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Warum im Landkreis der Milchpreis nahezu stabil ist

Auf der Insel der Glückseligen – noch

Der Milchpreis sinkt und in Berlin werden Soforthilfen von mindestens 100 Millionen Euro für die Milchbauern beschlossen. Doch im Landkreis Miesbach ergibt sich nach Recherchen der Stimme ein ganz anderes Bild. Die meisten Landwirte bekommen weit mehr als die vielzitierten 20 Cent je Liter.

Der Rottacher Landwirt Stefan Berghammer setzt auf seine Biomilch.
Der Rottacher Landwirt Stefan Berghammer setzt auf seine Biomilch.

Nicht die Masse (Milch) macht‘s, sondern die Größe des Bestandes und die Art der Haltung und Fütterung. Dies ist, kurz gesagt, das Ergebnis einer Umfrage der Stimme unter den Milchlieferanten im Miesbacher Land und bei milchverarbeitenden Produzenten.

Doch seit Wochen werden Lobbyisten gegen die fallenden Milchpreise in Stellung gebracht, das Grundnahrungsmittel zum Milchgipfel in Berlin kübelweise ausgegossen und Mahnwachen vor dem Brandenburger Tor abgehalten. Ihre Forderung: ein Hilfspaket für die betroffenen Bauern von mindestens 100 Millionen Euro, um die finanziellen Nöte der Landwirte abzufedern. Ursache dafür seien die großen Milchmengen auf den schwindenden Märkten.

Ein Milchpreis unter 20 Cent je Liter sei nicht mehr kostendeckend, nötig wären mindestens 35 Cent um überleben zu können. Viele Bauern bundesweit, vor allem in Norddeutschland mit ihrer Massentierhaltung, fürchten um ihre Existenz. Weit weniger dramatisch ist es im Landkreis Miesbach, als wäre dies eine Insel der Glückseligen, noch zumindest. Denn hier werden für Heu- und Biomilch bislang noch bis zu 49,6 Cent pro Liter bezahlt, wie Recherchen ergeben haben.

49 Cent pro Liter Biomilch

Hoch in der Gunst der Milcheinkäufer stehe die Biomlich, wie Roland Stangl des Milchunternehmens Gropper bestätigt.

Unsere 84 Bio-Milcherzeuger im Raum Miesbach erhielten für den Monat April 49.50 Cent netto pro Liter Bio-Rohmilch bei 4,20 Prozent Fett und 3,4 Prozent Eiweiß. Konventionelle Rohmilch sammeln wir im Gebiet Miesbach nicht.

Landwirt Stefan Berghammer aus Rottach-Egern ist einer von 17 Milchbauern im Tal. Er steht für Groppers Biomilch unter Vertrag und bestätigt: „Bei den Biobetrieben ist das Preisdumping noch nicht angekommen“, so Berghammer, „denn wir können entsprechende Inhaltsstoffe reichhaltig bieten, wie Fett, Eiweiß und eine saubere Milch. Dies ergibt einen Zuschlag, so dass wir im letzten Monat 49 Cent netto je Liter bekamen“.

Die nächste Abrechnung von Gropper komme Mitte Juni, dann wisse er mehr, wie es um seinen Milchpreis stehe. „Wahrscheinlich wird die Vergütung um einen Cent pro Liter geringer sein“. Dies sei aber für ihn noch verkraftbar, da er ein zweites Standbein habe, die Ferienwohnungen. „Bei uns im Tal kann kein Bauer nur von der Landwirtschaft leben“, erzählt Berghammer, „jeder hat etwas nebenbei, ob Waldwirtschaft oder beispielsweise Kutschenfahrten“. So sei die Struktur auch gesünder und robuster, als nur von der Milch oder dem Fleischverkauf leben zu müssen. „Dann hätte ich ein Problem“.

