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Matthias Jung, Vorstand der Forschungsgruppe Wahlen im Gespräch

„Medien prägen Wähler stärker als Umfragen“

Von Christopher Horn

Der Wahlkampf in Bayern geht so langsam in die heiße Phase. Am 15. September wird zunächst ein neuer Landtag gewählt, eine Woche später wird es dann auf Bundesebene ernst. Auch im Landkreis Miesbach werben die Direkt- und Listenkandidaten der verschiedenen Parteien um Stimmen.

Fast jede Woche präsentieren Meinungsforscher, wie die Forschungsgruppe Wahlen, neue Umfrageergebnisse. Wir haben mit Vorstand Matthias Jung über die heiße Phase des Wahlkampfes, die Arbeitsweise seines Teams und über die Verlässlichkeit solcher Umfragen gesprochen.

Matthias Jung, Vorstand der Forschungsgruppe Wahlen, über den aktuellen Wahlkampf und die Bedeutung von Umfragen
Matthias Jung, Vorstand der Forschungsgruppe Wahlen, über den aktuellen Wahlkampf und die Bedeutung von Umfragen

Tegernseer Stimme: Guten Tag, Herr Jung, wie sinnvoll ist es, in Bayern eine Woche vor der Bundestagswahl eine Landtagswahl durchzuführen?

Matthias Jung: Das ist so eine Sache. Nehmen wir den Föderalismus ernst, dann wäre es wichtig, dass eine Landtagswahl relativ isoliert zu einer Bundestagswahl steht. Überschneiden sich die Wahlkämpfe, wird eine Landtagswahl zu stark von einer Bundestagswahl mit geprägt, das große Wasser nimmt das kleine Wasser mit. Zudem können bei einer so dichten Abfolge Effekte auch für die Bundestagswahl entstehen, die so niemand voraussehen kann. Wenn eine Partei in Bayern gut oder schlecht abschneidet, wird das von den Menschen schon auf die Bundestagswahl übertragen.

Tegernseer Stimme Wie sehen Sie die Situation in Bayern? Reicht es für eine absolute Mehrheit der CSU?

Jung: Die Entwicklung scheint stabil zu sein, drei Prozentpunkte rauf oder runter sind aber bei jeder der etablierten Parteien möglich. Ob es für die CSU alleine reicht, wird sich auf den letzten Metern entscheiden, da kann ich heute noch keine seriöse Einschätzung abgeben.

Tegernseer Stimme: Ist sich die CSU zu sicher?

Jung: Auch die CSU muss ein Interesse haben, bei beiden Wahlen gut abzuschneiden. Ein schlechtes Ergebnis in Bayern könnte somit auch Folgen für das Abschneiden der CSU auf Bundesebene haben. Es wäre sicherlich klüger gewesen, einen größeren Abstand zwischen den beiden Wahlen zu haben. Hier mussten aber auch bestimmte Fristen und Ferientermine beachtet werden, dadurch wurde die Terminauswahl deutlich eingeschränkt. Auch wir haben noch keine Erfahrungswerte, wie sich zwei so dicht aufeinanderfolgende Wahlen aufeinander auswirken.

Tegernseer Stimme: Gefühlt hat der Wahlkampf auf Landes- und Bundesebene noch nicht so richtig begonnen – wie sehen Sie das?

Jung: So würde ich das nicht sagen. Inzwischen sind wir schon in einer Phase, die man als Beginn der heißen Wahlkampfphase sehen muss. Trotzdem sind wir im Vergleich zu früheren Wahlkämpfen relativ spät dran. Vor 20 Jahren hat der Wahlkampf viel früher angefangen.

Tegernseer Stimme: Warum ist das so?

Jung: Heute wechseln die Wähler schneller von einer Partei zur anderen. Deshalb macht es aus Sicht der Parteien heute weniger Sinn, wenn sie drei Monate vor der Wahl einen Wähler für sich gewinnen, um ihn dann kurz vor der Entscheidung wieder zu verlieren. Heute konzentriert man sich daher eher auf die letzten vier bis sechs Wochen vor der Wahl.

„Den polemischen Lagerwahlkampf gibt es nicht mehr“

Tegernseer Stimme: Wird der Wahlkampf nun hitziger werden?

Jung: Die Intensität wird auch in der heißen Phase nicht besonders zunehmen. Die Zeiten von durch Polemik geprägten Lagerwahlkämpfen, wie man sie in den 70er- und 80er-Jahren mit Herbert Wehner (SPD) oder Franz Josef Strauß (CSU) erlebt hat, sind vorbei. Auch die Wähler wollen solche Inszenierungen nicht mehr.

Tegernseer Stimme: Was ist das prägende Thema des derzeitigen Wahlkampfes?

