Sturz eines Sternekochs
Die Causa Jürgens: Unantastbarkeit war gestern

Die Staatsanwaltschaft München II prüft, ob sie ein Ermittlungsverfahren gegen Christian Jürgens, Sternekoch in Rottach-Egern, einleitet. Das beschäftigt das Tal und wirft Schatten auf die Lichtfigur Jürgens. Eine Einordnung.

/ Quelle und Foto: Christian Jürgens

Eine Behördensprecherin teilt den Kollegen von Restaurant-Ranglisten.de mit, dass dies ein formaler Akt sei. Im SPIEGEL seien konkrete, strafrechtlich relevante Anschuldigungen aufgeführt. Diese prüfe man nun. Sie betont, dass damit “noch nicht die Bejahung eines Anfangsverdachts wegen einer (bestimmten) Straftat verbunden [sei]. Vielmehr wird derzeit durch unsere Behörde geprüft, ob ein solcher Anfangsverdacht vorliegt. Nur wenn dies der Fall ist, darf die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren einleiten.” 

Die Küchen-Community im Tal

Spricht man im Tal mit Menschen aus der Branche, schält sich eine Zweiteilung in der Sicht auf Jürgens und den Fall heraus. Zum einen gibt es eine Gruppe von Köchen, die sich nicht in Konkurrenz zueinander sehen, die zusammenarbeiten, sich austauschen und zuweilen auch helfen, wenn z.B. Personal knapp ist. Diese Fraktion hat schon vor dem Bekanntwerden der Vorwürfe ihr Unbehagen gegen Christian Jürgens geäußert, mindestens aber die Augenbrauen hochgezogen, wenn das Gespräch auf das Drei-Sterne-Genie fiel. Wenig Freunde habe er, maximal ein Enten-Wirt soll dazugehören – Jürgens gilt und galt in diesem Teil der Gastroszene als “prätentiös”. Und wir hören auch: Der behandelt seine Leute nicht gut. Das war auch aus dem Hotel selbst zu hören. Der Reflex ist dann: Die sind neidisch. Denn zehn Jahre lang (in Folge!) beobachten, wie Jürgens die begehrten drei Sterne des Guide Michelin erhält – wer hält das aus?

Menschen, Opfer, Gerüchte

Seit der SPIEGEL-Artikel am vergangenen Freitag erschien, melden sich auch bei uns Angestellte aus dem Hotel- und Gastrobereich des Tegernseer Tals und darüber hinaus. Einige wollen über schlechte Arbeitsbedingungen und Demütigungen durch ihre Vorgesetzten sprechen, andere vielleicht nur Gerüchte verbreiten. Plötzlich geht eine Tür zu einer Black Box auf, in der das Arbeitsrecht außer Kraft gesetzt scheint. Wir sprechen nicht von herrschsüchtigen, sich im-Ton-vergreifenden-Chefs. Handgreiflichkeiten werden benannt, Drogenkonsum – um nur zwei Beispiele zu nennen.

Christian Jürgens:

“Küche ist Emotion. Wir wollen den Menschen die Wünsche von den Augen ablesen.” Das sagte Jürgens in einem Podcast vor einiger Zeit. Er meinte damit seine Gäste. Später betont er dort, er sehe sich als Leader, der das Beste aus seinen Leuten herausholen wolle. Nur – mit welchen Mitteln? Er ist der Mann, der mutmaßlich mit seinem Verhalten alles ins Rollen gebracht hat. Laut SPIEGEL habe sich der Sohn eines Metzgers aus Unna die drei Sterne in seinen Personalausweis eintragen lassen. Oder sein “offener Brief” an Ministerpräsident Söder und Kanzlerin Merkel in der Pandemie. Eitle Petitessen – vielleicht. Aber auch sie zeigen, dass Maß und Mitte in diesen Sphären verloren gehen können. Menschen, zumal in der Funktion als Vorgesetzter, mutmaßlich sexuell zu belästigen, Gewalt anzuwenden, zu demütigen, dazu braucht es neben mangelnder Empathie, einen Verlust an Realität – und ein Selbstverständnis, dass die gesellschaftlichen Spielregeln nur für andere gelten.

Für Jürgens zerbricht seine Welt, in der er unantastbar war. Zehn Mal drei Sterne – da bleibt wenig Platz für Bescheidenheit. Umso dramatischer sein Absturz.

Das Management

Die Althoff-Gruppe ist ein unternehmerischer Gastro-Riese. 15 Hotels in Deutschland, der Schweiz, Frankreich und England gehörten zu dem Unternehmen. Im Schloss Bensberg in Bergisch-Gladbach kocht für die Gruppe ein weiterer Sternekoch, Joachim Wissler. Der konnte in diesem Jahr seinen dritten Stern nicht zurückkochen. Jürgens war für Althoff das “beste Pferd im Stall”. So einen behält man. Koste es, was es wolle? Selbst wenn der Althoff-Leitung im Kölner Firmensitz oder dem Management der Überfahrt in Rottach-Egern die Vorwürfe möglicherweise frühzeitig bekannt gewesen wären: Hätte man Jürgens mit großer Geste vor die Tür gesetzt, wäre eine Nachbesetzung vermutlich sehr schwierig, bis unmöglich geworden. Eine stille Trennung? Undenkbar. Klar: Noch immer hat das Unternehmen eine Fürsorgepflicht gegenüber Jürgens, doch genauso gegenüber den mutmaßlich Geschädigten. Die bange Frage des Managements wird sein: Kommt da noch etwas? Bleibt es auf die “Überfahrt” beschränkt?

Rottach-Egern und der Sternenstaub

Rottach-Egern war und ist stolz auf seine Sterne-Dichte. 2023 wird der Ort seine insgesamt sechs Sterne behalten. Und dann? Auch nach Aufarbeitung der “Causa Jürgens” – egal in welche Richtung – wird ein übler Geschmack zurückbleiben. Und: Bleibt der Jürgens-Fall ein Einzelfall? Oder steht er paradigmatisch für geschlossene Systeme? Auch aus der Filmbranche werden Stimmen laut, die das willkürliche und teils übergriffige Verhalten von Regisseuren klar benennen.

Für den Tourismus im Ort ist der Skandal eine Vollkatastrophe. Folglich schützen sich die Tourismus-Verantwortliche mit Allgemeinplätzen und versuchen den Skandal abzufedern. Nur: Jeder Koch, jede Köchin, mit der wir sprachen, erzählte uns von schreienden Chefs in der Ausbildung. Beispiel: “Man sah mindestens einmal in der Woche sein Zäpfchen im Hals.” Oder: “Backpfeifen waren an der Tagesordnung, speziell, wenn er getrunken hatte.”

Fragt man, warum eigentlich so wenig Frauen in der Branche eine Rolle spielen, wird ausgewichen. Die Arbeit in der Küche sei hart, wird dann geantwortet. So, als sei Frauen das nicht zuzumuten. Kein Tal im Alpenvorland bietet so eine Anzahl, so eine Vielfalt an hochpreisigen und hochwertigen Restaurants und Hotels. Fünf Sterne Plus Hotels sind die Dickschiffe, in deren Premium-Kielwasser das Gros der Mittelklasse-Anbieter gern mitschwimmt. Zu gern möchten alle Beteiligten den Skandal auf einen Einzelfall reduzieren, ihn möglichst bald in die Anekdoten-Kiste verschwinden lassen. Doch der Deckel ist gerade mal leicht angehoben.

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