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Der „Olympia-Doc“ vom Tegernsee

Seit 40 Jahren fühlt der Rottacher Arzt Hubert Hörterer den Olympioniken schon den Puls. Die Tegernseer Stimme sprach mit ihm kurz vor seinem Abflug nach PyeonChang – unter anderem auch über Doping.

Hubert Hörterer (r.) und seine Mitarbeiter in PyeonChang. /Foto: H.Hörterer

Es gibt wohl niemanden im olympischen Betrieb, der so lange dabei ist und stets gebeten wird, weiterzumachen. Ähnlich wie Jupp Heynckes vom FC Bayern ist Hubert Hörterer von seinem Dienst am Sport besessen. Nächste Woche beginnen in PyeonChang seine 10. Olympischen Spiele, die der 70-Jährige als Mediziner des Internationalen Skiverbandes (FIS) begleitet.

Was genau machen Sie als Chefmediziner für den Skiverband in Jeongseon, dem Austragungsort der Speedrennen?

Hörterer: Ich bin Vorsitzender der medizinischen Kommission der FIS, die etwa 27 Mitglieder aus allen Ländern hat. Die meisten von ihnen betreuen als Mediziner auch ihre Nationalmannschaften. Für Weltmeisterschaften und Olympische Spiele gibt es aber immer einen Supervisor, der die Veranstalter berät, wo noch etwas getan werden müsste.

Wer hat das Sagen im medizinischen Bereich bei Olympia?

Hörterer: Das Sagen hat das Olympische Komitee (IOC). Wir von der FIS unterstützen das IOC, da es im Wintersportbereich nicht so viel Erfahrung hat. Als Spezialist für den Skisport unterstütze ich das IOC. Als Supervisor bin ich der Verbindungsmann zwischen Organisationskomitee (OK), der Medizinischen Abteilung und der FIS.

Bei meinen bisher drei Besuchen im Vorfeld der Spiele merkte ich, dass die Koreaner noch nicht auf unserem internationalen Standard sind. Genauso wenig war es das OK vor vier Jahren in Sotschi. Es fehlt in solchen Ländern vor allem die praktische Ausbildung an der Piste. Zunächst mussten die Mediziner in Korea erst einmal das Skilaufen lernen.

Die Skipatrols und Rettungsteams sind mit unserer Bergwacht vergleichbar. Doch sie wussten nicht, was alles in einen Notfallrucksack gehört. Mehrere dieser „Trauma-Notfall-Teams“ sind über die ganze Piste verteilt, denn sie müssen innerhalb von vier Minuten beim Verletzten sein, wenn das Rennen abgebrochen wird. Das mussten wir üben, auch mit Stoppuhr.

Sind sie als medizinischer Supervisor auch für die Sturzräume zuständig?

Hörterer: Nein, für die A-B-C-Netze ist der Race-Direktor verantwortlich. Mein Bereich ist die medizinische Logistik, wenn ein Rennläufer verunglückt. Dann heißt es: Wie kommt ein Sportler oder eine Sportlerin schnell von der Piste zur Ersten-Hilfe-Station im Zielraum, oder muss gleich ein Hubschrauber für das Trauma-Level-One-Hospital mit allen Abteilungen angefordert werden. In der Ausrüstung jedenfalls sind die Koreaner auf höchstem Standard. Wo sie noch Nachholbedarf haben ist die Logistik von schnellen Rettungswegen.

Für welche Sportdisziplinen sind Sie zuständig?

Hörterer: Für die alpinen Rennläufer, Skispringer, Kombinierer, Snowboarder, Free- und Slopstyler, eben alles, was verletzungsträchtig ist. Ausgenommen sind die Bereiche Biathlon und Langlauf, die unkomplizierter sind.

Wie weit sind die Austragungsorte voneinander entfernt, können die Teilnehmer den Olympischen Geist auch leben?

Hörterer: Die Speed-Disziplinen gleichen mehr einem Worldcup-Rennen mit Behinderung durch das IOC. So formulierte DSV-Alpindirektor Wolfgang Maier seine Kritik am Austragungsort. Denn der Spirit geht völlig verloren, weil die alpinen und die technischen Disziplinen voneinander getrennt sind. Gemeinsam marschieren sie nur ein. Es gibt zwar ein Olympiadorf, doch dies ist für die Abfahrer viel zu weit weg. Die brauchen ein eigenes Quartier. Und die Slalomfahrer reisen erst kurzfristig an und sind dann wieder weg. Damen und Herren kommen eigentlich gar nicht zusammen.

Das Medizin-Team von Hubert Hörterer (m.)/ Foto: H. Hörterer

Die Russen kommen wegen des Staatsdopings in Sotschi vor vier Jahren nur mit einer reduzierten Mannschaft. Sie waren auch in Sotschi Supervisor, ist Ihnen nichts aufgefallen?

Hörterer: Das wurde sehr professionell aufgezogen. Der Kronzeuge, der das Staatsdoping ans Tageslicht brachte, Grigorij Rodtschenkow, der ehemalige Chef des Moskauer Labors, war bei uns lange im medizinischen Komitee. Wir haben uns immer gefragt, was macht der, was tut der? Aber am Schluss hatten wir den Eindruck, dass er sich nicht mehr mit den Manipulationen, die aber erst später bekannt wurden, identifizieren kann.

Das hatte nichts mit uns zu tun, aber mit dem IOC und der Wada, der Welt-Doping-Agentur. Was da jetzt mit den fehlerhaften Urin-Probenbehältern vom ARD-Doping-Experten Hajo Seppelt aufgedeckt wurde, ist ungeheuerlich. Es ist eine riesige Ohrfeige für das IOC, wenn Fläschchen manipulierbar sind. Dann brauche ich keine Dopingkontrollen mit riesigem Aufwand.

Wird denn im Alpinsport auch gedopt?

Hörterer: Bei den Alpinen spielt das weniger eine Rolle. Denn Anabolika, wie es vor ewigen Zeiten einmal zum Muskelaufbau eingesetzt wurde, ist heute leicht zu entdecken und längst vorbei. Bei den Ausdauerdisziplinen im nordischen Bereich der FIS ist die Analytik inzwischen sehr gut. Aber die Gegenseite wird immer findiger.

Vielen Dank für das Gespräch.


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