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Wochen der Entscheidung für Pläne um Orthopädische Klinik Tegernsee

„70 Millionen Euro für 20 Betten mehr“

Von Klaus Wiendl

point klinik grafik-2

Mit ihrem Titel bringt die „Bayerische Staatszeitung“ den Streit um den massiven Klinikneubau auf der Point auf den Punkt. Zudem wird auf die wiederholte Kritik des Bundesrechnungshofs hingewiesen, der Millionenverluste bei den 22 Rehabilitationszentren der Deutschen Rentenversicherung (DRV) anprangert. Doch damit nicht genug: Auch die Schutzgemeinschaft stellt sich erneut mit drastischen Worten gegen das Vorhaben.

Seit 1964 erholen sich in der Klinik Reha-Patienten von orthopädischen Eingriffen. Knapp 50 Jahre herrschte bestes Einvernehmen zwischen den Klinik-Betreibern und der Stadt Tegernsee. Doch seit im vergangenen Jahr die Umbaupläne auf dem schmalen Filet-Grundstück am See bekannt wurden, reißt die Kritik aus der Bevölkerung nicht mehr ab. Sie wendet sich dagegen, dass der neue Bau auf sechs Stockwerke anwachsen soll, zwei mehr als bisher. Auch würde die Klinik näher an den See rücken und nur noch zehn Meter Abstand zum Ufer halten. Bisher sind es etwa 25 Meter.

Betreiber entscheidet sich gegen neue Planung

Dieser Koloss, wie viele Gegner im Tal die Planung bezeichnen, erregt die Gemüter. Zunächst war es im Dezember die Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal (SGT), deren als Fackelzug deklarierte Demonstration gegen den Neubau für Aufsehen sorgte und sogar die DRV zum Einlenken brachte – zumindest kurzfristig. Hieß es noch im Dezember, man werde die Baupläne überdenken, war im Juni bereits keine Rede mehr davon, denn, so die Verantwortlichen, es gebe keinen Spielraum für die Umplanung.

Ihr Drohpotential: Eine erneute Verzögerung sei mit 50.000 Euro Mehrkosten pro Monat verbunden. Diesem Argument des Klinikbetreibers konnte oder wollte sich auch Tegernsees Bürgermeister Johannes Hagn (CSU) nicht verschließen:

Wenn die DRV im Frühjahr umgeplant hätte, hätte sie im Herbst wieder umplanen müssen.

Nach kontroverser Debatte entschied der Tegernseer Stadtrat ebenfalls im Juni, die Baupläne öffentlich auszulegen. Bis 4. August – also bis Anfang nächster Woche – können Anwohner und Behörden zu dem Großprojekt noch Stellung nehmen.

„Ein Bruch mit den Maßstäben des Tals“

Deutlich Stellung bezogen hat nun die Vorsitzende der SGT, Angela Brogsitter-Finck, in ihrem jüngsten Schreiben an den Stadtrat. Die Neuplanung der Orthopädischen Klinik auf einem Hügel der Point, an einem der schönsten Plätze am See, stelle selbst das Hotel Überfahrt in den Schatten. „Hier soll ein Moloch entstehen, eine Monsterdimension – und dieser Lindwurm versucht erst gar nicht, sich in das Tal-Landschaftsbild einzufügen“, schreibt die streitbare Vorsitzende an Bürgermeister Hagn.

Es sei ein absurder Bruch, der mit den Maßstäben des Tals nicht mehr kompatibel sei. Diese „talfremde Baumasse ist für mich eine Missachtung der bayerischen Kultur“, so Brogsitter-Finck weiter. Und die Sprecherin der Schutzgemeinschaft fragt:

Wollen wir diese neue Landschaft? Ein seeseitiges Gebäude mit sechs sichtbaren Geschossen, vier Gebäude insgesamt, die sich auf dem handtuchschmalen Grundstück an der Point zwischen Bundesstraße und Seeufer neben dem denkmalgeschützten Palais Wedelstaedt schlängeln.

