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Ein Kommentar zu den Plagiatsvorwürfen gegen Landrat Jakob Kreidl

Die Einschläge kommen näher

Von Steffen Greschner

Fast genau zwei Jahre ist es her, als der Rücktritt des damaligen Bundesverteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg für einigen Wirbel sorgte. In der Zwischenzeit hat man sich fast schon an die Situation gewöhnt: mit Silvana Koch-Mehrin und der Bundesbildungsministerin Annette Schavan sind weitere prominente Politiker des Plagiierens überführt worden.

Neu ist jedoch, dass durch Online-Aktivisten aufgedeckte Plagiatsvorwürfe bis ins lokale Umfeld reichen. Landrat Jakob Kreidl beteuert unterdessen seine Unschuld. Ganz so wie seine Vorgänger in der Bundespolitik.

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Landrat Dr. Jakob Kredl könnte neben seinem Dktortitel auch bald seinen Posten los sein
Landrat Dr. Jakob Kreidl steht unter dem Verdacht seine Doktorarbeit zu großen Teilen kopiert zu haben.

Vergangenen Dienstag war es so weit: Die den meisten bisher nur aus den nationalen Medien bekannte Plattform VroniPlag ist im Landkreis angekommen. Der schwere Vorwurf richtete sich nicht gegen Vertreter der fernen Bundespolitik, sondern gegen unseren Landrat.

Nach dem heutigen Stand werden auf 60,84 % aller Seiten Kreidls Doktorarbeit Plagiate ausgewiesen. Von einem Versehen oder kleinen Fehlern ist dabei nicht mehr auszugehen. Da hilft es auch nicht, wenn der Landrat ins gleiche Horn stößt wie seine prominenten Vorgänger und eilig per Pressemitteilung verkündet:

„Dieser Vorwurf überrascht mich, weil ich davon überzeugt bin, dass ich während der gesamten Dissertation gründlich recherchiert und die Quellen entsprechend der Promotionsordnung angegeben habe.“

Sicherlich, bis die Universität der Bundeswehr in Neubiberg Kreidls Doktorarbeit geprüft und die Vorwürfe bewertet hat, gilt auch in diesem Fall die Unschuldsvermutung. Ob es in Zukunft immer noch Dr. Kreidl oder nur noch Herr Kreidl heißt, entscheiden keine Onlineplattformen und keine Nachrichtenseiten, sondern allein die Universitäten, die den Titel verliehen haben.

Und dennoch: Die Erfahrungen der vergangenen Fälle haben gezeigt, dass die Macher hinter VroniPlag sauber arbeiten. Vorwürfe in dieser Schwere haben bisher auch zur Aberkennung des Titels durch die Universitäten geführt.

Schundseiten, die im Dreck wühlen?

Die Vorarbeit zu den aktuellen Enthüllungen in unserem Landkreis kam aus dem Netz. Getrieben und bearbeitet von einer unbekannten Zahl, meist anonymer „Prüfer“, die viel Zeit und Energie darauf verwenden, die Doktorarbeit eines Jakob Kreidl zu überprüfen.

Eine „Crowd“, ein „Schwarm“ von selbst ernannten Plagiatsjägern. Nicht nur in Kommentaren auf der Tegernseer Stimme werden zu diesem Vorgehen auch immer wieder kritische Stimmen laut:

„Wenn ich mir diese Schundseiten anschaue, sehe ich immer eine Reihe von Leuten, die dort durch den Wolf gedreht werden. Ich finde es einfach nur widerlich.“

„Ich würde gerne einmal die Doktorarbeit sehen, in der sich keine ,Plagiateʽ wiederfinden … wer suchet, der findet. Solange Deutschland keine anderen Probleme hat, können wir ja zufrieden sein.“

Um diese Punkte geht es im Kern der Sache allerdings nicht. Es geht nicht darum, ob jeder schon mal irgendwie und irgendwo geschummelt hat. Es geht auch nicht darum, dass versucht wird, im Schlamm zu wühlen, bis etwas gefunden wird. Bei über 60 % beanstandeter Seiten geht es darum, dass etwas gefunden wurde. Und zwar in nicht unerheblichem Maße. Für diese Arbeit anonymer Menschen sollten wir dankbar sein.

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Eine Beispielseite aus Dr Jakob Kreidls Doktorarbeit: weite Teile wurden 1:1 und ohne Quellenangabe aus einem fremden Werk übernommen. (Quelle: VroniPlag)

Im Kern geht es darum, ob eine Gesellschaft dulden will, dass Menschen an ihrer Spitze stehen, die es mit der Wahrheit nicht ganz so genau nehmen. Die zumindest bereit waren – wohl meist zur Förderung der eigenen Karriere -, sich einen Doktortitel zu erschummeln oder mindestens den Weg dahin abzukürzen.

Der Unterschied von Schummelei und Lüge

So hat in der Bundespolitik jeder öffentlich gewordene Plagiatsfall auch zum Rücktritt der überführten Politiker geführt. Nicht, weil man ohne Doktortitel den Aufgaben nicht gewachsen wäre, sondern weil mit der Abgabe jeder Doktorarbeit entweder eine eidesstattliche oder zumindest ehrenwörtliche Erklärung abgegeben wird.

Darin beteuern die mehr oder weniger berühmten Doktoranden, dass die Arbeit alleine und zwar vollständig alleine angefertigt wurde. Und – das ist ein wichtiger Zusatz – dass die wörtlichen oder dem Sinne nach anderen Veröffentlichungen entnommenen Stellen kenntlich gemacht wurden. Im Umkehrschluss hat jeder der Überführten an diesem Punkt gelogen.

Die Bürger im Landkreis müssen sich also in einigen Wochen, wenn das Prüfungsverfahren zuungunsten Jakob Kreidls ausgegangen sein sollte, fragen, ob sie einen Landrat wollen, der es nicht ganz so genau nimmt mit seinen Beteuerungen. Taugt jemand als oberster Repräsentant eines Landkreises, der zumindest eine ganz eigene Auslegung der Begriffe „Wahrheit“, „Genauigkeit“ und „Charakter“ zeigt? Das sind Fragen, die weder VroniPlag noch die Universität Neubiberg beantworten werden und können.

Wie wichtig ist die Stimmung in der Bevölkerung?

Das sind die Fragen, über die man sich hier vor Ort Gedanken machen muss. Denn automatisch führt ein aberkannter Doktortitel weder zum Rücktritt noch zu anderen Konsequenzen. In der großen Politik übernehmen die großen Medien den Druck, sodass sich niemand an seinen Posten klammern kann.

Wie das im Lokalen aussieht, werden die kommenden Wochen zeigen. Dann wird man ebenfalls sehen, ob auch im ländlichen Umfeld der Druck der Medien oder die Stimmung der Bevölkerung einen Landrat zu Konsequenzen zwingen könnte. Oder ob der Rückhalt in der eigenen Partei stark genug ist, dass ein lokaler Politiker „so was darf“ – weil er sonst ja ein guter Typ ist. Doktortitel hin oder her.

Eines ist beim Fall Kreidl zumindest jetzt schon klar geworden: Die (online)Einschläge, die bisher nur die Bundespolitik beschäftigten, kommen näher.

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