So kann ein Freilaufstall für Kühe aussehen

Zu Gast „beim Knoll“ in Gmund

1.066 landwirtschaftliche Betriebe gibt es im Landkreis Miesbach. Sebastian Andrä führt einen davon. Er war der erste in der Viehzuchtgemeinschaft Tegernsee, der sich einen Melkroboter anschaffte. Der ist das Highlight in seinem Stall. Und wir wissen jetzt: ein Laufstall ist viel mehr als nur ein großes Zuhause für Tiere.

Der Hof „beim Knoll“ in Gmund. / © Rose Beyer

Sebastian Andrä hat drei eigene Kinder und ist für 70 Milchkühe und deren 120 „Kinder“ verantwortlich. Die stehen in seinem 2009 errichteten Laufstall. Und täglich werden es mehr. Und auch wieder weniger. Und das geht so: Kündigt sich bei Andräs die Geburt eines Kälbchens an, so wandert das Muttertier rund eine Woche vor dem errechneten Geburtstermin in die sogenannte „Abkalbebox“. So nennt man einen abgetrennten Teil in dem rund 50 mal 23 Meter umfassenden Laufstallgebäude auf dem Anwesen im Gmunder Ortsteil Moosrain.

„Beim Knoll“ – diesen Namen trägt der Hof. Bewirtschaftet wird er von Sebastian Andrä mit Familie. Die Aufgabenverteilung ist genau geregelt. Während Sebastian sich hauptsächlich um‘s Füttern, die Holzarbeit und alle weiteren Außenarbeiten kümmert, macht Sophie, die 18-jährige Tochter, die bereits ihre Ausbildung zur Landwirtin abgeschlossen hat, die Arbeiten rund um die Liegeboxen und das Besamen. Mutter Bettina ist die „Herden-Managerin“ und gemeinsam mit Sophie für‘s Kälber-Tränken zuständig. Die beiden kleinen Geschwister helfen wo sie können, etwa bei der Feldarbeit oder beim Versorgen der hofeigenen Hühner.

Hier liegt Flora in der Abkalbebox. / © Rose Beyer

Gerade liegt „Flora“, eine siebenjährige Kuh, die bereits sieben Kälber auf die Welt gebracht hat, im weichen Stroh der Abkalbebox und wartet auf die Niederkunft ihres achten Kalbes. Meistens muss der Mensch bei der Geburt nicht mithelfen. Wenn es Komplikationen gibt, dann ist die Hilfe der Bauersleute gefragt. „Wir können die Kuh mittels Kamera beobachten“, erzählt Sebastian Andrä und deutet auf das an der Stalldecke befestigte, technische Hilfsmittel. So muss man nicht dauernd im Stall zugegen sein, sondern macht einfach mal kurz den Laptop an und kann nach dem rechten sehen.

Laufstallanforderungen sind groß

So ein Laufstall eröffnet ihm ganz neue Möglichkeiten, berichtet der Landwirt. Als er im Jahr 2007 den Hof von seinen Eltern übernommen hatte, hätten bald die Planungsarbeiten für einen neuen Stall begonnen, erinnert er sich. Eine fachgerechte Planung bei so einem Stallvorhaben sei mit das wichtigste. So meint zumindest Stefan Bauer, der als Architekt am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Traunstein als Bauberater für Landwirte von Berchtesgaden bis Bad Tölz zuständig ist.

Umfangreiche gesetzliche Vorgaben regeln Mindestanforderungen für Ställe. Wie etwa, dass eine Kuh in der biokonformen Milcherzeugung einen Mindestraum von 6 Quadratmetern haben muss. Geregelt sind sämtliche Bereiche im Stall, von der Dachfläche, der Belichtung, der Gestaltung der Liegeflächen, die Fress- und Laufplätze, den Melkplatz oder die Abkalbeboxen.

Insgesamt leben 70 Milchkühe und deren 120 ‘Kinder’ auf dem Hof in Gmund. / © Rose Beyer

Wie ein Stall für wen gebaut werden muss, das sei total individuell und abhängig vom bestehenden Hof, vom Typ des Landwirts und vor allem, was der Landwirt erreichen will. Will er auf biokonforme Milcherzeugung umstellen oder einen staatlich bezuschussten Stall errichten, das sind zum Beispiel zwei besondere Ziele. Nicht zuletzt ist natürlich auch der Preis ausschlaggebend, den ein Stall kosten darf, meint der Bauberater. Pro Kuh-Platz nennt er eine Hausnummer von rund 10.000 Euro, mit denen man rechnen muss.