45 Cent pro Liter Heumilch bei der Naturkäserei

Kein Problem mit den Milchpreisen hat offenbar auch die Naturkäserei Tegernseer Land, die ihre Heumilch inzwischen von 23 Landwirten bezieht. „Wir bezahlen derzeit 45 Cent netto pro Liter als Grundpreis aus“, erklärt der neue Geschäftsführer Franz Stuffer.

Unser Milchpreis ist sehr stark qualitätsabhängig. So müssen die Heumilch-Regularien selbstverständlich eingehalten werden, aber auch die Käsereitauglichkeit muss jederzeit gewährleistet sein.

Dieser hohe Qualitätsanspruch sei die Voraussetzung für die Konkurrenzfähigkeit. „Derzeit geht diese Strategie auf, da wir die einzige Molkerei in weitem Umkreis sind, die Milch aus gesicherter Herkunft zu Rohmilchkäse verarbeiten kann“.

Zumindest Bergbauern-Milch hat noch ihren Preis.
Zumindest Bergbauern-Milch hat noch ihren Preis.

Den Überblick über den Milchmarkt im Landkreis hat Georg Bauer aus Wall. Er ist Vorstandsvorsitzender der Milchhof Miesbach eG, dessen Genossenschaft einen Marktanteil von etwa 50 Prozent im Landkreis hat. „Wir vermarkten die gesamte Milch unserer insgesamt 330 Mitglieder. Dies sind zirka 41 Millionen Kilogramm konventionelle Milch – davon etwa 90 Prozent Bergbauernmilch – und 8,5 Millionen biologisch erzeugte Milch“. Die biologisch erzeugte Milch werde von der Molkerei Gropper in Bissingen abgeholt.

Wie Berghammer würden 78 Biolieferanten derzeit einen Nettomilchpreis von 49,6 Cent pro Liter erhalten. „Dieser Milchauszahlungspreis beinhaltet zweitägige Abholung und einen Regionalzuschlag von 0,5 Cent pro Liter für die Auflage, nur regionale Futtermittel zu verwenden“, sagt Bauer. Die täglich vermarktete Biomilch betrage etwa 23.500 Liter. „Ein Preisverfall ist momentan bei Biomilch nur ansatzweise erkennbar, weil der Rückgang des Auszahlungspreises Gott sei Dank bislang nur 1 Cent ausgemacht hat“.

34 Cent für konventionelle Milch

Die konventionell erzeugte Milch vermarkte der Milchhof Miesbach zum überwiegenden Teil an die Privatkäserei Bergader in Waging. Dies seien etwa 110.000 Liter pro Tag. Der Netto-Milchauszahlungspreis für konventionell wirtschaftende Betriebe betrage derzeit 34,4 Cent pro Liter. „Ein Preisverfall ist auch bei uns vorhanden“, räumt Bauer ein. Allerdings sei dieser nicht so stark als bei anderen Milchhöfen, weil man zum überwiegenden Teil Bergbauernmilch vermarkte.

Für Bauer steht fest: “Unsere Milch ist nicht weniger wert, nur weil andere Produzenten ihre Milch verramschen. Trotzdem sind Milchauszahlungspreise unter der 40 Cent Marke dauerhaft nicht zu verkraften“. Ein preisbedingtes Bauernhofsterben sei im Landkreis derzeit aber nicht zu erkennen.

100 Millionen Euro-Hilfe Augenauswischerei?

Bauers Vorschlag zur Eindämmung des anderswo zu beobachtenden Preisverfalls wäre eine EU-weite Höchstgrenze von zwei Großvieheinheiten pro Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche. Dies würde die Milchmengen begrenzen, eine industrielle Milchproduktion eindämmen und dem Verbraucherwunsch nach extensiverer Bewirtschaftung nachkommen.

Die angedachten Hilfsmaßnahmen der Bundesregierung hält er für Augenauswischerei, “weil eine Steuererleichterung nur dann etwas bewirkt, wenn der Landwirt Geld verdient und nicht Verluste macht“. Die nun vorgeschlagene Finanzspritze von 100 Millionen Euro für die Milchbauern bezeichnet er schlicht als „Verschwendung von Steuergeldern“.


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