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Lokale Geschäfte geraten zunehmend unter Druck durch Onlinehändler

Mit Emotionen und Service punkten

Von Steffen Greschner

Was viele ganz einfach als Einzelhändler bezeichnen, hat in der Onlinebranche längst einen neuen Namen: „Local Commerce“ nennen sich dort die Läden vor unserer Haustür. Die Prognosen für diesen Bereich sind dabei sehr unterschiedlich. Vom „nächsten großen Ding“ bis zu „chancenlos gegen das Internet“ gehen die Einschätzungen.

Nur bei einem sind sich alle Experten sicher: Der lokale Einzelhandel wird sich neu erfinden müssen. Und das betrifft auch Geschäfte im Tal.

Nicki’s Kindermoden gibt den Laden in Rottach noch im Frühjahr auf ‒ verkauft wir nur noch im Internet.
Nicki’s Kindermoden gibt den Laden in Rottach noch im Frühjahr auf ‒ verkauft wird weiter im Internet.

Die Realität sieht längst so aus: Einzelhändler geben immer öfter ihre, teilweise über Generationen geführte, Geschäfte auf. Viele schließen komplett. Andere, wie Nicki’s Kindermoden aus Rottach-Egern, drehen nur den Schlüssel fürs Ladengeschäft um ‒ und konzentrieren sich komplett auf den Verkauf über das Internet.

Dass es auch andersrum geht, hat der Outdoor- und Sportartikelspezialist Bergzeit schon vor dreieinhalb Jahren im Interview mit der Tegernseer Stimme gezeigt: Bergzeit ist als Onlinehändler gestartet und hat erst im zweiten Schritt seine Läden, unter anderem eine 2.000 Quadratmeter große Filiale in Dürnbach, eröffnet. Service und Beratung stehen hier im Vordergrund.

Die Tegernseer Kaffeerösterei setzt dagegen auf eine Mischung aus Ladenverkauf, Gastronomie und Verkauf über den eigenen Onlineshop. Der Kaffee aus Weissach wird inzwischen in die gesamte Welt verschickt, während andere Kunden sich im Geschäft beraten lassen. Erst Anfang des Jahres musste die Rösterei expandieren.

Die drei Beispiele zeigen, was unter dem „neu Erfinden“ des klassischen Einzelhandels zu verstehen ist. Es geht darum, nicht mehr in starren Strukturen zu denken. Der rein stationäre Händler im Lädchen mit zwei Stunden Mittagspause wird es zunehmend schwer haben, neue Kunden zu gewinnen oder auch nur die alten zu halten.

Der Konkurrenz mit Service und Emotionalität begegnen

Die Konkurrenz aus dem Internet ist gerade in ländlichen Gebieten etwas, vor dem der Einzelhandel nicht die Augen verschließen kann, steht er doch ebenfalls in direkter Konkurrenz zu Onlineshops, die jedes nur erdenkliche Produkt in kürzester Zeit direkt nach Hause liefern können. An immer kürzeren Lieferzeiten arbeiten die Großen der Branche seit Jahren. „Same Day Delivery“, die Lieferung noch am Tag der Bestellung, ist in Großstädten bereits Realität. Amazon macht es vor.

Diese Veränderungen sind, aus der wirtschaftlichen Brille gesehen, eine ganz normale Entwicklung: Der Kunde wandert dorthin, wo er das bessere Angebot findet. Das kann ein günstigerer Preis oder eine größere Auswahl sein. Es kann im Gegenzug aber auch der lokale Händler sein, wenn er mit neuen Ideen, Serviceleistungen oder Emotionalität punktet.

In dieser Emotionalität liegt sicherlich auch eine große Chance für die Händler vor Ort. In sozialen Netzwerken geistert bereits seit einigen Tagen ein Text herum, der zeigt, wie Einzelhändler auch agieren könnten im Kampf um Kunden. In dem Text wird dazu aufgerufen, aus sozialer Verantwortung Weihnachtsgeschenke lokal zu kaufen:

lokale haendler

Die Entwicklung hin zum globalen Onlinehandel steht dabei der Entwicklung zu mehr Regionalität entgegen. Immer mehr Menschen legen Wert darauf, Produkte aus der Region zu beziehen. Dass diese zwei Entwicklungen nicht per se unvereinbar sind, zeigt beispielsweise die Initiative „Buylocal“. Ein als Verein gegründetes Start-Up, das sich zum Ziel gesetzt hat, den lokalen Händler und guten Service ins Internet zu bringen:

Buylocal ist nicht gegen das Bestellen oder Kaufen im Internet. Wer jedoch gerne online kauft oder auch aus Gründen der Mobilität darauf angewiesen ist, sollte dies auch regional tun können. Buylocal-Mitgliedsunternehmen sollen den Kunden ja den Service, den sie bei den überregional agierenden Versandhäusern bekommen, auch durch ihre Geschäfte vor Ort bieten können.

Der Gedanke hinter Buylocal ist, dass sich lokale Händler zusammenschließen und nicht nur guten Service vor Ort, sondern auch lokalen Onlinehandel anbieten, in dem man gezielt nach ortsansässigen Webshops suchen kann. Eine Idee, die auch ein anderes junges Unternehmen anbieten möchte: Locafox möchte eine Art Amazon des Einzelhandels werden.

Einzelhändler können ihr Sortiment und ihre Preise dort eintragen lassen, damit Kunden wissen, wo sie die gesuchten Produkte in ihrem Umfeld kaufen oder sich liefern lassen können. Beide Unternehmen argumentieren dabei mit mehr Service durch lokale Ansprechpartner, aber auch mit dem Verantwortungsgefühl der Kunden: denn lokale Geschäfte haben auch eine soziale Funktion: Sie bezahlen Steuern am Heimatort, bieten persönlichen Kontakt und sorgen für eine Belebung des Ortszentrums.

Der Einzelhandel wird sich neu erfinden müssen

Dass Geschäfte vor Ort wichtig für die Lebensqualität sind, wird kaum jemand bestreiten. Die richtigen Lösungen für die Zukunft zu finden, kann aber nicht nur die Aufgabe neu gegründeter Initiativen und Unternehmen sein. Vor allem die Händler vor Ort werden in den kommenden Jahren zunehmend an einer Neuausrichtung ihrer Geschäfte und Dienstleistungen arbeiten müssen.

Das betrifft jeden einzelnen Unternehmer, aber auch den lokalen Verbund ortsansässiger Händler in der Gemeinschaft. Gemeinsame Aktionen und Serviceleistungen, vielleicht sogar gemeinsame Onlineshops für Produkte aus dem Tegernseer Tal, die direkt zum Kunden geliefert werden. Klar scheint zum jetzigen Zeitpunkt nur eines: Es braucht neue Ideen, um auch in Zukunft bestehen zu können.

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