Die "vergessene" Bibliothek im Tegernseer Schloss

Kirchliche Kaufabsichten für ehemalige Zeitkapsel

Von Nicole Posztos

Ergänzung vom 4. Mai / 13:32 Uhr
Nachdem die Kreissparkasse den früheren „Psallierchor“ nach langwierigen Verhandlungen im vergangenen Jahr von Herzog Max von Bayern gekauft hat, ist zumindest in der Öffentlichkeit nicht mehr viel passiert. Zwar durften ab und an ausgewählte Personen die „vergessene“ Bibliothek im Tegernseer Schloss besuchen. Frei zugängig ist der Raum bisher allerdings noch nicht.

Nun sieht es so aus, als ob die Kirche den mit Fresken von Hans Georg Asam verzierten Raum inklusive der 11.643 Bücher erwerben möchte. Das berichtet zumindest der Merkur und beruft sich auf Kirchenkreise..

Öffentliche Führungen, interaktive Bildtableaus

Dabei hatte die Sparkasse Großes vor mit dem Raum. Im Beisein des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Georg Bromme sagte der „Entdecker“ Michael Heim bei der Präsentation im vergangenen März: „Wenn alles restauriert ist, soll gerade mit Blick auf Schulklassen mit Systemen gearbeitet werden, die auf dem Stand der Multimediatechnik Zugang zu Geschichte und Kultur des Tegernseer Tals und der Region vermitteln.“

Auf interaktiven Bildtableaus sollte beispielsweise gezeigt – und interaktiv nachvollzogen werden -, wie es von der Rranzösischen Revolution über Kriege und europäische Allianzen zum „Tegernseer Schicksalsjahr 1803“ kam. Und auch virtuell hätten Leser und Besucher durch die Bibliothek wandeln können, die Bücher durchforsten, sie anschauen und lesen.

Entdecker Michael Heim bei der Präsentation im März 2011

Ganz aktuell ist davon keine Rede mehr. „Es ist noch nicht konkret besprochen worden, wie es weitergeht“, sagt Peter-Friedrich Sieben, Pressesprecher der Kreissparkasse, auf Nachfrage gegenüber dem Merkur. Klar ist nur, die Kirche hegt Absichten, den Raum zu kaufen. Von einer Millionensumme ist die Rede. Und von intensiven Gesprächen im Hintergrund.

Bernhard Kellner, Pressesprecher der Erzdiözese München-Freising, erklärt, warum die Kirche Interesse an dem ehemaligen Paslierchor hat: „Aus pastoralen, historischen und kunsthistorischen Gründen“, so der Pressesprecher gegenüber dem Merkur. Dabei seien allerdings noch viele Fragen offen. Eine endgültige Entscheidung steht noch aus.

Und so bleibt die Zukunft der „vergessenen“ Bibliothek auch weiter ungewiss.

Ursprünglicher Artikel vom 11. März 2011:

Blick von der Eingangstür in den Psallierchor. Hinter der Wand am entgegengesetzten Ende befindet sich der Hochaltar der Tegernseer Pfarrkirche

Erst liest man aus den Unterlagen heraus, dass der Innenraum der Tegernseer Klosterkirche früher 16 Meter länger war als heute. Und dass vor über 180 Jahren, genauer gesagt 1824/25, eine Wand installiert wurde, durch die der Rest der Kirche vom früheren Psallierchor der Mönche abgetrennt wurde. Scheinbar aus praktischen Überlegungen; profaner Essensgeruch soll der Hauptgrund gewesen sein.

Danach haben nur wenige „Sterbliche“ den früheren Chor, den man zu einer Bibliothek umfunktioniert hatte, gesehen. Die Herzögliche Familie nutzte den Raum nur vereinzelt. Zuerst als Rumpelkammer und danach sammelte sie dort ihre Bücher. Ansonsten war der ehemalige Chor, mit all seinen Schätzen, aber nicht zugängig.

Bis heute ist es auch den Experten ein Rätsel, wie inmitten von Tegernsee, im ehemaligen Kloster, dieser vergessene Kirchenraum mit unbekannten Fresken des Barockmalers Hans Georg Asam existieren konnte. Eine Zeitkapsel, die nun zum 300. Todestag (07. März 1711) des berühmten Malers wiedereröffnet wird.

„Aber was ist schon Wissen ohne das Gefühl und die Empfindungen, die uns umspülen“

Mit all diesem Wissen steht man nun vor einer Tür und hat das Gefühl, gleich öffnet sich das 24. Türchen eines riesigen Adventskalenders. Die Spannung steigt. Und dann schwingt die doppelbödige Holztür im ersten Stock des Tegernseer Gymnasiums auf, und man tritt ein in eine längst vergangene Zeit.

Ein hoher, heller, freundlicher und dennoch sehr kalter Raum, von dessen Decke uns Heilige und Engel freundlich beobachten. Das Wissen aus früheren Jahrhunderten ruht in diesem Raum. Was genau da ruht, muss nun herausgefunden werden. Kleine Schätze, wie zum Beispiel Bücher über die Erziehung der Herzogsfamilie, machen neugirieg auf weitere Funde. Was ist wohl sonst noch zwischen den Buchdeckeln des frühen 17. bis späten 19. Jahrhunderts versteckt?

