Ein Porträt über Josef Lederer
Der Don Quijote von Wiessee

von Nicole Kleim

Ex-Hotelier Josef Lederer kämpft seit Jahrzehnten gegen Windmühlen. Ein Mann, der alles verloren hat und ohne Aussicht auf Erfolg zu jedem neuen Prozess bereit ist. Aber warum tut er sich das an?

Josef Lederer auf dem Grundstück des ehemaligen Hotel Lederer.

Alonso Quijano – besser bekannt als Don Quijote – lebte irgendwo in der Provinz La Mancha in Spanien. Josef Lederer lebt in Bad Wiessee in Deutschland. Beide haben eines gemeinsam: Unermüdlich kämpfen sie gegen das vermeintliche Übel. Beide sind Teil einer Geschichte, und beide stecken von ihren Widersachern immer wieder Prügel ein oder kommen anders zu Schaden.

Josef Lederer – im Grunde genommen ein Querulant, ein Streithammel, der vor allem in früheren Jahren, trotz Kompromissvorschlägen nie bereit war, eine Einigung zu erzielen. Auf den ersten Blick ist sein Kampfgeist nicht zu erkennen. Schaut man allerdings genauer hin, könnte man meinen, das kleine Stückchen, das ihm oben am linken Ohr fehlt, sei das Resultat einer gewonnenen Auseinandersetzung.

Kein Kampf ohne Blessuren

Blessuren hat er im Laufe der Jahre mehrere davon getragen. Ein Überbleibsel ist das Pflaster, das mitten auf seiner Stirn klebt. Das Loch darunter stammt aus der Zeit, als man bei ihm den Hautkrebs entfernte, erzählt der 77-Jährige. Davor ging es ihm besser. Da hat er mit seiner Frau Urlaub in Malaysia gemacht, ist Wasserski gefahren und begrüßte im Smoking seine Hotelgäste auf den Stufen des ehemals besten Haus am Platz.

Über drei Generationen war das Hotel Lederer im Familienbesitz. Die Gründe für den Abstieg sind heute nur noch schwer zu rekonstruieren. Falsche Entscheidungen, Investitionsstau, der Wegfall der Kurgäste. Lederer zumindest ist sicher, die Gemeinde Bad Wiessee wollte sein Grundstück unbedingt haben. Angefangen habe das unter Bürgermeister Herbert Fischhaber, und ging unter dem jetzigen Rathauschef Peter Höß so weiter. Das Ziel: ein großes Hotel am See.

Sicher ist nur, dass die Bank irgendwann den Hahn zudrehte. Das Haus sollte auf Antrag der Gemeinde zwangsversteigert werden. Doch Lederer gelang es einen Tag vor der Zwangsversteigerung einen Käufer zu präsentieren. 6,2 Millionen Euro bekam er dafür. Viel zu wenig, wie er sagt. Seither fühlt sich der 77-Jährige um sein Erbe gebracht, das sein Vater ihm kurz vor seinem Tod übergeben hatte.

Ein Lebenswerk von drei Generationen

Wenn er heute durch die Flure seines ehemaligen Hotels streift, dann hat er den Verfall vor Augen. Sein Restaurant-Teppich, der seit Jahren zuviel Wasser schlucken musste, spuckt unter jedem seiner Schritte etwas davon wieder aus. „Die Decke ist kaputt“, bemerkt Lederer unter seiner russischen Fellmütze, und sofort ist klar, dass nicht er derjenige sein wird, der dem Haus aus diesem Schlamassel heraus hilft.

Im Restaurant: Durch die Hoteldecke läuft das Wasser.

Als würde er die Abriss-Pläne und damit die Realität ignorieren, öffnet er die Türen seiner Hotelzimmer, in denen einst Uli Hoeneß, Paul Breitner und Hitlers Vertrauter Ernst Röhm residierten, und schwärmt davon, dass man die Zimmer doch bei Bedarf vergrößern könne, wenn man wolle.

Dieses Haus mit seiner geschichtlichen Bedeutung muss erhalten bleiben.

Dafür hat er jahrelang sieben Tage die Woche zusammen mit seiner Frau gearbeitet. „Krank werden durfte man nicht“. Angesprochen auf seine Frau, schweigt er. Nach 34 Jahren habe man sich getrennt. „Wenn man einen Betrieb führt, nimmt man die Probleme mit ins Schlafzimmer.“

Mit sieben Jahren verlor Lederer seine Mutter. Sein Vater musste ihn zusammen mit seinem fünf Jahre älteren Bruder und seiner Schwester durch die Nachkriegszeit bringen. „Es gab nichts zu essen. Das waren schwere Zeiten“, erinnert er sich.

Erbe verpflichtet

Als der Vater starb, war Lederer 28 Jahre alt. 1967 übernahm er ein Hotel, das er eigentlich hätte abreißen müssen. Aber er investierte – nicht nur seine Arbeitskraft, sondern auch Geld. Er ließ neue Treppen bauen, Schränke, Betten, Bäder und investierte sowohl in eine neue Küche als auch in ein neues Schwimmbad.

Heute ist das Schuften vorbei. Geblieben ist ihm nur sein Kampfgeist, den er immer dann einsetzte, wenn er sich ungerecht behandelt fühlte. So wie gegen die einstige Spielbank, die ihm die Gemeinde im Jahr seiner Übernahme vor die Hotel-Nase setzte und deren Bau ihm einen Teil seiner Gäste kostete. Gegen die Parkplätze und die damit verbundene Lärmbelästigung verteilte er Flugblätter und zog irgendwann in den Gemeinderat ein. „Ich habe mir viele blutige Nasen geholt“, gibt er zu.

Anfang der 90er blieben die Kurgäste weg und er hatte Zahlungsschwierigkeiten. Die Solidarität, die er von der Gemeinde erwartet hätte, gab es nicht. „Bei denen kocht der Wurm im Hirn wegen des verlorenen Spielbank-Prozesses“, ist er überzeugt. Den abschließenden Verkauf seines Hotels unter Wert bezeichnet er im Gespräch immer wieder als “einen Komplott, eine Verschwörung“.

Das Leben ist nicht gerecht

Josef Lederer sitzt auf einem Bürostuhl und dreht minutenlang an einem Kugelschreiber. Er räuspert sich. Seine wenigen Haarsträhnen legen sich wie ein Kranz um die glatte Kopfhaut. „Vielleicht hätte man in jungen Jahren mehr auf die andere Seite zugehen sollen. Denn auch, wenn man weiß, dass man recht hat, kann man sein Recht nicht immer durchsetzen.“

Josef Lederer hat immer noch Wohnrecht im ehemaligen Hotel. Mit dabei seine Ponyhengste.

Man wisse also nie, wie das Rad stehe, sagt er. Genauso wenig, wie er wusste, wie riesig die Windmühlen waren, gegen die er anzukämpfen hatte, und gegen die er immer noch kämpft. Denn sein einziges Ziel ist es, seine Heimat, seine – wie er sagt – Existenz nicht zu verlieren.

Obwohl ihm das Wasser inzwischen bis zum Hals steht und sein im Kaufvertrag festgeschriebenes Wohnrecht mit einem baldigen Abriss des Hotels von Baggern vergraben liegt, sieht er das nicht ein. Noch immer glaubt Lederer an die Wahrheit und kämpft weiter – für einen späten Sieg der Gerechtigkeit.


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