Vom buckelnden Bauern zum Kontrolleur von Tier und Technik

Andrä ist froh, dass er sich damals zum Laufstallbau entschlossen hat. Denn ein solcher Stall ist viel mehr als ein großes Zuhause für Tiere. Besonders die tiergerechte Haltung (viel Bewegung, da die Tiere herumlaufen können), der Kuhkomfort (die Kuh kann sich hinbewegen wo sie will) und die Arbeitserleichterung für die Landwirte sprechen dafür. Der Landwirt kommt sozusagen in die angenehme Lage vom „buckelnden Bauern“ zum Kontrolleur für Tier und Technik – zum Tiermanager.

Gemeinsam mit seiner Tochter Sophie kümmert sich Sebastian Andräs um die Tiere. / © Rose Beyer

„So bin ich nicht mehr so mit den Alltagsarbeiten beschäftigt und kann mich dafür mehr um die Tiere kümmern, auf ihre Gesundheit und ihr Verhalten achten“, beschreibt Andrä die Vorteile. Zwar gibt es immer noch zwei feste Stallzeiten – morgens und abends – aber insgesamt wird der Tag planbarer und man steht verbringt viel weniger Zeit im Stall. Kann derweil andere Arbeiten auf dem Anwesen verrichten.

Die rund 50 bestehenden Kühe zogen also 2009 von der vorherigen Anbindehaltung in den neu gebauten Laufstall um. Neu erworbene Tiere gesellten sich zur Herde hinzu und natürlich wurden auch wieder neue Kälbchen geboren, die die Herde verstärkten.

Von der Abkalbebox ins „Iglu“

Ist ein Kälbchen auf die Welt gekommen, so bleibt es die ersten 24 Stunden bei seiner Mutter in der Abkalbebox. Anschließend zieht es für die kommenden vier Wochen um in ein sogenanntes „Kälberiglu“. Das Kunststoffzuhause sieht aus wie ein Iglu, steht im Freien und bietet optimale Verhältnisse für das kleine Tier.

Nach der Geburt verbringen die Kälbchen vier Wochen lang in einem dieser sogenannten Kälberiglus. / © Rose Beyer

„Als ursprüngliches Steppentier mag es die Kuh kalt“, weiß Sebastian Andrä. „Der Stoffwechsel funktioniert am besten bei Null bis 15 Grad Celsius.“ So bekommt das Kälchen in seinem Iglu seine tägliche Milch aus dem Kübel und ein wahres Wohlfühlklima in seiner Behausung. An die zwanzig Iglus besitzen die Andräs. Besetzt sind allerdings nicht immer alle zur selben Zeit, meint der Tierhalter. Und zwar auch deshalb, weil es gut ist, wenn sie eine Zeitlang leerstehen. Das ist gut für die Hygiene.

Nicht alle Tiere dürfen ihr Leben lang auf dem Hof bleiben, so erfährt man es im Gespräch. Die weiblichen Tiere behält der Viehzüchter. Die männlichen Tiere – Stiere nennt man sie – werden im Alter von vier bis fünf Wochen – da haben sie ein Gewicht von ungefähr 75 bis 80 Kilogramm – auf dem Viehmarkt in Miesbach meist an Mastbetriebe verkauft.

Vom Iglu in den „Kindergarten“ und ins „Landschulheim“

Die Rinder-Mädchen – sogenannte „Kiasal“ dürfen nach rund vier Wochen von ihrem Iglu in den Laufstall umziehen. In Gruppen Gleichaltriger – so einer Art „Kindergarten“ – leben sie dort die kommenden drei Monate. Neben Milchnahrung bekommen sie auch Heu und eine spezielle Kraftfuttermischung zu Fressen. Kommt der Frühling, so dürfen sie im hofeigenen Obstgarten das Grasen lernen.

Das ganze Leben der jungen „Mädchen“ ist darauf ausgerichtet, sie auf‘s „Kinderkriegen“ und Milchgeben vorzubereiten. So wandern sie im Bereich des Laufstalles immer um einen Bereich weiter. Das Gebäude ist eingeteilt in Grppenbereiche, in denen die etwa Gleichaltrigen gehalten werden. Sind sie ungefähr eineinhalb Jahre alt, so werden sie mit Sperma eines Stieres „belegt“, das heißt befruchtet. Diese Aufgabe erledigt Tochter Sophie, die neben ihrer Ausbildung zur Landwirtin auch die Tätigkeit der „Besamungstechnikerin“ ausführt.

