Probiert’s es, dann spürt’s es!

Die Hospizarbeit braucht mehr Männer!

Von Simon Haslauer

Den Hospizkreis im Landkreis Miesbach gibt es bereits seit 23 Jahren. Wie in vielen sozialen Bereichen, sind auch hier mehr Frauen als Männer ehrenamtlich engagiert. Man könnte also sagen: Hospizarbeit ist weiblich. Derzeit gibt es 39 ehrenamtliche Hospizbegleiter, davon sind allerdings nur fünf männlich.

Vier dieser fünf Herren konnten sich Zeit nehmen um mit Koordinatorin Miriam Cetinich zu sprechen um herauszufinden, warum sich deutlich mehr Frauen für dieses Ehrenamt engagieren als Männer.

Alle Vier waren sich einig, dass ein großer Anteil dieser Tatsache an den nach wie vor eher traditionellen Rollenmustern in unserer Gesellschaft liegt. Aber da sich das Rollenbild zunehmend ändert, kann sich ruhig auch ein Mann dieser anspruchsvolle Aufgabe annehmen.

Auf die Frage ob es eine spezielle männliche Perspektive für dieses Ehrenamt gebe, konnten die befragten Herren keinen benennen. Wichtig war ihnen aber herauszustellen, dass soziale Aspekte eine große Rolle in ihrem Leben spielen. Es ist ihnen wichtig sich um andere Leute zu kümmern, sie zu unterstützen und ihnen auch am Ende des Lebens beistehen zu können.

Die Hospizarbeit gibt einem die Chance diesen Aspekt seiner Persönlichkeit wahrzunehmen, den Blickwinkel zu erweitern, sie empfinden ihr Amt als große Bereicherung und würden gerne andere Männer dazu ermutigen der Hospizarbeit eine Chance zu geben.

Motivationsgrund die Ausbildung zum Hospizbegleiter zu machen war für alle individuell unterschiedlich. Ein Herr wurde von einem Kollegen auf die Hospizarbeit aufmerksam gemacht und da er durch seine Arbeit mit dem Themenkomplex Vergänglichkeit und Sterben zu tun hat, ist er neugierig geworden und so dazu gekommen.

Ein weiterer hat Eltern und Nachbarn die in hohem Alter sind. Er sah, wie es für diese Menschen immer schwieriger wird im Alter, und wollte sich mit dieser Lebensphase auseinandersetzen. Ihm hat die Hospizarbeit sehr geholfen besser mit den Themen Tod und Sterben umzugehen, ihn als Teil des Lebens zu betrachten und so auch sein eigenes Leben intensiver zu genießen.

Für einen anderen ist das Ehrenamt die Möglichkeit der Gemeinschaft etwas zurück zu geben. Dies kann er, indem er sich die Zeit nimmt sterbenden Menschen und ihren Angehörigen beizustehen und sie zu begleiten. Eine weitere Motivation war sich mit dem Tabuthema Tod auseinander zu setzen und so sich selbst, und auch den anderen die Angst etwas nehmen zu können.

Hier das vollständige Interview zum nachlesen:

Frau Cetinich: Wie kamt Ihr auf die Idee Euch im Hospizbereich zu engagieren?

Guido M.: Ich arbeite in einem Seniorenheim und bin dort über meine Arbeit mit dem Themenkomplex Sterben und Vergänglichkeit konfrontiert. Ein Kollege von mir, der auch Hospizbegleiter ist, kam auf mich zu und hat mich gefragt, ob ich nicht auch Interesse an dem Ehrenamt hätte. Nachdem er von der Arbeit und auch von der Ausbildung, die der Verein dafür anbietet, erzählt hat, bin ich neugierig geworden und bin so dazu gekommen.

Reinhard S.: Bei mir war der Anlass mich für die Hospizarbeit zu interessieren, dass meine Eltern beide schon über 80 Jahre alt sind. Auch meine Nachbarn, mit denen ich viel Kontakt habe, sind schon über 90 Jahre alt. Ich sehe, wie es für sie immer schwieriger wird im Alter. Daher wollte ich mich mit dieser Lebensphase mehr beschäftigen und auseinandersetzen. Mir hat die Hospizarbeit sehr geholfen mit den Themen Tod und Sterben anders umzugehen, das nicht immer nur wegzuschieben. Der Tod ist etwas worüber man normalerweise nicht redet, dass man – im wahrsten Sinne des Wortes – todschweigt. Seit ich in diesem Verein bin und viel über den Tod höre und auch damit in Berührung bin, kann ich besser damit umgehen. Wenn man den Tod sieht und weiß, dass er dazugehört zum Leben, kann man die Tage besser genießen und intensiver leben.

Jürgen J.: Bei mir sind es verschiedene Aspekte gewesen, die eine Rolle gespielt haben, mich für die Hospizarbeit zu entscheiden. Zum einen habe ich auch meinen beruflichen Hintergrund in der Pflege. Die Begleitung am Lebensende war immer schon eine Komponente, die mir in meinem Beruf wichtig war. Allerdings konnte ich mir nicht so viel Zeit für die Menschen nehmen, wie ich es mir vorgestellt habe. Dies kann ich nun in meinem Ehrenamt als Hospizbegleiter verwirklichen. Für mich ist ein Ehrenamt auch eine Möglichkeit der Gemeinschaft etwas zurück zu geben. Dies kann ich, indem ich mir die Zeit nehme sterbenden Menschen und ihren Angehörigen beizustehen und sie zu begleiten. Eine weitere Motivation war sicherlich auch, mich mit dem Tabuthema Tod auseinanderzusetzen und so mir und auch anderen die Angst etwas nehmen zu können.

