promoviert und sich in Kommunikationswissenschaft und Journalistik habilitiert.

Sein Hauptwerk ist „Mediatisierung: Fallstudien zum Wandel von Kommunikation“, das im VS-Verlag Wiesbaden erschienen ist. Zurzeit forscht er am ZeMKI, dem Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung in Bremen. Er ist zudem Initiator und Koordinator des DFG-Schwerpunktprogramms „Mediatisierte Welten“.

Interview: Timo Tamm


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