Die Geschichte des Tals in einem Bild

Wir schauen auf die Menschen, die sich vor über 120 Jahren stolz und vermutlich auch erschöpft von der Arbeit zu einem Foto aufstellten. Was erzählen sie? Unser Kollege Martin Calsow hat hinter das Bild “geblickt”.

Beim Bau des E-Werks in Weißach. Das Foto entstand im Jahr 1896 / Bild: E-Werk Tegernsee

Zum Beispiel die Frau mit der Schürze. Sie ist die einzige weibliche Person unter den vielleicht vierzig Männern. Statistisch wird sie zwei Jahre länger leben als die Anderen. Die durchschnittliche Lebenserwartung betrug 1896 für sie 42 Jahre, Männer starben oft schon mit 39 Jahren. Es ist eine aufregende, aber auch entbehrungsreiche Zeit, in der die so ernst dreinblickenden Menschen leben. Später wird man sie als das Goldene Zeitalter Bayerns verklären.

Der Prinzregent regiert mit ruhiger und sanfter Hand, das Land spielt in der großen Politik keine Rolle. Aber es wird geforscht, getüftelt. Nicht einmal sieben Monate zuvor entdeckte ein Forscher namens Röntgen seltsame Strahlen, mit denen man seine eigenen Knochen sehen konnte. Zehn Jahre zuvor konzipierte ein Schwabe eine Kutsche, die ohne Pferde fuhr, ein Automobil!

Und auch die Elektrizität kam ins Tal. Stellen wir uns einen Moment ein Leben ohne Strom, und damit ohne Licht vor. Der Tag dieser Menschen auf dem Bild war vom Auf- und Untergehen der Sonne bestimmt. Kerzen waren teuer, Gaslampen erst recht. Steht man heute in der Nacht am Ufer des Sees, liegen die gelb leuchtenden Lichter der Häuser wie eine Bernsteinkette um ihn. Zu der Zeit des Fotos war die Nacht ohne elektrisches Licht.

Die Menschen im Tal und der Kaiser in Berlin

Hier mal eine Fackel, eine Gaslampe. Sonst schwarz. Elektrizität war eine langsam aber sicher auf die Menschheit zukommende Technologiewelle, die in alle Bereiche der Menschen eindrang -ob in Krankenhäusern, wo erstmals neuartige Maschinen eingesetzt werden konnten, oder eben im Bau von Leitungen wie am See. Es war wie ein Schritt aus einem dunklen Raum in das Helle der Zukunft. Zurück zu den Männern auf dem Foto.

Wir sehen bei einigen von ihnen Taschenuhren. Mit großer Wahrscheinlichkeit waren es keine Arbeiter, sondern Ingenieure oder Verwalter. Sie trugen sie stolz am Bauch mit einer Kette. Seit drei Jahren galt für sie nicht mehr die „Münchner Zeit“. Der Kaiser in Berlin hatte eine für das gesamte Reich einheitliche Zeit eingeführt. Bis dahin hatte jedes Fürstentum seine eigene Zeitzone.

Die Arbeiter mussten Krankheiten fürchten. Zwar hatte im fernen Berlin der Reichskanzler Bismarck die Krankenversicherung für niedere Berufe und für Reichsangestellte drei Jahre zuvor eingeführt. Aber sie war für diese Männer noch nicht gültig. Ein Unfall – und der Verdienst fiel aus. Die Familie konnte nicht mehr ernährt werden. Geld für Ärzte war dann meist auch nicht da. Krankheiten, die wir heute kaum noch kennen, waren ihr ständiger Begleiter. Gegen Tuberkulose gab es noch kein wirksames Mittel.

Ihre Urgroßeltern kannten noch die Leibeigenschaft

Die Cholera wütete noch dreißig Jahre zuvor in der Region. Von tausend geborenen Kindern starben 250 noch vor ihrem fünften Geburtstag. Für diese Männer war die Zeit nicht golden, sondern hart und entbehrungsreich. Sie hatten vermutlich wenig Sinn für die Schönheit des Tals, wollten möglichst durchkommen. Ihre Urgroßeltern kannten noch die Leibeigenschaft, die in Bayern per Verfassung erst 1808 abgeschafft wurde.

Wir sehen diese ernsten Gesichter, vielleicht sehen wir auch einen gewissen Stolz. Ein Kaiser verspricht, dass er sie in goldene Zeiten führen werde. Achtzehn Jahre später werden die Söhne, vielleicht auch einige Männer auf diesem Bild von diesem Mann im fernen Berlin in einen mörderischen Krieg geführt.

Ein Krieg, der auch dank der Elektrizität moderner und grausamer als je ein Krieg zuvor geführt wird. Davon wissen diese Menschen nichts, die für den Fotografen mehrere Minuten still verharren mussten und uns einen Einblick in ihre Leben gaben. Wir sehen uns, wenn wir sie sehen.


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