Angeklagte „wurde immer fordernder“

Da die des Mordes beschuldigte Renate W. schweigt, sind Zeugen in dem Verfahren vor dem Landgericht München II umso wichtiger. Heute sagte eine Mitarbeiterin des Krankenhaus Agatharied aus, in dem Barbara Böck im März 2016 tot aufgefunden wurde. Dabei wird immer klarer: das Gericht ist auf Indizien angewiesen.

Renate W. (links) mit ihren Anwälten vor dem Landgericht München II. (Fotos: Klaus Wiendl)

Am zweiten Verhandlungstag gegen eine mutmaßliche Diebesbande (wir berichteten) sollten die Aussagen von Helga G. als Mitarbeiterin der Psychiatrie des Krankenhauses Agatharied mehr Licht in das Dunkel um das Ableben von Barbara Böck bringen.

Der damals 95-Jährigen ging es nicht mehr gut. Sie soll ein paranoides Syndrom gehabt und an fortschreitender Demenz gelitten haben, wie in einem psychiatrischen Gutachten festgestellt wurde. Die in Kreuth lebende Kunsthändlerin sei zu keiner „freiwilligen Willensbildung“ mehr fähig gewesen. Die täglichen Dinge von „Betty“, wie Böcks Kosename lautete, erledigte die 53-jährige Angeklagte Renate W. An sie konnte sich die 56-jährige Zeugin G. als Sationssekretärin erinnern, vor allem an zwei Situationen.

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Ganze Familie soll beim Kunstraub mitgeholfen haben

In der geschlossenen Abteilung sei W. auf sie zugekommen und habe den Verlust eines Pelzmantels und einer Perlenkette gemeldet. Später habe W. aus Sauerlach auch den Schlüssel von Böcks Villa verlangt. Diese habe die Pflegerin als Gesellschafterin der Patientin bekommen, da sie sich als langjährige Freundin ausgegeben habe. Zudem hatte W. auch ein Bett im Zimmer der an Demenz leidenden Millionärin. Doch eine rechtliche Grundlage für die Betreuung gab es nicht.

Diese hatte das Amtsgericht Miesbach am 15. Januar 2016 gegen den Willen von Böck der Rechtsanwältin Tanja K. in Rottach-Egern übertragen. Doch davon soll die Zeugin erst Tage später erfahren haben. So soll die Beschuldigte gegenüber der Zeugin geäußert haben, dass auch alle Geldauszahlung nur über sie laufen dürfen. Böck hatte bei ihrer Einlieferung 1.000 Euro in der Handtasche, die in einem Safe das Krankenhauses verwahrt wurden.

Die Anweisung der amtlichen Betreuerin lautete, so die Zeugin: „Kein Geld an W. aushändigen“. Im Laufe der Wochen seit der Einlieferung von Böck sei die Pflegerin „immer fordernder geworden“. Ständig habe sie nach der wertvollen Perlenkette von Böck gefragt. Ob die alte Dame denn noch verstanden hätte, was da passiere, fragte die Staatsanwältin die Krankenhausmitarbeiterin.

Ja, sonst hätte ich nicht am 25. Januar 2016 den Schlüssel der Villa ausgehändigt.

Tage später, als sich Böcks Zustand rapide verschlechterte, soll W. mit drei weiteren Beschuldigten, ihrem Mann Ulrich, und dem in Kreuth lebenden Kunsthändler Peter Michael P., beschlossen haben, die Villa in Kreuth leerzuräumen. Insgesamt seien laut Anklage über 700 Kunstgestände im Wert von 1,1 Millionen Euro veräußert worden. Mitgeholfen habe dabei auch Böcks bulgarischer Hausmeister Georgiev Z, der in der Villa eine Einliegerwohnung hatte. Doch der psychiatrische Sachverständige zeichnete heute vor Gericht ein anderes Bild des Angeklagten Bulgaren.

Während er von den Ermittlern des schweren Bandendiebstahls bezichtigt wird, habe Z. laut Gutachter „keine eigenen Handlungen vorgenommen“, wie der 58-Jährige zu Protokoll gab. Er habe nichts von den „kriminellen Machenschaften“ der Gesellschafterin W. gewusst. Sie habe ihm als Hausmeister von einer Mail eines Rechtsanwalts erzählt, dass W. alle Sachen aus der Villa zustehen würden. Daher sei er W. behilflich gewesen, deren ganze Familie samt Söhne und Bruder mit Umzugskartons beteiligt gewesen seien, die Beute mit seinem Sprinter zu einem Anwesen in Wiessee zu bringen.

Angeklagte in „finanziellen Schwierigkeiten“?

Für seine Tätigkeit habe W. ihm 10.000 Euro angeboten. Doch Z. habe den Betrag nicht angenommen, da seine etwa fünf Dienstleistungen höchstens einen Wert von 1.000 Euro darstellten. Zumal ihm Renate W. auch von finanziellen Schwierigkeit erzählt habe, in denen sie stecke. Zwischen ihr und Böck sei es auch „öfters zum Streit“ gekommen, so der Bulgare, „Böck hatte panische Angst vor W.“

Der Prozessauftakt vergangene Woche sorgte für viel Aufmerksamkeit. Selbst die ARD berichtete darüber.

Einen Schlüssel zu Böcks Wohnung hätte er nicht gehabt, aber er habe sie öfters im Rupertihof und in Agatharied besucht. Zuletzt am 20. März 2016, aber da sei Böck nicht mehr ansprechbar gewesen. Zwei Tage später, am 22. März, soll W. ihren Pflegefall dann in den Morgenstunden mit einem Kissen oder einer Decke erstickt haben. Ihre mutmaßlichen Mordmotive: Habgier, Verdeckungsabsicht und Heimtücke.

Hausmeister Z., der wie die Sauerlacherin seit 31. März 2016 in Untersuchungshaft sitzt, hofft auf eine „vorzeitige Haftentlassung“. Darauf ging der Vorsitzende Richter Thomas Bott allerdings nicht ein. Er verwies stattdessen auf den nächsten Verhandlungstag in der kommenden Woche.

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