Sind die jugendlichen Kühe trächtig, ziehen sie eine Zeit lang ins “Landschulheim”. / © Rose Beyer

Sind die jugendlichen Kühe – der Bauer nennt sie jetzt „Kalbinnen“ dann garantiert trächtig – festgestellt durch einen Test, so dürfen sie noch einmal raus aus dem Laufstall. Zu diesem Zweck ziehen sie für ein paar Monate in eine Art „Landschulheim“, entweder auf eine Almweide oder zum Partnerbetrieb der Andräs ins nahe Waakirchen.

Das Highlight des Stalles – der „Melkroboter“

Als Vollerwerbsbetrieb leben die Andräs von der Milchviehhaltung. „Jeden zweiten Tag kommt der Milchfahrer“, sagt Bauer Sebastian. Geliefert wird die gewonnene Milch damit an „sternenfair” – das ist die Marke der MVS Milchvermarktungs-GmbH in Pfaffing. „Produziert wird im Lohnverfahren“, erklärt Andrä, „so gibt es kein Überangebot an Milch.“ Und das wiederum garantiert den Milchbauern einen stabilen Milchpreis. Für einen Teil der Milchmenge kann ein Preis von bis zu 40 Cent pro Liter garantiert werden.

Im Durchschnitt gibt jede Milchkuh rund 30 Liter Milch täglich. „Im Schnitt 2,5 mal pro Tag bewegt sie sich dazu ins AMS“, erklärt der Landwirt. AMS – Automatisches Melksystem – so heißt der „Melkroboter“ in der Fachsprache. Andrä war der erste in der Viehzuchtgemeinschaft Tegernsee, der sich damals – 2009 – einen Melkroboter anschaffte. Damit läuft Melken sozusagen automatisch. Die Kuh verspürt einen Druck im Euter, wenn sie gemolken werden sollte und kann sich dann selbsttätig zum Melken bewegen. Das findet Andrä gelebtes Tierwohl. „Das Kalb trinkt ja auch, wann es will“, meint er.

„Gelenkter Kuhverkehr“ – so nennt man das Prozedere in einem modernen Laufstall, wie ihn Andrä sein eigen nennt. Wassertrinken, Fressen, Melken, das Fell bürsten, die Kuh bleibt den ganzen Tag in Bewegung und tut eine bestimmte Schrittzahl. Wie viele, das misst ein sogenanntes „Pedometer“, vergleichbar mit einem Schrittzählerband. Über dieses wird die Kuh auch vom Melkroboter erkannt. Dort bekommt sie ihre ausgezählte Futterration verabreicht, mit einer zweiten Kamera überwacht und auch die Milchwerte werden genau festgehalten. Die Milch läuft über eine Leitung in die Kühlkammer und wird später vom Milchfahrer abtransportiert.

Von der Abkalbebox zur Abkalbebox

Während des Besuches auf dem „Knoll-Hof“ wird so schnell klar: dieses Gebäude ist viel mehr als nur ein großes Zuhause für Rinder. Es ist ein ausgeklügeltes, durchdachtes System, in dem der Tisch für die Tiere 24 Stunden am Tag gedeckt ist. Und das es dem Landwirt ermöglicht, seine Milchviehhaltung in einem 2.0-Level zu erledigen.

Andrä hat ihn in Holzleimbauweise errichten lassen. Und extra von Süd nach Nord gebaut, damit die Luft von West nach Ost zirkulieren kann. Er öffnet die automatischen „Curtains“ – eine Art Riesen-Jalousie und begründet: „So haben unsere Kühe immer frische Luft“, begründet er.

Im Geiste bereitet er sich schon auf den kommenden Arbeitstag vor. Zwei mal wird er dann wieder seiner festen Stallzeit nachgehen. Rund zehnmal im Stall vorbeischauen. Und wahrscheinlich wird „Fussel“, eine der Töchter von „Flora“ in der Abkalbebox Platz nehmen. Eine Jungkuh, die ihre eigene Geburt auch schon in der Abkalbebox auf dem „Knoll-Hof“ erlebt hat.


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