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Zwei Rottacher mit erfolgreicher Idee fürs Tal

Ein „Wunder“ am Tegernsee?

Von Sabiene Hemkes

Der altbekannte Wochenmarkt für Einheimische und Gäste ist am Tegernsee zu einer Seltenheit geworden. Übrig geblieben ist nur der freitägliche Markt in Gmund. Oder etwa doch nicht? Wir haben Anian und Maximilian Rampf getroffen und uns ihr „kleines Wunder“ angesehen – entstanden in einer weltweiten Pandemie.

Anian (re.) und Maximilian (li.) Rampf mit ihrem Wunder vom Tegernsee.

Wer im Tegernseer Tal einen Wochenmarkt sucht, auf denen die Bauern und Gärtnereien der Region ihre frischen Produkte verkaufen, wird in Gmund fündig. Aber sonst? Fehlanzeige! Wahrscheinlich liegt das auch daran, dass sich unsere Gesellschaft verändert hat.

In Miesbach gibt es den Bauernmarkt. Der findet immer donnerstags am Vormittag statt. Doch wer arbeitet, muss für den Einkauf Urlaub nehmen. In Gmund ist Freitag Markttag – schon besser, aber wer in München anschafft, für den ist auch der Nachmittagstermin eine Herausforderung. Zudem ist das Angebot zwar spannend, aber die Auswahl eher bescheiden bei acht Anbietern.

Vollzeit arbeiten und regional shoppen?

Und selbst die zahlreichen Produzenten im Landkreis anzufahren, die in ihren Hofläden die selbstproduzierten Waren anbieten, bleibt meistens ein sorgfältig gehegter Wunschtraum. Meistens landen wir dann doch in den zugegebenermaßen gut sortierten Supermärkten und Discountern im Tal.

Wer braucht da noch einen Wochenmarkt? Anscheinend mehr Menschen, als man denkt. Denn ein digitaler „Wundermarkt“ erfreut sich wachsender Beliebtheit bei den Talbewohnern. Sagen jedenfalls seine Erfinder – die beiden Brüder Maximilian und Anian Rampf von der Firma Wunderlich in Gmund.

Frische-Boxen für jeden Geschmack

Sie gründeten den „digitalen Hofladen“ für den Landkreis. Auf dem „Wundermarkt“ werden regionale Produkte von Erzeugern und Produzenten angeboten. Man kann individuell online einkaufen oder sich für eine der Abo-Boxen mit saisonalem Obst, Gemüse oder dem Mix aus beidem entscheiden. Die Auswahl zwischen reinen Biowaren und regionalen Produkten ist dann auch noch möglich. Das Sortiment reicht zudem vom klassischen Obst, Salat und Gemüse bis hin zu Backwaren, Käse, Joghurt, Fischprodukten und sogar Kaffee aus der Tegernseer Kaffeerösterei.

Mama Sissi Rampf betreibt seit 1995 die Markthalle in Rottach-Egern. Seit 2017 leiten die zwei Brüder gemeinsam die Geschicke des Familienunternehmens. Sie sind die vierte Generation, die sich dem Obst und Gemüse gewidmet hat. Der ältere Bruder Anian lebte eine Zeit lang in Berlin. Er arbeitete nach seinem Studienabschluss in BWL bei einem Start-up Unternehmen in der Hauptstadt.

Jungunternehmer nach nur drei Jahren ohne Kunden

Doch ebenso wie sein jüngerer Bruder Maximilian, der das Hotelfach erlernt und später bei Feinkost Käfer und in Innsbruck in der Eventbranche arbeitete, kehrte Anian zurück in die Heimat. Drei Jahre später kam Corona. Vor der Pandemie versorgten die beiden hauptsächlich die Gastronomen im Tal mit Gemüse und Obst vom Münchener Großmarkt. Doch dann mussten ihre Kunden in den Lockdown. Anian berichtet:

Von einem Tag auf den anderen war Schluss. Die Hotels und Restaurants mussten schließen. Damit waren auch wir so gut wie arbeitslos.

Es sei eine große Herausforderung gewesen, berichten die beiden Jungunternehmer weiter. Doch als Teil einer neuen Generation, aufgewachsen mit den unendlichen Möglichkeiten des Internets, fanden die Rampfs bald schon einen Ausweg, wie Max berichtet: „Der „Wundermarkt“ war einfach die logische Konsequenz für uns. 2020 hatten wir schon ein Waren-Wirtschaftssystem im Lager etabliert.“

Das machte den Schritt in den Onlinevertrieb leichter. „Ein Vorbild für uns war die Markthalle unserer Mutter in Rottach“, berichtet Anian weiter. Einen Platz im Internet zu schaffen, an dem man nachhaltig und bewusst regional einkaufen kann, sei immer das Ziel des „Wundermarktes“ gewesen.

Produzenten und Kunden in der Krise abgeholt

Viele der heimischen Produzenten im Landkreis seien begeistert gewesen von der Idee der Brüder, erzählt Max von den ersten Schritten mit der neuen Geschäftsidee. Anian ergänzt:

Wir holen die Produkte beim Erzeuger ab und bringen sie zu den Kunden. So können wir auch den Transport unserer Waren nachhaltig gestalten.

Eine Bestellung auf dem „Wundermarkt“ kann zweimal die Woche zum Kunden geliefert werden. Es bestehe aber auch die Möglichkeit, die Bestellung direkt in der Rottacher Markthalle oder bei Wunderlich in Gmund abzuholen. Im Lager in Gmund stehen die bereits gepackten Kisten für die Kunden. Auf der einen Seite stehen die reinen Obst- und Gemüseboxen, etwas weiter vorn die Biokisten und weiter hinten in der Halle die vollgepackten Boxen mit Kaffee, Joghurt, Käse und vielen anderen Produkten.

Jung, erfolgreich und doch ganz spannend – geht das?

Das Credo der Jungunternehmer auf ihrer Internetseite liest sich gleichfalls als Aufforderung an uns alle im Tal:

Lasst uns damit anfangen, wieder regional zu denken und diese Vielfalt auch zu leben – gerade weil wir inzwischen nicht mehr auf den Komfort, den uns das World Wide Web gebracht hat, verzichten müssen.

Die neue virtuelle Wochenmarkt-Alternative aus dem Tal: Frisch nach Hause geliefert oder selbst abgeholt.

Und ganz ehrlich – nicht nur das Geschäftsmodell ist interessant, sondern vor allem die Jungs selbst sind sympathisch. Eigentlich sehen sie nicht so aus, wie die Menschen, die man sich morgens um vier Uhr auf dem Großmarkt in München vorstellt. Doch spätestens als Max und Anian uns die Kräuter und den frisch eingetroffenen Spargel im großen Lager zeigen, weiß man, dass man hier kein Zuschauer einer Online-Show von Tal-Yuppies ist.

Denn wer so gefühlvoll über den frischen Bärlauch streicht wie Max und Beeren so liebevoll betrachtet wie Anian, der muss schon eine ganz besondere Beziehung zu seinem Beruf haben. Zum Glück für uns berufstätige Talbewohner …


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