TS zu Gast bei Circus Alfons William
Der heißeste Typ Waakirchens

von Nicole Kleim

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Zwischen Wohnwagen und Manege: Familie Williams bringt Zirkusluft nach Waakirchen. Noch sind die Zuschauerplätze unbesetzt, denn die Show beginnt erst am 22. Dezember. Die TS durfte vorab hinter die Kulissen schauen. “Manege frei! und Vorhang auf!”

Es spuckt nicht. Das Büschel Gras, das dem Lama schmackhaft gemacht wird, um es dann kurz vor dessen Ergreifen wieder wegzuziehen, soll das Kameltier ärgern und dazu animieren, einen Spuck-Warnschuss abzugeben. Das Lama legt die Ohren an, gibt gurgelnde Geräusche von sich, macht kreisende Mundbewegungen und – spuckt nicht.

Scheinbar ist das Lama gut dressiert. Es ist eines von 44 Tieren, mit dem der Familienzirkus Alfons William seit 25 Jahren quer durch Deutschland und Österreich reist. Mit Ponys, Lamas, Alpakas, Eseln, Pferden und dem größten Dromedar Deutschlands zieht die elfköpfige Familie das ganze Jahr über ohne Pause von Standort zu Standort. Heuer gastiert sie zum ersten Mal mit ihrem Zirkus in Waakirchen.

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Der Applaus – die Droge fürs Künstlerherz

Wie das Zirkusleben hinter dem Scheinwerferlicht ausschaut, ist schnell gesagt: Wenig Platz, keine Privatsphäre, viel körperliche Arbeit, Höhenflüge und Tiefschläge – aber es ist ein Leben, das mit dem Applaus des Publikums nach jeder Vorstellung belohnt wird. Zirkusdirektor Alfons William (50) und seine Frau Marion Köllner (47) haben zusammen neun Kinder im Alter von 5 bis 25 Jahren. Ihren Alltag beschreibt der Zirkusdirektor so:

Solange noch keine Vorstellung ist, haben wir jeden Morgen den gleichen Trott: Fahrzeuge reparieren, Reifen wechseln, Tiere füttern, Zelte aufbauen. Aber wir möchten nichts anderes machen. Für den Zirkus muss man geboren sein. Uns juckt es regelrecht im Blut.

13 Meter lang und 2,50 Meter breit ist der Wohnwagen, in dem das Ehepaar lebt und in dem die Familie zusammenkommt. An den Wänden hängen Hochzeitsfotos sowie schwarz-weiß Aufnahmen des Großvaters, der ebenfalls Zirkusdirektor war. Seit sieben Generationen wird die wandelnde Welt zwischen Rampenlicht und Ruhelosigkeit vererbt.

Die Kinder haben ihre eigenen Wohnwägen, sind sich aber dennoch sehr nah. Sie essen zusammen, versorgen die Tiere und trainieren gemeinsam für ihre Zirkusaufführung. Der Jüngste unter ihnen ist der fünfjährige Jesse. Der kleine Akrobat ist stolz darauf, Handstände zu machen. Vorführen möchte er sie allerdings nicht.

Hinterm Vorhang kämpfen sie ums Überleben

Das Zirkusleben wird für die Familie immer härter. Marion Köllner erklärt, das es vor vier bis fünf Jahren einen regelrechten Einbruch in der Zirkusbranche gegeben habe. Manche Naturschützer möchten am liebsten, dass ein Zirkus ohne Tiere gastiert, sagt sie. Wildtiere zu dressieren und einzusperren sei Tierquälerei, so der Vorwurf. „Völliger Quatsch“, dementiert Marion Köllner. Den Tieren gehe es gut. Sie seien teilweise hier aufgewachsen, kennen nichts anderes.

Doch inzwischen gibt es immer weniger Zirkusse. Alfons Williams glaubt, der Einbruch habe mit der technischen Entwicklung zu tun. „Viele Jugendliche interessieren sich doch heutzutage mehr für ihre Handys als für den Zirkus.“ Williams sagt, ändern könne man das vermutlich nur, indem man das Konzept ändert: „Mehr Rock, mehr Motorräder, coolere Sprüche, Bier in den Pausen.“

Eine Rente gibt es für die Zirkusleute nicht. Die Kinder sind bis zum 23. Lebensjahr bei den Eltern krankenversichert. Obwohl sie eigentlich so gut wie nie krank sind, wie Marion Köllner berichtet.