Jung: Der Fokus auf ein ganz besonderes Thema ist in den Augen vieler Wähler/-innen gar nicht so entscheidend. Für sie zählt die Frage, welche Partei in der Lage ist, ihre persönliche ökonomische und soziale Situation zu verbessern beziehungsweise zu sichern. Die Zuspitzung auf einzelne Themen ist oft der Versuch der Parteien, an diese Grundbedürfnisse der Wähler/-innen anzuknüpfen. Das kann soziale Gerechtigkeit oder auch die Euro-Schulden-Krise sein. Ich halte es für einen strategischen Fehler, ein Thema wie die NSA-Affäre so zentral in den Wahlkampf zu stellen, da dieses Thema nur einzelne Eliten interessiert.

Tegernseer Stimme: Wie trägt ein Meinungsforschungsinstitut wie die Forschungsgruppe Wahlen dazu bei, den Wahlkampf anzuheizen? Hätte sich die Politik ihre Umfrage, wonach die NSA-Affäre die meisten Bürger nicht interessiert, zu Herzen nehmen sollen?

Matthias Jung ist seit 1991 im Vorstand der Forschungsgruppe Wahlen
Matthias Jung ist seit 1991 im Vorstand der Forschungsgruppe Wahlen

Jung: Das ist ein klassisches Beispiel dafür, dass der Einfluss der Meinungsforschung auf die Politik nicht so groß ist, wie es uns oft unterstellt wird. Die Tatsache, dass dieses Thema für den Großteil der Deutschen nicht so wichtig ist, ist schon länger bekannt. Trotzdem hat es medial und auch in einzelnen Parteien eine sehr große Rolle gespielt.

Tegernseer Stimme: Können Sie unseren Lesern das Tätigkeitsfeld der Forschungsgruppe Wahlen beschreiben?

Jung: Wir beschäftigen uns primär mit Wahlforschung und betreiben zu einem kleinen Teil auch Marktforschung. Allerdings keine Produktforschung. Unser Hauptaugenmerk liegt aber auf politischer Meinungsforschung im Auftrag des ZDF. Neben den klassischen Telefonumfragen führen wir an Wahltagen auch eine Befragung der Wähler vor den Wahllokalen durch. So können wir Punkt 18 Uhr des Wahltages eine sehr präzise Prognose präsentieren.

Meinungsforschung als Teil objektiver Berichterstattung

Tegernseer Stimme: Welchen Mehrwert hat der Wähler durch die Zahlen?

Jung: Sie sind Bestandteil einer offenen Informationsgesellschaft. Bis in die 60er-Jahren war die politische Meinungsforschung ausschließlich in der Hand der Parteien und Regierungen. Diese haben die Infos unter Verschluss gehalten und als Insiderwissen benutzt. Heute sind die Zahlen eben der Öffentlichkeit zugänglich, das schafft mehr Transparenz. Wenn Meinungsforschung sauber gehandhabt wird, trägt sie auch zu einer objektiveren Berichterstattung bei.

Tegernseer Stimme:Wie lassen sich die Diskrepanzen zwischen den Umfrageergebnissen der verschiedenen Institute erklären?

Jung: Ich weiß nicht genau, wie die anderen Institute letztlich messen. Man muss aber auch berücksichtigen, dass bei der Auswertung von Zufallsstichproben zwangsläufig statistische Fehler auftreten können. Ich habe für jeden Wert ein gewisses Fehlerintervall, das bei den Ergebnissen für eine größere Partei beispielsweise bis zu drei Prozentpunkte ausmachen kann. Mehr als drei Prozentpunkte Unterschied in beiden Richtungen, also bis zu sechs Punkten Abstand, sind aber auch zwischen den einzelnen Instituten nicht üblich. Man muss allerdings auch genau darauf achten, in welchem Zeitraum die Befragungen durchgeführt wurden. Von einer Woche auf die nächste können sich die Umfragewerte natürlich verändern.

Tegernseer Stimme: Wie verlässlich sind die Umfragewerte der Forschungsgruppe Wahlen nun?

Jung: Eine solche Befragung ist niemals als Prognose für den Ausgang einer Wahl zu sehen, sondern gibt lediglich die politische Stimmung der Bürger/-innen zu dem jeweiligen Zeitpunkt wieder. Es kann unmittelbar vor einer Wahl immer Ereignisse geben, die die Stimmung und damit das Wählerverhalten maßgeblich beeinflussen. Wir haben zum Beispiel gesehen, wie sich die Atomkatastrophe in Fukushima auf die Landtagswahlen in Baden-Württemberg ausgewirkt hat.

Die aktuellen Umfrageergebnisse zur Bundestagswahl/Quelle: Forschungsgruppe Wahlen/ZDF
Die aktuellen Umfrageergebnisse zur Bundestagswahl/Quelle: Forschungsgruppe Wahlen/ZDF

Tegernseer Stimme: Sie werden erstmals drei Tage vor der Wahl noch mal eine Umfrage veröffentlichen, bislang haben Sie in der Woche vor dem Wahltermin darauf verzichtet, weshalb der Sinneswandel?

