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Bauwut im Tal - Anastasia Stadler im TS Interview

„Nicht Wasser predigen und Wein trinken“

Sie ist bekannt, dass sie die Dinge beim Namen nennt. Nun will die Rottacher Gemeinderätin Anastasia Stadler auch keine Kompromisse mehr beim Thema Bauwut eingehen und erklärt: wenn das so weitergeht, „dann stehen wir wie die Deppen da“.

Anastasia Stadler ist Gemeinderätin und Gastgeberin / Archivbild

Selbst über Rottach-Egern hinaus hat sich herumgesprochen, dass die Touristikfachfrau und Bäuerin Anastasia Stadler kein Blatt vor den Mund nimmt. Die „Welt am Sonntag“ beschrieb die Chefin vom „Webermohof“ vor sieben Jahren bereits als „handfest und selbstbewusst. Die Stadlerin scheut sich nicht, die Dinge beim Namen zu nennen.“

So war es auch am vergangenen Donnerstag im Rottacher Ortsplanungsausschuss. Wie berichtet, hielt sie ihrem Gremium vor, es „wirke nach außen hin hilflos“ und sei „ohne klare Linie“. In einem Interview mit der Tegernseer Stimme (TS) erklärt die streitbare CSU Politikerin, die seit 2008 dem Gemeinderat angehört, was sie zu dieser öffentlichen Schelte trieb.

TS: Frau Stadler, was veranlasste Sie, bei dem Bauvorhaben in der Forellenstraße, das schon öfter auf der Tagesordnung stand, so deutlich vom Leder zu ziehen?

Anastasia Stadler: Dieses ewige Hin und Her versuchte ich zu erklären. Auch hinter verschlossenen Türen wurde das von mir des Öfteren schon angemahnt. Mich macht es einfach unsäglich traurig, welche Eigendynamik dies im letzten dreiviertel Jahr bei uns in Rottach genommen hat. Mir ist völlig klar, dass das Baurecht überall gleich ist. In Rottach-Egern können wir nicht eine Käseglocke darüber stülpen. So realistisch bin ich. Wir können uns hier kein eigenes Baurecht stricken. Mir ist auch klar, dass der Tegernsee Begehrlichkeiten gerade in Rottach weckt. Wenn man hört, welche horrenden Summen für die Baugrundstücke in Seenähe bezahlt werden, was da locker gemacht wird. Das ist Wahnsinn.

TS: Worum geht es Ihnen konkret?

Stadler: Mir geht es darum, dass wir, die Gemeinde, die Verwaltung und der Gemeinderat in meinen Augen kein gutes Bild abgeben. Das sagen auch viele Kollegen in nicht-öffentlichen Sitzungen und stimmen mir grundsätzlich zu. Wir müssen hier Ruhe rein bringen und eine klare Linie fahren. Noch in einer Sondersitzung vor vier Wochen beschlossen wir die Aufstellung eines Bebauungsplans mit Veränderungssperre. Von den 15 Tagesordnungspunkten, die wir zuletzt im Ortsplanungsausschuss behandelt haben, haben wir bei acht Anträgen eine Ausnahmegenehmigung zur Veränderungssperre erteilt. Da komme ich nicht mehr mit. Da nehmen wir mit der Ausarbeitung der Bebauungspläne Geld in die Hand, aber bevor die Tinte trocken ist, stellen wir uns schon selbst in Frage.

TS: Haben Sie hinter verschlossenen Türen für Ihre unmissverständliche Schelte selbst Kritik einstecken müssen?

Stadler: Nein. Im Gegenteil. Zwei Kollegen sagten: Mutig, dass du das so durchziehst. Ich muss einräumen, dass ich da konsequent bin. Ich habe aber meine Haltung dazu schon vorher angekündigt. Ich möchte hier auch niemanden reingrätschen, weder unserem Bürgermeister noch der Verwaltung, niemanden. Aber so kann es nicht weitergehen, dass wir uns immer wieder von allen Akteuren unter Druck setzen lassen.

TS: Wie muss man sich diesen Druck vorstellen?

Stadler: Der Druck wird durch das vehemente Vorsprechen in der Verwaltung und beim Bürgermeister ausgeübt. Die Bauwerber treten da sehr massiv auf, auch mit Anwälten. Denn da geht es um viel Geld. Dass sich das bei uns in Rottach so zuspitzt, beobachte ich seit etwa einem Jahr. Seitdem kommt eins zum anderen. Das Problem ist: wir predigen Wasser und trinken Wein. Es ist mir völlig klar, dass ich dafür keinen Preis bekomme, wenn ich dies öffentlich äußere. Aber hinter verschlossenen Türen reden die Kollegen auch anders. Doch beim finalen Handaufheben bin ich dann oft alleine.

TS: Befürchten Sie einen Ausverkauf der Heimat?

Stadler: Da sind wir doch schon mitten drin. Die Grundstücke wecken Begehrlichkeiten. Es war auch unter Ministerpräsident Edmund Stoiber politischer Wille, die Innenbereiche zu verdichten, zu verstädtern. Was uns hier auch immer wieder vor die Füße fällt, ist, dass man Rottach in den 50er Jahren auf 10.000 Einwohner aufstocken wollte. Beispiel dafür sind in der Kißlingerstraße die großen Gebäude. Nach einem Gerichtsurteil 2010 werden diese großen Gebäude zur Begutachtung herangezogen.

TS: Was hoffen Sie zu bezwecken?

Stadler: Mir geht es darum, aus den Fehlern zu lernen. Diese Vorbescheide zur Baugenehmigung sind oftmals eine Verknüpfung unglücklicher Entscheidungen, weil hier immer wieder Kompromisse eingegangen werden. Nachdem es einen Bebauungsplan mit Veränderungssperre gibt, sollte dies zunächst ein Planer beurteilen. Wenn wir dann in einem halben Jahr feststellen, dass wir nichts mehr retten können, dann kann ich sagen, das sind eben Altlasten, die uns jetzt vor die Füße fallen. Aber wir können doch nicht immer bauchgefühlsmäßig entscheiden, weil ein anderes Haus als Bezugsfall hinzugezogen werden könnte. Ich möchte einfach sachlich geklärt haben, ob dies Hand und Fuß hat. Dann kann ich mich auch draußen guten Gewissens hinstellen und sagen, das ist so.

TS: Trügt der Eindruck, dass das Landratsamt oftmals das Einvernehmen bei baulichen Streitfällen ersetzt?

Stadler: Ich habe schon oft angemahnt, dass wir hier auch den Konsens mit dem Landratsamt suchen müssten. Denn wir stehen im Ortplanungsausschuss wie die Deppen da, wenn der Bauwerber erst ins Landratsamt geht. Die gehen doch nicht zum Schmiedl, sondern gleich zum Schmied. Dort bekommen sie eine verbindliche Auskunft, was auf einem Grundstück geht und was nicht. Dann erst haben wir es auf der Tagesordnung. Die kommen und sagen, wir haben das alles schon mit dem Landratsamt ausgemacht. Da brauche ich doch meine Zeit nicht opfern. Das geht so nicht. Hier muss man auch mit dem Landratsamt einen Konsens finden. Denn der Weg für den Bauwerber sollte sein, dass er zuerst in der Gemeinde vorspricht. Das regt mich auf. Vor der Wahl sagt jeder, wir wollen unsere Heimat schützen und nachhaltige Entscheidungen treffen. Und dann stellen wir uns selber immer wieder infrage.


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