Wir haben genügend Abwehrstoffe. Das einzige, was wir hier ab und zu haben, ist Schnupfen und Husten. Weil die Kinder bei Minus 20 Grad ohne Schuhe die Wohnwägen wechseln.

In Waakirchen zahlt die Zirkusfamilie keine Standmiete, in anderen Orten schon. Auch Tiefschläge gab es. Einmal hatte die Familie das Zelt und die Wohnwägen aufgebaut, musste aber alles wieder abbauen, als die Wasserschutzbehörde Einspruch erhob.

Dann gab es diesen Wohnwagen-Brand, bei dem jahrelange Erinnerungen auf Papier wie ein schneller Schluck vom Feuer ausgelöscht wurden. Finanzielle Rücklagen haben sie kaum. Wenn eines der Tiere krank ist, werden die Arztkosten Stück für Stück abgestottert.

Ohne Netz und doppelten Boden

Die Kinder entwickeln ihre Fähigkeiten in der Zirkuswelt selbst, sagt Marion Köllner. Erzwingen könne man nichts. Der 19-jährige Roy beispielsweise trainiert einmal täglich, um auf vier Glasflaschen Stühle zu stapeln, auf die er dann hinaufsteigt. Ohne Netz und doppelten Boden. Einmal habe ihn der Bruder retten müssen, als er abrutschte. In einer mit Steinchen bestickten Dompteur-Jacke, die im Scheinwerferlicht glitzert, demonstriert er sein Können.

Genickbruch bei einer falschen Bewegung

Körperbeherrschung wird auch vom 21-jährigen Enrico verlangt. Er ist der einzige Akrobat in Deutschland, der alle möglichen Gegenstände mit seinem Kinn hebt. Dieses Können hat er seinem Vater abgeschaut. Egal, ob Stühle, Bänke oder das 50 Kilogramm schwere Gestell einer Pferdebox. Enrico hebt alles mit dem Kinn. Aber: Nur eine falsche Bewegung – und er könnte sich das Genick brechen.

Trommelwirbel. Die vom Band abgespielte Musik untermalt die Anspannung, in der sich Enrico befindet, als er die schwere Pferdebox auf sein Kinn setzt. Er zittert. Ein paar gefühlte Minuten trägt er sie. „Setz sie wieder ab!“, ruft seine Mutter ängstlich von der Seite. Das ist der Moment, den der 21-Jährige liebt. Er lächelt, setzt die Box ab und verbeugt sich vor einem imaginären Publikum.

Der heißeste Typ Waakirchens: Marlon

Dann öffnet sich der Vorhang und der „heißeste Typ Waakirchens“ betritt die mit Hackschnitzeln ausgelegte Manege. Mithilfe einer spezielle Atemtechnik schluckt Marlon (16) das Feuer, das er vorher über seine Arme hat gleiten lassen. „Er braucht auf jeden Fall keinen Rasierer“, bemerkt Mama Marion Köllner lachend von der Seite.

Während ihre Kinder die Kunststücke vorführen, blickt sie stolz auf ihre Söhne. Nach jeder Vorführung applaudiert sie so wild, dass man meinen könnte, das noch unbeheizte Zelt sei bereits mit 500 Leuten gefüllt. Wenn es den Zirkus nicht mehr gäbe? „Ich glaube, ich würde mich umbringen“, sagt sie.

Manege frei!
„Circus Alfons William“ öffnet seinen roten Vorhang in der Zeit vom 22. Dezember 2016 bis 8. Januar 2017. Die Vorstellungen finden täglich um 15 Uhr statt. An Heiligabend bereits um 14 Uhr. Zu finden ist das Zirkuszelt in der Tegernseer Straße am Bräumannshof, Anger 1, in Waakirchen. Das Zelt ist beheizt.

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