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„Dorfgespräch“ in Kreuth zum umstrittenen Thema Laufstall

Agrarlobby contra bäuerliche Betriebe

In Altwiessee steht er bereits, in Rottach-Egern führte er zu einer Grundsatzdebatte. Die erhitzten Diskussionen über den Neubau von artgerechten Laufställen veranlassten Josef Bogner zu einem Dorfgespräch in der Naturkäserei. Es offenbarte das Dilemma der zahlreich erschienen Landwirte.

Der Saal in der Naturkäserei war beim “Dorfgespräch” gut besucht. / K. Wiendl

Im idyllischen Ortsteil von Bad Wiessee hat Landwirt Augustinus Höß einen Laufstall gemäß der EU-Vorschriften seit Sommer vergangenen Jahres in Betrieb. Er bietet Platz für 26 Milchkühe, 24 Jungrinder und 12 Kälber. Der Viehbestand erhöhte sich damit nur leicht. Im Laufstall sollen sich Rinder bewegen können und nicht angebunden sein. Dieses Tierwohl lasse sich in alten Ställen selten realisieren. Neue würden inzwischen vielfach auch von Molkereien gefordert, die damit werben.

Wer da nicht mitmacht, muss beim Milchpreis mit Umsatzeinbußen von vier bis fünf Cent pro Liter rechnen. Zudem würden diese großen Hallen für viel Geld selten ins Ortsbild passen. Ein Spagat, der im Rottacher Gemeinderat zu heftigen, auch innerparteilichen Debatten führte. Denn die Gemeinderätin Anastasia Stadler (CSU) hatte mit ihrem Mann mehrere Male die Absicht geäußert, im Ort einen modernen Laufstall mit Schauraum zu errichten. Das letzte Wort hat hier wohl inzwischen das Landratsamt.

Umso gespannter verfolgten drei Talbürgermeister das Ortsgespräch. Denn Josef Bierschneider, Christian Köck (beide CSU) und Alfons Besel (FW) werden sich künftig vermehrt mit Bauanträgen für Laufställe auseinandersetzen müssen. Dann sind sie mit Bogners Thema des Abends konfrontiert: „Landwirtschaft in touristischen Gebieten, wie können junge Leute motiviert werden, wie geht es weiter?“. Bogners Credo: „Wenn der Beruf Bauer erhalten und nicht nach hinten gedrängt wird, profitieren alle davon, insbesondere die Region und der Tourismus“.

In den Bauausschüssen der drei Talbürgermeister Josef Bierschneider (v.l), Christian Köck und Alfons Besel sorgen Laufställe für Kontroversen. / K. Wiendl

„Die Agrarlobby ist unterwegs“

Das einzige regionale Produkt neben dem Bier, was man im Tegernseer Tal bieten könne, seien Milch und Käse, so Bogner. Ziel müsse es sein, die Landwirtschaft nachhaltig zu sichern. Dies zeige auch der Erfolg der Naturkäserei, deren Aufsichtsratsvorsitzender Bogner ist. „Die Heumilchprodukte hängen von der Existenz der Kleinbauern ab“. Doch wenn diese ihren Hof übergeben, würden sie ihre Privilegien verlieren. „Dann gibt es neue Vorschriften. Und da schaut’s gleich ganz anders aus“. Deshalb seien auch die vielen Berater der Agrar-Lobby unterwegs. „Die wollen ihre neueste Technik, einen computergesteuerten Betrieb, dann in größeren Laufställen verkaufen.“

„Der Laufstell bewegt die Gesellschaft wie die Bauern. Letztere stehen aber unter Zugzwang“, mahnte Experte Rüdiger Obermaier als ehemaliger Berater des Landwirtschaftsamts und Kenner der Bauernschaft. Denn Molkereien und Handel würden immer mehr Druck ausüben: Ohne Laufstall auch weniger Milchabnahme. Bei der Entscheidung für einen Laufstall gefalle Obermaier nicht, dass die Landwirte meistens ihren Viehbestand „aufstocken“ würden. Er aber plädiere für eine „flächengebundene Landwirtschaft“.

