„Brauchen wir neue Normen für den Journalismus?“

Der Barocksaal als Fernsehstudio

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Eine hochkarätige Besetzung saß auf dem in Scheinwerferlicht getauchtem Podium: BR-Intendant Ulrich Wilhelm, Ex-ZDF-Intendant Prof. Markus Schächter und Prof. Alexander Filipović von der Hochschule für Philosophie, die am vergangenen Donnerstag mit „weiter denken“ eine neue Dialogreihe am Tegernsee eröffneten. Das Thema des Abends angesichts des digitalen Umbruchs: „Brauchen wir neue Normen für den Journalismus?“

Doch wer geglaubt hatte, die Fragestellung interessiere nur Medienvertreter, sah sich getäuscht: Es war kein Stuhl im Barocksaal in Tegersnee mehr frei. Etliche Kameras des Bayerischen Rundfunks zeichneten die intensive Diskussion auf, die vom „Rottacher Förderverein Kunst und Kultur“ mitgetragen wird.

Für Markus Schächter finde derzeit eine große Medienrevolution statt. Als Beispiele dafür nannte er Google, Apple, Amazon, Twitter und Facebook. Diese „big five“ würden mit ihrer zerstörerischen Innovation die Wirklichkeit unseres kommunikativen Verhaltens grundlegend verändern, da sich das Rad der digitalen Welt immer schneller drehe.

Immer mehr Zeitungen werden dadurch in die Insolvenz getrieben, denn die Zukunfts- und Finanzierungsfähigkeit des Qualitätsjournalismus wird zunehmend mehr in Frage gestellt.

Wilhelm sprach von einer epochalen Veränderung der Medienlandschaft durch diese Massenkommunikation. Diese erfasse die Gesellschaft unmittelbar und verändere sie. „Sie wird sich noch beschleunigen und sie wird noch weitere Bereiche des Zusammenlebens und der Wirtschaft erfassen“, urteilte der BR-Intendant.

„Glaubte man vor fünf Jahren noch, online sei nur eine Zeiterscheinung, die wieder vorübergehen werde, so sehe man sich eben nun getäuscht“, meinte Markus Schächter, „der Online-Journalismus hat zwar einige Veränderungen mit sich gebracht, doch er hat sich durchgesetzt“. Damit habe sich auch die Berufsethik der Journalisten und Reporter verändert. Während früher gegolten habe, Gründlichkeit vor Schnelligkeit, sei dies heute in vielen Online-Redaktionen umgedreht. „Jetzt zählt im Netz nur noch die Schnelligkeit“, bedauerte Schächter.

Größtmögliche Herausforderung für den Journalismus

In die gleiche Kerbe schlug auch Alexander Filipović: “Diese Allgegenwart der Medien ist die größte Herausforderung dieses Jahrhunderts. In einer Zeit, in der über Twitter aus allen Krisengebieten der Welt alles möglich sei, stehe der professionelle Journalismus vor der Herausforderung“.

Ulrich Wilhelm, einst Regierungssprecher von Bundeskanzlerin Angela Merkel, kennt nun als Medienmann beide Seiten, wenn er feststellt, dass User mit eigenen Texten und Bildern im Netz die Taktung der Nachrichten wesentlich beschleunigen würden. Darauf müssten beispielsweise Regierungen, Parteien, Behörden, Tarifpartner, Kirchen und viele mehr unmittelbar reagieren. „Wir alle bekommen unvermittelt hochkomplexe Sachverhalte wie Geiselnahmen, Attentate und Drohungen von Nationen untereinander auf den Tisch, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen“, so der BR-Intendant, „dies sinnvoll einzuordnen, sei die Herausforderung.

Denn mit einem Bombardement von Einzelnachrichten könne kein Bürger, kein Nutzer ohne Hintergrundwissen etwas anfangen. Ein Medium, das Debatten und Diskussionen nicht abbildet und diesen Hype nicht mitmacht, hat seine Daseinsberechtigung verloren. Der Unterschied zu früher ist, dass die Berichterstattung eine Feuerkraft erreicht hat, wie nie zuvor. Sie ist allgegenwärtig, ob im Wohnzimmer oder über Smartphones und Tablets“. Neben den klassischen Medien würden sich nun viele Menschen mit eigenen Videos und Kommentaren äussern. Damit bilde sich ein großer Meinungskomplex, der permanent wabert und sich verändert. Diese „big data“ sei neu.

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Markus Schächter und Ulrich Wilhelm.

Dies treibt offensichtlich auch den Mitveranstalter und Sponsor dieses Abends um, Klaus-Dieter Graf von Moltke, der sich zu Wort meldete: „Auch der Blogger gehört zur Medienlandschaft. Doch der ist unkontrollierbar. Dieser Freiraum ist für mich ein ganz wesentliches Thema der Zukunft. Wir sehen uns mit Informationen konfrontiert, die minütlich freigesetzt werden und deren Wahrheitsgehalt gar nicht überprüfbar ist. Da ist die Frage, was kann man gesellschaftlich tun, um an dieser Stellschraube noch zu drehen?“

Dies mache ihm die meiste Angst. Diesem Thema stellte sich die Diskussionsrunde, doch eine Lösung für die Zukunft hatte sie nicht. Die „Feuerkraft“ der Informationsflut geht ungebremst weiter.

Ausgestrahlt wird die Aufzeichnung des Bayerischen Fernsehens am Samstag, den 27.09.2014, um 22:30 in ARD-alpha. Weitere Dialoge am Tegernsee sind noch bis Mai geplant. Dann geht es um Musik, Psychologie, Theologie und Wirtschaft.


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