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Trotz Rechtsanspruch sind viele Eltern auf der Suche nach Betreuungsangeboten

Brennpunkt: Kinderbetreuung im Tal

Von Sabiene Hemkes

Familien und Alleinerziehende haben im Tegernseer Tal ein großes Problem. Einige Gemeinden am See können ihren Bürgern kein ausreichendes Bereuungsangebot für Kleinkinder anbieten. Dabei haben die Eltern sogar einen rechtlich verbrieften Anspruch auf einen Kita- oder Kindergartenplatz in ihrem Wohnort. Woran liegt das?

Eine qualifizierte Kinderbetreuung ist im Tegernseer Tal nicht immer zu finden / Quelle: Lenka Li Lilling

Im Tegernseer Tal leben noch immer viele Familien. Während der Pandemie war die Betreuung der Kinder ein großes Thema. Besonders für beruftstägige Eltern und Alleinerziehende waren die letzten zwei Jahre eine riesige Herausforderung. Oft fühlten sie sich mit der zusätzlichen Kinderbetreuung durch die teilweise auch kurzfristig geschlossenen Kitas und Kindergärten alleingelassen. Trotz oft verständnisvoller Arbeitgeber und zusätzlichen Urlaubstagen waren die Belastungen kaum zu stemmen.

Jetzt, wo langsam der Alltag einkehrt, zeigt sich jedoch wieder das Problem im Tal: Es gibt zu wenig Betreuungsangebote für Kleinkinder rund um den Tegernsee. Das war schon vor der Corona Pandemie bekannt, doch verschärft sich die Situation zusehends.

Massive Probleme bei der Umsetzung des Rechtsanspruches

Eltern haben für ihre Kleinkinder, nach dem vollendeten ersten Lebensjahr, einen Rechtsanspruch „auf die frühkindliche Förderung in einer Kindertageseinrichtung oder in Kindertagespflege“. Das gilt aktuell ab dem vollendeten ersten Lebensjahr bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Nachwuchs die Grundschule besucht. Ab 2025 erweitert sich der Anspruch auf einen garantierten Betreuungsplatz auch auf die ersten vier Schuljahre der Kinder. Vorrangiges Ziel des Rechtsanspruches ist es, eine optimale frühkindliche Förderung für alle Kinder zu gewährleisten.

Auch wenn am Mittwoch ein langwieriger und für alle Beteiligten nervenaufreibender Arbeitskampf abgewendet werden konnte, bleibt die allgemeine Lage in den Kindergärten, Kitas und Kindergärten im ganzen Land prekär. In Deutschland fehlen laut Verdi 173.000 Mitarbeiter – Tendenz steigend. Allein in Bayern sind aktuell 17.000 Stellen unbesetzt, wie das Ministerium für Soziales in München mitteilt. Über 25 Prozent der Berufsanfänger schmeißen die Ausbildung oder steigen anschließend nicht in den Beruf ein. Zahlen die alarmieren.

Im Landkreis Miesbach fehlen die Mitarbeiter

In den Gemeinden rund um den Tegernsee wächst in den letzten Jahren stetig die Nachfrage nach qualifizierten Betreuungsplätzen, wie auch im gesamten Landkreis, wie das Landratsamt bestätigt.

Die Kommunen müssen den Bedarf selbst ermitteln und die entsprechenden Plätze schaffen – was aber angesichts des Fachkräftemangels in diesem Bereich oftmals ein Ding der Unmöglichkeit ist.

Auskunft zu den aktuell fehlenden Plätzen können die Verantwortlichen im Miesbacher Jugendamt nicht geben, da diese nur durch die jeweiligen Gemeinden zu ermitteln seien. Hintergrund dabei ist, dass die Jugendbehörde im Landkreis nicht der Aufgabenträger für Kinderbetreuungseinrichtungen ist. Diese Aufgabe liege bei den Städten, Märkten und Gemeinden. Insgesamt werden aktuell im Landkreis etwa 4.663 Kinder in 64 Einrichtungen betreut.

