TS-Reihe „Originale am See“

Blond – mit Schreibwaren im Nacken

Von Nicole Kleim

In unserer Reihe: „Originale am See“ fragen wir Tegernseer Persönlichkeiten, wie sich das Tal für sie im Laufe der Zeit verändert hat, was früher besser war und heute gut ist. Eine von ihnen: Andrea Köstler. Sie betreibt einen der letzten Schreibwarenläden.

Andrea Köstler war um die Dreißig als sich für sie die Chance ergab, den Schreibenwarenladen in Tegernsee zu übernehmen.

Im Tegernseer Bräustüberl sitzen sie alle an einem Tisch: Alt und jung, arm und reich, bekannt und weniger bekannt. Die Faszination der Gegensätze ist es, die wir zusammen mit einer Tegernseer Fotografin in unserer neuen Reihe „Originale am See“ festhalten wollen. Heute: Andrea Köstler.

Zur Fotografin des Schwarz-Weiß-Fotos:
Die Tegernseerin Bommi Schwierz ist Juristin und Fotografin. In ihrem Buch „Der Tegernsee und seine Gesichter“ hat sie die Menschen im Tal mit ihrer Kamera festgehalten, denen sie ein Denkmal setzen wollte.

Blonde Locken wirbeln durch die Kundenschlange, die gerade darauf wartet, bedient zu werden. Ein Schwätzchen hier, ein Servus da, ein Lächeln dort, und auf einmal pulsiert das Herz in dem kleinen Schreibwarenladen in der Bahnhofstrasse 39 in Tegernsee.

Die Locken gehören der 48 Jahre alten Andrea Köstler, genauso wie der Laden, durch den sie weht. Schon als kleines Mädchen hat sie ihrer Mutter hier beim Arbeiten zugeschaut und davon geträumt, „so etwas“ auch einmal zu besitzen. Doch diese Möglichkeit ergab sich für die gebürtige Tegernseerin erst mit knapp 30 Jahren, als das Geschäft verkauft wurde.

Köstler griff zu und war drei Monate später schwanger. Dank Babywippe, Laufstall und Babysitter schaukelte sie ihre sechstägige Arbeitswoche im Laden. Heute macht ihre Tochter das Abitur und schläft nicht mehr im Lagerraum – so wie früher.

Der Umschlagplatz von Tegernsee

Bei Köstler gibt es nicht nur Schreibwaren aller Art, hier trifft sich auch jeder und ratscht. Sei es zur Faschingszeit, wenn ein allgemein bekannter Treffpunkt ausgemacht wird, oder beim täglichen Zeitungskauf. Noch heute herrscht bei der quirligen Blondine reger Betrieb – trotz der harten Konkurrenz von Onlineshops und Discountern.

Das veränderte Kaufverhalten ihrer Kunden durch das Internet gleicht sie mit ihrer Postfiliale aus, die sie vor 14 Jahren mit in ihr Geschäft genommen hat. Das, was die Kunden vom Sofa aus bestellen – und gegebenenfalls wieder zurückschicken – geht nun über den Posttresen der 48-Jährigen. Und schwupps – schon stehen die Kunden wieder im Laden.

Andrea Köstler hat ihren kleinen Schreibwarenladen in Tegernsee im Griff. Trotz der Konkurrenz von Onlineshops und Discountern ist noch immer viel los bei ihr.

„Bestellt wird alles“, erzählt Köstler. Vom Katzenstreu bis zum echten Christbaum. Selbst dreißig Kilogramm Brennholz lässt sich so mancher in Paketen anliefern. Doch auch die Preise haben sich geändert. Wenn früher der teuerste Schulranzen 99 Deutsche Mark gekostet hat, so sind es heute 349 Euro. „Es ist klar, dass die Leute sparen“, sagt Köstler. Auch für sie ist der Aufwand früherer Schulranzen-Partys zu groß geworden. Die Kunden kamen zwar und schauten, aber bestellt haben sie woanders.

Die Zeiten ändern sich

Was Köstler nicht vorrätig hat, bestellt sie auch. Dieser Service funktioniere besonders bei den älteren Kunden gut. „Man muss einfach mit der Zeit gehen“, sagt die 48-Jährige. Etwas anders betont trifft dieser Satz auch auf ihre Kunden zu, die altersbedingt nicht mehr zu ihr kommen oder bereits verstorben sind.

Köstler will die kleinen, schönen Geschäfte im Ort vor dem Aussterben bewahren. Deshalb spricht sie Empfehlungen aus und setzt sich als Stadträtin ein.

Man muss die Dinge erhalten und darum kämpfen.

Dass dies nicht unbedingt immer gut für ihr Geschäft ist, spürt sie am eigenen Leib. „Politische Entscheidungen ziehen oft Diskussionen nach sich“. Aber sie will etwas bewegen. Mit der Schließung des Tegernseer Krankenhauses verlor sie beispielsweise viele Kunden. Patienten und Angestellte hatten bei ihr eingekauft.

Auf einmal habe man gemerkt, dass „es anders ist in Tegernsee“. Damals stellte sie die Prognose auf, dass erst, wenn ihre Tochter das Abitur mache, etwas Neues auf dem Gelände gebaut wird. Damals war ihre Tochter ein Jahr alt. Sie sollte mit dieser Annahme recht behalten.

Andrea Köstler vor ihrem Schreibwarenladen in Tegernsee.

Früher habe es außerdem viel weniger Verkehr gegeben, zieht sie eine zeitliche Bilanz. Die Autos fahren ihrer Meinung nach viel zu schnell. Eine Tempo 30-Zone innerorts würde sie freuen. Auch der Tourismus sei im Tegernseer Tal mehr geworden.

Touristen verdrängen Einheimische

Die Veränderung spüre man sowohl auf dem Berg als auch beim Tegernseer Waldfest, wo kaum noch Einheimische anzutreffen seien. „Die gehen heute nicht mehr am Samstag, sondern nur noch freitags oder sonntags. Dann, wenn die Münchner eben nicht da sind.“

Bei den Tegernseern dauere es halt „a bisserl“, bis sie auftauen, schmunzelnd Köstler. Für Auswärtige sei es deshalb bestimmt nicht immer einfach, Kontakt zu knüpfen. Eine Frau, die ein Packerl unterm Arm, und die Eleganz am Körper trägt, betritt den Laden. „Andrea, wie geht es Dir?“ fragt sie in vertrautem Ton. Köstlers Lächeln bleibt. Ein kurzes Schwätzchen, und dann schließt sich mit dem nächsten „Servus“ wieder die Ladentür.


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