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Nachwuchsmangel im Handwerk

Die Ausläufer der Spaßgesellschaft

Von Anita Westphal

Die Nachwuchssituation im Handwerk ist „fast flächendeckend schlecht“, heißt es in der Kreishandwerkerschaft; insbesondere in der Lebensmittelbranche. Liegt es an unattraktiven Arbeitsbedingungen und der schlechten Bezahlung? Die befragten Holzkirchner Betriebe verneinen und beklagen viel eher die Auswirkungen der Spaßgesellschaft.

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Nachwuchsmangel im Handwerk – ein Problem für die Betriebe im Landkreis.

Kreishandwerksmeister Martin Heimgreiter, selber Schreiner, stellt fest, dass in Berufen, in denen man „sich dreckig macht“, länger stehen muss oder auch zu nächtlicher Stunde arbeitet, die angehenden Azubis nicht unbedingt Schlange stehen. Bauberufe, Metzger, Bäcker oder Friseure haben generell mit Nachwuchsmangel zu kämpfen, auch wenn es bei den meisten noch irgendwie „umgeht“.

Im Landkreis Miesbach gingen die neu abgeschlossenen Lehrverträge 2014 im Vergleich zum Vorjahr um über fünf Prozent zurück. Nach Heimgreiters Beobachtung machen sich die geburtenschwächeren Jahrgänge bei den Schulabgängern bemerkbar, aber auch die Tendenz zu „Weißkragenberufen“.

An der Bezahlung liegt es nicht immer. Ein durchschnittlicher Azubi in Westdeutschland verdiente 2014 rund 669 Euro – im Baugewerbe deutlich höher, im Friseurhandwerk deutlich niedriger. http://www.bibb.de/de/23679.php

Schlechte Noten im Rechnen und Schreiben

Die Betriebe klagen über die schlechten Leistungen der Bewerber, oft bereits in den Basiskompetenzen Rechnen und Schreiben. Der Holzkirchner Metzgermeister Robert Kraft beispielsweise könnte durchaus zwei Azubis gebrauchen. Doch bei ihm sind die Schulnoten ein wichtiges Einstellungskriterium. Denn gerade im Lebensmittelhandwerk „braucht es 50 Prozent Hirn und 50 Prozent körperlichen Einsatz“.

Die Anforderungen des Verbraucherschutzes seien hoch. Dokumentationen und Kontrollen der Behörden erforderten viel theoretisches Wissen. Die Berufsschule im dualen Ausbildungssystem sei, so Kraft, kein Zuckerschlecken für schwächere Schüler. Dazu komme:

Wir leben eben in einer Spaßgesellschaft, in denen sich viele junge Leute einfach nicht mehr anstrengen wollen.

Der stellvertretende Kreishandwerksmeister Herbert Kozemko sieht eher als wachsendes gesellschaftliches Problem „die geringe Wertigkeit körperlicher Arbeit“. Samstagsarbeit im Verkauf, abends arbeiten im Partyservice? Das kommt bei vielen Jugendlichen nicht gut an. Dazu hat Kraft eine sinkende Wertschätzung gegenüber Lebensmitteln ausgemacht.

Bessere Vergütung in seiner Branche gehe nur über die Preise: „Wenn wir im Laden mehr verlangen könnten, könnten wir hinten in der Metzgerei mehr bezahlen.“ Doch jeder Bäcker und Metzger steht heute in unmittelbarem Wettbewerb mit den Discountern.

Junge Asylbewerber gefragt

Ehrenhandwerksmeister Georg Kleeblatt, Seniorchef der gleichnamigen Metzgerei, betont, dass im Handwerk meist übertariflich bezahlt wird. Seinen Azubis kann er „geregelte Arbeitszeiten, sichere Berufe, nahe Anfahrten und gute Aufstiegsmöglichkeiten“ garantieren. Selbstverständlich verlangt er „Pünktlichkeit, Höflichkeit, Zuverlässigkeit.“ Und man müsse bereit sein, auch einmal Durststrecken zu überwinden.

In der Metzgerei Kleeblatt
Die Metzgerei Kleeblatt in Holzkirchen.

Derzeit sind zwei Lehrlinge in der Produktion in Oberlaindern tätig. Oft beschäftigt er Kinder von Handwerkskollegen. Und er schaut über den deutschen Tellerrand. Ein neuer Metzgergeselle stammt aus Kroatien. Und der Antrag, junge Asylbewerber zu beschäftigen, läuft. Kleeblatt ist die Anerkennung jeglicher Arbeit wichtig:

Wir müssen wieder dazu kommen, dass jeder Mensch, der eine wertvolle Tätigkeit versieht, eine gewisse Würde zugestanden bekommt.

Asylbewerber sind begehrt. „Gerade die praktischen Stärken werden von den Betrieben sehr geschätzt“, sagt Studiendirektor Raimund Schlögl von der Miesbacher Berufsschule. Hier laufen derzeit zwei Berufsintegrationsklassen für Asylbewerber. Von 16 Schülern im zweiten Schuljahr haben bereits 6 einen Lehrvertrag.

Geheimrezept für ausreichenden Nachwuchs

Eine andere Strategie für ausreichenden Nachwuchs ist Mundpropaganda. Beim Bäcker Robert Hohenadl beispielsweise kommen die Bewerber über Stammkunden oder aus der Verwandtschaft von Mitarbeitern. Sein Familienbetrieb mit den drei Leuten in der Backstube und über 21 Angestellten und Aushilfen im Verkauf wird voraussichtlich im September wieder einen Lehrling anstellen. Die Verhandlungen laufen noch.

Hohenadl sind die Schulnoten der Bewerber nicht ganz so wichtig: „Hauptsache, ich merke, dass jemand sich anstrengen will.“ Das sehen auch einige andere Ausbildungsbetriebe so, wie Kreishandwerksmeister Heimgreiter bestätigt. Damit erhielten beispielsweise auch Absolventen von Förderschulen eine Chance.

Einige Betriebe versuchen schon Schüler für zukünftige Berufe – wie hier das Handwerk des Konditors – zu begeistern.

Ein gutes Betriebsklima und Empfehlungen scheinen das Geheimrezept zu sein, auch für die Helmut Rathschiller Spezialbrote GmbH im Industriegebiet. Sie bildet am Standort Holzkirchen derzeit sieben Konditorinnen und Konditoren aus. Drei Azubis werkeln in der Bäckerei. Generell ist es schwieriger geworden, gute Leute zu bekommen, insbesondere im Verkauf, heißt es. „Aber wir ziehen unseren eigenen Nachwuchs heran“, sagt Bernhard Auracher, Geschäftsführender Gesellschafter.

Er ist stolz auf die geringe Fluktuation im Betrieb und er verweist auf die Aufstiegschancen: „Bei guter Leistung fördern wir unsere Lehrlinge, schicken sie auf Schulungen und vertrauen ihnen größere Aufgaben an.“ Ein weiterer Aspekt: Nach Auskunft der Handwerkskammer stehen in den nächsten Jahren allein in Oberbayern rund 15.000 Handwerksbetriebe zur Übergabe an. Wenn nur in jeder zweiten Familie ein Nachfolger vorhanden ist, ergeben sich ganz neue Perspektiven in der Selbständigkeit.

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