Mit Laufställen wachsen die Betriebe

Wer so baue, sollte das Privileg für den Außenbereich erhalten. Dafür seien nach dem Baurecht bis zu 51 Prozent der Futterfläche notwendig. Ohnehin sei es schwierig, die Wirtschaftlichkeit nur mit der Milchwirtschaft zu erreichen. Oft höre Obermaier von Bauern deshalb, dass sie ihren Viehbestand verdoppeln wollen. Doch denen entgegne er: „Du hast doch dafür gar nicht die Futterfläche“. In Folge würde Kraftfutter dazugekauft werden. „Das sind alles Gülle und Nährstoffe, die wieder in den Kreislauf der Natur kommen“. Ihn „erschrecke“, so Obermaier, dass die Höfe „mit einem Laufstall in eine Wachstumsphase kommen“.

Josef Bogner sen. regte die Diskussion über Laufställe an. / K. Wiendl

Der Einfluss der Konzerne, ob Banken, Baufirmen oder Futtermittelindustrie, ist laut Obermaier sehr stark. Hier sollte auch die Politik freier und unabhängiger sein. „Lobby bleibt Lobby“, war Bogners Kommentar dazu. Eine „Laufstallpflicht“ bestehe bislang nicht. Aber jeder Landwirt, der etwa 400.000 Euro in die Hand nehme, würde „natürlich einen Laufstall bauen“. Denn die Anbindehaltung sei arbeitsintensiver, daher „ist der Laufstall die Zukunft“.

Das Dilemma der Bauern sei laut Peter Manusch, dass ein neuer Stall mit Anbindehaltung nicht mehr staatlich gefördert werde. Als Bauberater beim Naturlandverband kenne er nur noch einen Fall mit traditioneller Haltung. Alle anderen Landwirte hätten in Laufställe investiert, da sie leichter zu bewirtschaften seien. Der Haken für die Landwirte sei bei der Entscheidung zu einem Laufstall, dass vom Staat erst nach einem Wirtschaftlichkeits-Gutachten Geld komme. Doch darin wird eine Aufstockung des Viehbestandes um bis zu 25 Prozent empfohlen, um die Investition „gestalten“ zu können. Doch die Klemme für einen Bio-Betrieb sei, dass er nicht unbegrenzt Futter dazukaufen könne, was bei einem konventionellen Hof möglich sei.

„Mehr Kühe, mehr Abstand“

Das Thema „Abstand“ zu einem Laufstall dürfte vor allem die Bürgermeister interessiert haben, da sie sich in ihren Gremien damit auseinandersetzen müssen. „Welchen Abstand muss der Laufstall zum Hof oder der Wohnbebauung haben?“, war Bogners Fragestellung. Schließlich habe man im Tal wenig Flächen. Bei einem Laufstall rede man aber „gleich von ein paar Tausend Quadratmetern“. Obermaier brachte es auf eine kurze Formel: „Mehr Kühe, mehr Abstand“. Grundlage dafür sei eine Ammoniak-Emissions-Berechnung. Für den Abstand zur Wohnbebauung sei auch die Windrichtung entscheidend. Wenn der Wind von Westen den Ammoniak nach Osten treibe, muss eben auch der Abstand nach Osten größer sein. Die Faustregel sei: 30 Milchkühe, 40 Meter Abstand.

Was in Rottach noch diskutiert wird, steht bereits im Dorfkern von Bad Wiessee: ein Laufstall. / K. Wiendl

Zu unterscheiden sei auch ein Neubau und eine An- und Umbaulösung für den Freilauf. Manchmal könne auch ein Umbau günstiger sein. Obermaier höre von Bürgern immer wieder, dass die Landschaft unter den riesigen Laufställen leide und Orte damit zugepflastert würden. Auch diese Einwände müsse man ernst nehmen.

Rolf Oehler, Chef des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Holzkirchen, berichtet, dass im Landkreis derzeit durchschnittlich etwa 24 Milchkühe in den Ställen stehen. Seine Erfahrung sei, wenn man die Bauern mitnehme, finde man auch Lösungen. Ein großes Thema sei eben das Tierwohl, das von Politikern gerne auch in Wahlkämpfen thematisiert werde. Jetzt hätten dies auch einige Molkereien aufgenommen. Doch Oehler mahnte: „Das Verbot der Anbindehaltung ist der Tod kleinerer Betriebe“. Bogners Befürchtung: „Wenn das Tal mit 30 – 40 Freilaufställen bebaut wird, schaut’s bei uns anders aus“. Noch aber taugt die Kuh auf der Weide als Postkartenidyll.

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