Damit zieht die SGT erstmals an einem Strang mit den Gemeindevertretern von Rottach-Egern. Denn der Nachbarort hat nun erstaunlich scharf verkündet, mit allen Mitteln gegen den Klinikneubau vorzugehen: „Falls die Stadt Tegernsee versuchen sollte, unsere Bedenken wegzudrücken, werden wir mit juristischer Hilfe dagegen ankämpfen“, erklärte beispielsweise Rottachs Bauamtsleiter Walter Hübsch in der vergangenen Woche.

Die Gemeinde habe sich bereits einen Anwalt genommen. In seiner nächsten Sitzung an diesem Montag, den 28. Juli, will der Rottacher Gemeinderat über die Klinikpläne diskutieren. Dann wollen die Ratsmitglieder erneut ihren Widerstand zum Ausdruck bringen.

Wenig Konkretes

Derweil verschanze sich die DRV hinter „nebulösen“ Angaben, das schreibt zumindest die Bayerische Staatszeitung, als sie konkrete Fragen beantwortet haben wollte: „Zum Beispiel, wie sich die 120 Mitarbeiter zusammensetzen. Wie viele Ärzte, wie viele Pflegekräfte, wie viele Voll- und wie viele Teilzeitkräfte beschäftigt man auf der Point? Wie hoch ist der Umsatz, wie hoch das Ergebnis? Wieso baut die DRV auf dem schmalen Grundstück auf der Point, wenn ein Neubau an einem anderen Ort viel günstiger käme und deshalb nicht weniger Einnahmen brächte?“

Zahlen sind dazu nicht zu bekommen. Einzig ein Statement gibt es: „Die Klinik habe durchgängig gute Ergebnisse erzielt.“ Mit rund 120 Mitarbeitern sei man der größte Arbeitgeber in Tegernsee. Gleichzeitig weist die DRV darauf hin, dass die Kritik des Bundesrechnungshofs ins Leere laufe. Die für die Klinik an der Point zuständige DRV Bayern Süd hält dagegen, dass man in Tegernsee durchgängig gute Ergebnisse erziele. Die Reha-Einrichtung sei seit Jahren voll belegt, Zuschüsse seien nicht erforderlich. Zudem, so ein weiteres Argument der Betreiber, habe man allein im Jahr 2013 Aufträge in Höhe von 640.000 Euro an die Wirtschaft in der Region vergeben.

Rottach befürchtet durch den Bau eine Beeinträchtigung der Seestraße
Rottach befürchtet durch den Bau eine starke Beeinträchtigung des Ortsbildes / Beide Animationen: DRV

Diesen wirtschaftlichen Nutzen für die Stadt Tegernsee stellt die SGT allerdings ebenfalls in Frage. „Unbestritten dürfte die Tatsache sein“, so deren Vorsitzende, „dass eine Klinik, die ihre Patienten selbst verköstigt, selbst beherbergt, gewiss nicht die finanzielle Bedeutung für die Tegernseer Wirtschaft hat, die uns vorgegaukelt wird.“ Und Brogsitter-Finck fügt hinzu: „Die Nachfolgelasten des Neubaus beträfen alle Talbewohner und ihr Wohl sollte der Stadt Tegernsee wichtiger sein als das des Investors. Es ist ganz einfach: Wir dürfen nicht alles, was wir können.“

In Kürze werden sich die Rauch- und Nebelwolken über der Egerner Bucht möglicherweise verziehen. Dann wird man klarer sehen, ob die Pläne der DRV weiterhin Bestand haben, oder ob deren Kritiker im Rottacher Gemeinderat wie auch im Tegernseer Stadtrat ein Veto einlegen, das mehrheitsfähig ist. Noch steht der Klinikneubau für 20 Betten mehr und Kosten von 70 Millionen Euro auf dem Prüfstand.

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