Blick von der Höhe der Trennwand (ca. 9 Meter) zum Bibliothekseingang - Blickrichtung Gymnasium

Informationen zum Fund

Die gesamte Bibliothek mit genau 11.643 Büchern bayerischer Herzöge steht noch genauso da wie einst, als sie verschlossen wurde. Die Restauration an den Wänden, Fresken an den Dachgewölben von Hans Georg Asam. Aber auch an den Büchern sowie den Regalen und Schränken. All das wird erst nach und nach losgehen.

„Es wird auf alle Fälle viel Arbeit werden. Die Bücher müssen aufwändig restauriert werden. Einige Schränke sind unsäglich verzogen und, und, und …“

sagt Sparkassenchef Georg Bromme, der in den vergangenen 18 Monaten in langwierigen Verhandlungen mit Herzog Max ein „immerwährendes Nutzungsrecht“ für die Kreissparkasse Miesbach-Tegernsee ausgehandelt hat.

Was das bedeutet, hat Bromme im Rahmen einer ersten Pressebegehung am gestrigen Donnerstag erläutert. Vor allem, dass der Raum nach einer umfassenden Renovierung der Bibliothek der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt wird, war ihm wichtig zu betonen.

Ein Regal aus "360 laufenden Metern"

„Einer der entscheidenden Voraussetzungen für unser finanzielles Engagement war der Zugang für die Öffentlichkeit. Und dem werden wir auch nachkommen.“

Der verantwortliche Historiker Alexander Bronisch fügt an, dass es je nach Zustand einzelner Bücher vielleicht auch möglich sein werde, einzelne Bände direkt unter Aufsicht in den Händen zu halten und durchzublätern. Bronisch kommt nun die wichtige Aufgabe zu, den Zustand der alten Werke festzustellen, sie so gut es geht von Schimmel zu befreien, um sie danach fachgerecht zu restaurieren.

Dabei ist die Begeisterung der Herren mit Händen greifbar. Der Dritte im Bunde ist der eigentliche Entdecker Michael Heim, der mit einem Dauerlächeln und voller Stolz über den Raum und dessen Möglichkeiten erzählt:

„Die Geschichte in diesem Raum durchflutet einen. Man saugt sie regelrecht auf. Und diese Geschichte soll der Öffentlichkeit, vor allem der Jugend, zugänglich gemacht werden. Das ist natürlich auch unser größter Wunsch.“

Entdecker Michael Heim erklärt die "Funde"

„Wanderer durch Raum und Zeit, tritt ein“

Wenn alles restauriert ist, soll gerade mit Blick auf Schulklassen mit Systemen gearbeitet werden, die „auf dem Stand der Multimediatechnik“ Zugang zu Geschichte und Kultur des Tegernseer Tales und der Region vermitteln.

Ein Beispiel: Auf interaktiven Bildtableaus wird gezeigt (und interaktiv nachvollzogen), wie es von der Französischen Revolution über Kriege und europäische Allianzen zum „Tegernseer Schicksalsjahr 1803“ kam.

Und auch virtuell sollen Leser und Besucher durch die Bibliothek wandeln können und die Bücher durchforsten, sie anschauen und lesen. Aber das, so Heim, sei dann tatsächlich noch Zukunftsmusik.

Ob Zukunft oder Vergangenheit – das Wissen über die Existenz des Fundes macht viele zu Recht stolz. Und es wird noch spannend sein, zu sehen, welchen Weg dieses „unbekannte“ Schmuckstück noch gehen wird.

Weitere Eindrücke vom Psallierchor, den Fresken und der Lage:

Sparkassenchef Georg Bromme erklärt den Pressevertretern die langwierigen Verhandlungen
Alte Werke, teilweise aus dem frühen 17. Jahrhunder, die auf eine Neuentdeckung warten
Bei der Bestandsaufnahme der Fresken
Der ehemalige Psalierchor, dann Herzögliche Bibliothek. Hinter der Wand am entgegengesetzten Ende befindet sich der Hochaltar der Tegernseer Pfarrkirche
Die Deckenfresken von Hans Georg Asam
In einem„Blindraum“ zwischen der Bibliotheks-Trennwand und der Schalenwand der Kirche finden sich Fragmente von Asam-Fresken, die beim Einbau der Trennwand (zur „Abkapselung“ des Psallierchores) größtenteils zerstört wurden. Sie zeigen u.a. die heilige Scholastika, Schwester des Ordensgründers Benedikt, und Schutzheilige des Klosters Tegernsee
Das ehemalige Kloster Tegernsee. Der Psallierchor befindet sich in der Verlängerung des Kirchenschiffes (also von den beiden Kirchtürmen nach links), zu erkennen durch die drei hohen Bogenfenster.


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