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Wie man jung alt wird

Von Rose Beyer

„Alt werden wollen sie alle. Alt sein will keiner.“ In unserer Kultur hat das Alter einen negativen Beigeschmack. Innerhalb der letzten 100 Jahren ist die Lebenserwartung um 30 Jahre gestiegen.

Die Gesellschaft in Deutschland wird also immer älter. Momentan wird Generation 100 geboren. Laut einer Studie der Akademiengruppe „Altern in Deutschland“ wird bald jeder Zweite über 100 Jahre alt.

Gleichzeitig findet ein wahrer Jugendwahn statt. Man flüchtet regelrecht vor dem Alter. Die Gruppe der Älteren versteckt sich hinter eigens für sie kreierten Namen: „Senioren“ oder „Best Agers“ werden sie in der Werbung oft genannt. Falten werden bekämpft. Graue Haare überdeckt. Mit regem Aktionismus versuchen manche Alten, überall mit dabei zu sein. Um bloß nicht alt zu wirken.

Wann ist man eigentlich alt?

Rosemarie Holzmann, heute 88 Jahre, wohnt in der Kreuther Seniorenresidenz Villa Bruneck und erinnert sich: „Man schaut Bekannte an und denkt sich: die ist ganz schön gealtert.“ Dann wisse man plötzlich, dass man jetzt auch dazugehöre, zu den „älteren Menschen“.

Die 88jährige Rosemarie Holzmann lebt in der Villa Bruneck

Laut UNO ist damit die Gruppe der über 60-Jährigen gemeint. Die Phase des Altseins nimmt also zukünftig einen Zeitraum von rund 40 Jahren ein, nämlich die zwischen 60 Jahren bis zum durchschnittlichen Sterbealter jenseits der 100.

Eine alternde Gesellschaft hat viele Chancen…

„Jetzt habe ich Zeit, das zu tun, was mir gefällt.“ Im Atelier des Hauses Bruneck erzählt Rosemarie Holzmann über ihre Leidenschaft ‒ das Malen. Nach einer schweren Krankheit, die sie zehn Jahre ihres Lebens begleitete, ging sie irgendwann in eine Malschule. „Ich nahm mir einen Bleistift und fing einfach an.“

Serien von Tierbildern, Porträts und Landschaftsbildern sind dabei herausgekommen. Einige Zeit hatte sie Muße für die Kunst. Dann kam ihr Enkel zur Welt, und der Omajob hat die Kunst vergessen lassen. Seit zwei Jahren malt sie wieder. Und seit zwei Jahren wohnt Holzmann in der Seniorenresidenz, wo auch ein Künstleratelier angeboten wird.

… aber auch Probleme

Aktives Altern bietet zwar mehr Möglichkeiten, seinen Hobbys oder einer ehrenamtlichen Beschäftigung nachzugehen oder einfach etwas länger zu arbeiten. Holzmann weiß allerdings auch von Bekannten, dass die potenzielle Gefahr droht, mit der Rente in „ein tiefes Loch“ zu fallen.

Viele wüssten nicht, was sie im Ruhestand mit ihrer vielen Freizeit anfangen sollen. Gerade Männer hätten Probleme damit, eine sinnvolle Beschäftigung zu finden. „Nicht gehenlassen. Weitermachen.“ So lautet Holzmanns Ratschlag. Nichtstun macht alt.

Pflichtbewusstsein als Antrieb

"Aktiv sein schützt vor Alter"

Rosemarie Holzmann wirkt nicht gelangweilt. Sie ist scheinbar zufrieden. Nach einer kleinen Hausführung zeigt sie uns die Bibliothek.

Eine gepflegte, lächelnde Dame sitzt im Sessel gegenüber. Jeans-Blazer. Dezenter Lippenstift. Frisch frisierte Haare. Nur der Rollator verrät ihr Alter.

Sie erzählt von ihren Kindertagen in dem kleinen Ort Pang bei Rosenheim. Und ihrem Wunsch, „es allen zu zeigen, dass aus mir was wird“. Sie spricht von dem Umzug in die Kreisstadt und dass man sich dort auch nach Jahrzehnten noch wie eine „Zuagroaste“ vorkam.

Ihrer Heirat mit einem Konstrukteur. Die Geburt der beiden Töchter. Die frühe Trennung von deren Vater. Und sie spricht von den Schwierigkeiten als alleinerziehende Mutter. „Ich hatte eine Aufgabe, das hilft“, sagt Sie. Die beiden Töchter mussten versorgt, das Geschäftshaus geführt werden. Da gab es gar keine andere Möglichkeit. „Ich habe alles allein durchgezogen“, erklärt die stolze alte Dame.

Jung alt werden

„Was wir von unserem Leben erwarten, entscheidet darüber, wie wir unser Leben planen. Unsere Annahmen über die Zukunft gestalten diese Zukunft maßgeblich mit“, schreibt Carola Kleinschmidt in ihrem Buch „Jung alt werden“.

Das längere Leben verschiebt auch die Zeiträume: Wir werden länger arbeiten. Wir wollen nicht mit 70 ins Altenheim, sondern auch dann vielleicht lieber anders wohnen. Wir wollen unser Leben, so lange es geht, selbst bestimmen und so gestalten, wie es zu uns passt.

„Das kann gelingen, indem man bereits mit 40 an 80 denkt“, sagt Kleinschmidt. „Nicht, weil man alles vorausplanen kann. Sondern weil wir die Weichen für ein gutes Altwerden bereits mit 40 stellen, wie Studien zeigen. Weil es jung hält und Freude macht, sein Leben aktiv zu gestalten. Lebenslang.“

Selbstbestimmte Entscheidungen

Rosemarie Holzmann hat selbst entschieden, ins Altenheim umzuziehen. „Ich wollte nicht warten, bis meine Kinder sagen, ich solle mir mal Gedanken machen über eine Einrichtung.“ Holzmann war es wichtig, sich bereits frühzeitig auf das Alter vorzubereiten. „Es ist wichtig, dass man später eine Umgebung hat, die man kennt, wo man sich wohlfühlt.“

Sie habe es schön hier, sagt sie. Es gebe Veranstaltungen, Sport, Literatur, Filme, nette Leute und Gelegenheiten für Hobbys. Hier würde jeder aufgefordert, seine Fähigkeiten zu entdecken. „Nur dasitzen und sich unterhalten ‒ das wär’s nicht für mich.“ Holzmann will kreativ sein im Alter. „Wenn ich das eine Bild fertig hab, denk ich gleich übers nächste nach.“

Rosemarie sprüht vor Energie und Tatendrang – ohne dabei einem Jugendwahn zu verfallen. Sie hat sich ganz bewusst für den Gang in die Seniorenresidenz entschieden. Und das zeigt auch, um was es selbst im hohen Alter geht: nicht darum, sich gegen das Altern zu wehren, sondern bis zum Schluss bewusste und eigene Entscheidungen zu treffen.

An der eigenen Zukunft mitzuwirken sowie Pläne und Aufgaben zu haben. Und das wird immer wichtiger werden, wenn in Zukunft die Zeit im Ruhestand für viele 30 Jahre und länger währen wird. Eine lange Zeit, die gut überlegt und gestaltet sein will.


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