Frau Cetinich: In der Hospizarbeit und auch in unserem Verein sind deutlich mehr Frauen ehrenamtlich engagiert, als Männer. Warum könnte das so sein?

Guido M.: Vielleicht kann es in die Richtung gehen, dass es archaisch verankert ist. Die Frau als Leben gebärende, erhaltende und pflegende könnte sich unterbewusst stärker hingezogen fühlen. Während der Mann ja eher als der Kämpfer, der Versorger, der Verteidiger gesehen wird und sich auch selbst so sieht, nicht so sehr als der Lebenserhaltende. Vielleicht ist es aber auch viel banaler! Es ist ja in der heutigen Zeit oft immer noch so, dass – obwohl Mann und Frau immer öfter beide arbeiten – es doch mehr Frauen gibt, die nicht berufstätig sind und daher mehr Zeit haben.

Reinhard S.: Ich glaube auch, dass das ein Punkt sein könnte. Viele Frauen kommen nach einer Babypause nicht mehr richtig ins Berufsleben rein.

Jürgen J.: Ja, ich glaube schon, dass die Rollenmuster auch bis in die heutige Zeit teils traditionell geprägt sind. „Natürlich“ machen Männer dann eher ein zupackendes Ehrenamt. Klassisch sind zum Beispiel die Feuerwehr, THW, Rettungssanitäter oder ähnliches. Aber da sich die Rollenbilder verändern, denke ich, dass das ist auch ein Appell an Männer ist, sich das auch zutrauen zu dürfen. Auch wenn man – wie auch ich – voll berufstätig ist, muss das kein Hinderungsgrund sein, da man in diesem Ehrenamt auch steuern kann, wieviel Zeit man investieren will. Das finde ich auch ganz wichtig. Man merkt man hat in einem gewissen Umfang die Freiheit das selbst zu gestalten. Das ist durchaus in den Alltag zu integrieren, finde ich.

Frau Cetinich: Gibt es eine spezielle männliche Perspektive auf dieses Ehrenamt?

Guido M.: Ich sehe in unserer Supervisionsgruppe keinen Unterschied. Ich habe lange überlegt und mir wirklich Gedanken gemacht, ob es eine männliche und weibliche Perspektive gibt? Mit dieser Frage habe ich mich sehr schwergetan. Es gibt vielleicht einen Aspekt in meinem Leben, der für mich persönlich eine Rolle spielt. Oft finde ich mich in meinem Leben als einziger Mann in einem eher weiblich dominierten Bereich, so auch beruflich. Das zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Vielleicht kann man sagen, ich bin mir auch meiner weiblichen Anteile sehr bewusst.

Jürgen J.: Ich würde das vielleicht gar nicht so sehr als männlichen und weiblichen Anteil bezeichnen. Ich war schon immer an den sozialen Aspekten von Rollen interessiert. Ich wollte daher auch immer schon in die Pflege gehen. Es lag mir näher, mich um andere Leute zu kümmern, sie zu unterstützen und ihnen auch am Ende des Lebens beistehen zu können. Ich würde gerne andere Männer ermutigen, diesen Aspekt ihrer Persönlichkeit wahrzunehmen. In der Hospizarbeit hat man dazu die Chance. Dadurch erweitert man den Blickwinkel. Es ist eine große Bereicherung.

Frau Cetinich: Eine letzte Frage: Wie könnten wir Männer für dieses spezielle Ehrenamt gewinnen? Hättet Ihr da vielleicht eine Idee?

Reinhard S.: Generell finde ich so einen Artikel schon eine gute Idee. Viele können sich das gar nicht vorstellen, dass man so eine Arbeit machen kann. Vielleicht denkt sich so der ein oder andere: interessieren würde es mich schon. Vielleicht ist ein Anreiz: da gehe ich mal hin!

Guido M.: Vielleicht ist es wirklich ein Anreiz. Weil das Bild, das man von Hospizarbeit hat doch eher weiblich geprägt ist. So ist das ja in vielen sozialen Bereichen, wenn man an die Erzieherin oder die Krankenschwester denkt.

Jürgen J.: Ich sehe das im Kindergarten meines Sohnes, in dem es einen männlichen Erzieher gibt, wie wichtig das sein kann. Da könnte man die Parallele zur Hospizarbeit ziehen. Es gibt auch sterbende Menschen oder deren Angehörige, die eher von einem Mann unterstützt werden möchten. Ich hoffe sehr, dass sich der ein oder andere ermutigt fühlt sich hier zu engagieren. Man hat ja im Kurs die Möglichkeit sich zu orientieren, bevor man sich entscheidet. Dass muss man einfach mal ausprobieren!

Fr. Cetinich: Ich danke Euch für das Gespräch.


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