Verzweifelte Eltern gehen leer aus – trotz Rechtsanspruch

Viele Mütter und Väter im Tegernseer Tal leiden unter der Entwicklung. Vermehrt erreichen uns in der Redaktion Hinweise auf fehlende Betreuungsangebote. Dabei kommen die Beschwerden aus allen Bevölkerungsschichten. Denn selbst Eltern, die über ein gutes Einkommen verfügen, können die Betreuung ihrer Kinder nicht gewährleisten. Ein Familienvater aus Tegernsee berichtet:

Wir, meine Frau und ich, arbeiten beide in unserem Betrieb. Anders geht es gar nicht. Doch jetzt finden wir einfach keinen Kita-Platz für unser Kind. Auch Tagesmütter sind keine Lösung, da es schlichtweg keine freien mehr gibt

Diese Familie ist nicht allein auf der Suche. Die Verschärfung des Problems zeichnet sich am Tegernsee, wie auch in anderen bayerischen Regionen, seit langem ab. Den Rechtsanspruch auf die Betreuung gibt es seit nun neun Jahren. Zeit genug, wie der Tegernseer Unternehmer meint, um sich in den Gemeinden am See auf die Anforderungen entsprechend vorzubereiten. Der Vater ergänzt leicht säuerlich: „Wirklich überraschend kommen die geburtenstarken Jahrgänge ja nun nicht gerade.“

Betriebe und große Unternehmen bangen um potenzielle Mitarbeiter

Auch die Unternehmer im Tegernseer Tal sorgen sich. Fällt es schon jetzt schwer überhaupt Mitarbeiter und qualifizierte Fachkräfte nach Bad Wiessee, Kreuth, Rottach-Egern, Gmund oder Tegernsee zu locken, würde die Situation immer schwieriger.

Zu der seit Längerem von vielen Arbeitgebern beklagten Wohnungsnot im Tal und den sehr hohen Lebenshaltungskosten geselle sich nun auch noch die beeinträchtigte Lebensqualität durch die fehlenden Betreuungsplätze für junge Familien und Alleinerziehende. Der Leiter eines Betriebes mit mehreren Angestellten in Tegernsee berichtet:

Für mich als Unternehmer ist es auch sehr wichtig, meinen Angestellten eine gute Infrastruktur bieten zu können. Dazu gehört natürlich auch eine gute Kinderbetreuung vor Ort – falls das gewünscht ist.

Er berichtet exemplarisch von einem Fall aus seinem Betrieb, bei dem eine Mitarbeiterin mit einer relativ langen Anfahrt versuchte, in Tegernsee eine Kita zu finden. Dass, so berichtet der Geschäftsmann, gestaltete sich allerdings sehr schwierig. Der Arbeitgeber wünscht sich daher neben einem erweiterten Angebot von Betreuungsplätzen im Tal auch mehr Flexibilität in der aktuellen Gesetzgebung. Stichwort – Kinderbetreuung nicht nur am Wohnort ermöglichen, sondern auch in der Nähe des Arbeitsplatzes erlauben.

Aigner sieht Bedarf für 2022 „fast gedeckt“

In den Gemeinden und Städten ist man sich der Problematik bewusst und versucht schnell, aber auch mittelfristig Lösungen zu finden. In Gmund und Kreuth hat man Einrichtungen vergrößert oder plant wie in Bad Wiessee einen Neubau mit Mitarbeiterwohnungen.

Das Land Bayern förderte diese drei Projekte im Tal mit über 900.000 Euro, wie Ilse Aigner von der CSU in einer dieser Woche verschickten Pressemitteilung stolz verkündete. Laut Aussage der bayerischen Landtagspräsidentin sei die Bildung die „wichtigste Investition in die Zukunft unserer Kinder“. Ob allerdings der Freistaat damit „seiner Verantwortung gerecht“ werde, eine ausgewogene Infrastruktur in allen Landesteilen Bayerns zu erhalten, wie Aigner in der Stellungnahme weiter ausführt, bleibt fraglich. Auch ob die CSU-Politikerin richtig liegt, wenn sie feststellt,

Mit den verfügbaren Mitteln könne der für dieses Jahr gemeldete Bedarf nahezu vollständig gedeckt werden,

darf aus der Talsicht doch wenigstens angezweifelt werden.

Umfrage bei Gemeinden und Lesern

Die TS hat in allen fünf Seegemeinden die aktuelle Situation bei den Tagesbetreuungen in den Kitas und Kindergärten abgefragt. Zudem haben wir nachgefragt, wo eventuelle Probleme liegen und welche Lösungsansätze die Gemeinden und Städte verfolgen. Die Antworten stellen wir euch in der kommenden Woche im zweiten Teil über die Betreuungsangebote für Kinder vor.

Doch brauchen wir auch eure Unterstützung. Schreibt uns, welche Erfahrungen ihr bei der Suche nach einem Betreuungsplatz für eure Kinder am Tegernsee gemacht habt. Und habt ihr Ideen, wie man die schwierige Situation lösen kann? Immer her damit. Meldet euch per Mail an die info@tegernseerstimme.de oder telefonisch unter der 08022 / 50 92 123.


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