Das Land der Dichter, Denker und Schnäppchenjäger

von Toni

Ich habe kürzlich im Radio von einer Studie gehört, die betitelt war mit „Deutschland – Das Land der Dichter, Denker und Schnäppchenjäger”. Darin hieß es, dass in keinem europäischen Land so viel auf den Preis und so wenig auf die Qualität geachtet wird und dass die Hälfte aller europäischen Discounter in Deutschland zu finden ist.

In Großbritannien wird der Einkauf im Discounter der sogenannten Unterschicht überlassen. Und die Franzosen achten laut der Studie vor allem beim Essen auf Qualität.

So war „Geiz ist geil“, Sie erinnern sich, jahrelang der Verkaufsslogan einer großen Elektrofachhandelskette.

Woher rührt unsere Begeisterung für Schnäppchen?

Nach dem Krieg war es nötig, dass man versuchte, überall an vergünstigte Ware zu kommen: Bruchkekse oder Porzellan und Unterwäsche mit kleinen Fehlern im Fabrikverkauf. Aber auch heute noch kauft der Deutsche am liebsten, wenn es Rabatte gibt. Und das haben sich die Verbraucherketten gemerkt und bauen auf diese Strategie.

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Ich kann mich noch gut an das Einkaufsverhalten meiner Großeltern erinnern, tagtäglich wurden die Werbeprospekte durchforstet, und dementsprechend zog mein Großvater los. Da fuhr er zehn Kilometer in die eine Richtung, um den Rinderbraten im Angebot zu kaufen, und dann zehn Kilometer in die andere Richtung, um das vergünstigte Waschpulver in der besonders großen Tonne zu besorgen.

Rein volkswirtschaftlich ein kompletter Blödsinn, aber meine Großeltern waren mit ihrer Einkaufsstrategie äußerst zufrieden. Jetzt könnte man meinen, es handle sich dabei um ein Relikt aus der Nachkriegszeit. Weit gefehlt. “Blöd” ist doch derjenige, der zum “normalen” Preis einkauft.

Zeigt man Freunden seine neuesten Errungenschaften, ist oft die Schnäppcheneigenschaft meist wichtiger als das Produkt und seine sonstigen Eigenschaften. Nach dem Motto: “Du, das war ein absolutes Angebot.”

Darauf bauen unsere Einzelhändler. Die Rabattmarkenheftchen der 50er-, 60er- und 70er-Jahre wurden ausgetauscht durch Kärtchen, mit denen man Punkte, Prozente und Prämien erzielen kann. Gehen Sie ohne Punkte ins Kino oder Tanken? Kaum ein Einkauf, der an der Kasse nicht mit der Frage endet: “Haben Sie schon unsere Kundenkarte?”

Jagen im Hochpreissegment

Eine meiner Freundinnen ist die geborene Schnäppchenjägerin. Ihr Steckenpferd ist qualitativ hochwertiger Konsum mit Prozenten. Nicht die Billigpreisketten sind ihr Jagdrevier, sondern Markengeschäfte mit Preisnachlass. Schon als junge Frau habe sie so ein Schnäppchenkleid erstanden, erzählte sie kürzlich lachend.

In einer Boutique hatte sie sich in ein Kleid verliebt, dessen Preis aber bei Weitem die Möglichkeiten ihres Geldbeutels überstieg. Wochen später hing das Kleid immer noch dort, jetzt aber um 20 Prozent reduziert. „Da musste ich zuschlagen, auch wenn ich dafür in einem anderen Laden wahrscheinlich drei Kleider bekommen hätte“, erklärte sie mir. Zwanzig Jahre behielt sie das Kleid im Schrank, oft getragen hat sie es nicht.

Zur Schnäppchenjagd braucht man also bestimmte Voraussetzungen, man muss den Jagdtrieb haben, geduldig sein und dann zum richtigen Zeitpunkt zuschlagen.

Schnäppchen im Netz

Auswirkungen von Schnäppchen

Ein Phänomen sind auch die Schnäppchenportale im Internet, wie Groupons, Deal des Tages oder Best Price. Wer seine Reise oder seinen Wochenendtrip noch zum Normalpreis bucht und nicht wenigstens Frühbucherrabatte oder Last-Minute-Angebote nutzt, muss schon ziemlich dämlich sein.

Und ist man dann im Urlaub angekommen, sollte man neben Kultur- und Strandprogramm natürlich auch die Schnäppchen des Ferienlandes nutzen, sprich: man shoppft in der Türkei zum Beispiel “Marken”-Klamotten und Medikamente und in den USA Jeans.

Auch der Restaurantbesuch bleibt von der Nachlassjagd nicht verschont, so gibt es für nahezu jede Region Deutschlands einen „Schlemmerblock“. Mit diesen Gutscheinen muss man nur ein Essen – das teurere – bezahlen, das zweite – das günstigere – ist frei. Das lohnt sich natürlich nur dann, wenn man eher hochpreisige Gerichte bestellt – und zwar beide.

Dass sich das alles ziemlich verschroben anhört, ist im Übrigen kein Ergebnis bewusst gewählter Beispiele. Die Realität ist so.

Unsere Schnäppchensucht kann man als liebevolle Marotte nach dem Motto “wieder ein Schnäppchen erlegt” beiseite wischen. Oder sie als Ursache für viele Probleme sehen. Die Entscheidung bleibt jedem selbt überlassen. Meine Freundin hat sich im Übrigen für Ersteres entschieden.

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