Jung: Mittlerweile entscheiden sich die Wähler/-innen immer später, welche Partei sie wählen. Daher macht es Sinn, auch kurz vor der Wahl noch mal ein Umfrageergebnis zu veröffentlichen. Wir führen diese Umfragen kurz vor der Wahl schon immer durch, haben sie aber bislang nicht veröffentlicht und nur intern genutzt. Jetzt haben wir beschlossen, auch diese Umfragewerte der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wir wollen nichts zurückhalten.

„Nur zehn Prozent der Wähler nehmen Umfragen wahr“

Tegernseer Stimme: Beeinflussen Sie damit nicht das Wahlverhalten, wenn Sie so kurz vor der Entscheidung noch mal eine Umfrage veröffentlichen?

Jung: Es kann natürlich schon sein, dass sich der eine oder andere Wähler an der Umfrage orientiert. Daher ist es umso wichtiger, dass wir ihm auch ganz aktuelle Ergebnisse an die Hand geben. Ansonsten orientieren sich die Wahlberechtigten eventuell an bereits überholten, veralteten Werten. Unserer Erfahrung nach nehmen aber überhaupt nur gut zehn Prozent der Wähler solche Umfragen intensiv wahr. Zudem sprechen die Umfragen eher die Wähler aus höheren Bildungsschichten an – sie sind nicht besonders leicht zu beeinflussen. Da werden weniger gebildete Menschen durch Massenkampagnen in Boulevardzeitungen viel leichter beeinflusst als durch unsere Umfragewerte.

Tegernseer Stimme:Im Jahr 2005 wurden Sie kritisiert, weil die Ergebnisse Ihrer letzten Umfrage sich deutlich von den tatsächlichen Wahlergebnissen unterschieden haben. Wollen Sie dem durch eine letzte Umfrage drei Tage vor der Wahl diesmal entgegenwirken?

Jung: Ob es uns schützt, kann man so oder so sehen. Sollte unsere letzte Umfrage auch aktuell von dem tatsächlichen Wahlergebnis abweichen, haben wir durch den kürzeren Abstand dann sogar eine Ausrede weniger.

Tegernseer Stimme: Wie sieht es eigentlich mit Onlineumfragen aus? Führen Sie diese auch durch?

Jung: Vor über zehn Jahren haben wir uns mit großer Euphorie damit auseinandergesetzt. Im Jahr 2000 haben wir sogar eine eigene Forschungsgruppe Wahlen Online gegründet und uns daraufhin sehr intensiv mit Onlineforschung befasst. Es ist hier aber sehr schwierig, eine repräsentative Stichprobe aller Bevölkerungsgruppen zu erreichen. Auch heute hat noch nicht mal jeder zweite über 60-Jährige einen Internetzugang. Gerade diese Altersgruppe ist aber für den Ausgang einer Wahl ganz entscheidend. Auch eine saubere Zufallsstichprobe lässt sich mit einer Onlinebefragung kaum erreichen. Aus diesem Grund haben wir die Forschungsgruppe Wahlen Online wieder eingestampft. Wir setzen die Onlinebefragung dann eher bei speziellen Marktforschungsprojekten ein.

Wohl keine rotgrüne Mehrheit auf Bundesebene

Tegernseer Stimme: Die Forschungsgruppe Wahlen wird ausschließlich durch das ZDF finanziert. In Jahren ohne eine Wahl reden wir hier von rund 3,5 Millionen Euro, in einem Jahr 2013 mit einer Bundes- und zwei Landtagswahlen von dem doppelten Betrag. Wo fließen diese Gelder genau hin?

Jung: Wir äußern uns zu diesen Zahlen grundsätzlich nicht, die Größenordnung ist aber richtig. Ein großer Anteil sind hier die Fixkosten. Mittel, die wir für die vom ZDF genehmigten und beauftragten Projekte nicht benötigen, gehen am Jahresende wieder ans ZDF zurück. Wenn ich 1.000 Leute für eine Umfrage vor den Wahllokalen einsetze, muss ich diesen auch Honorare bezahlen. Hinzu kommen der logistische und der Materialaufwand. Wir haben 50 feste Mitarbeiter, darunter auch ein gutes Dutzend studentische Hilfskräfte.

Tegernseer Stimme: Lassen Sie uns noch mal über die Bundestagswahl sprechen, welches Ergebnis ist hier zu erwarten?

Jung: Hier ist alles noch offener als in Bayern. Momentan ist eine hauchdünne schwarzgelbe Mehrheit in Sicht, das kann sich aber ganz schnell auch wieder ändern. Für Rot-Grün wird es aber wohl sehr schwierig mit einer eigen Mehrheit. Auch die Union wird stärker werden als die SPD. Die Frage ist hier wohl nur, ob der Abstand so groß bleibt, wie er momentan ist.

Langzeitstudie der Forschungsgruppe Wahlen Januar 1991 bis Januar 2013
Langzeitstudie der Forschungsgruppe Wahlen von Januar 1991 bis Januar 2013/ Quelle: Forschungsgruppe Wahlen/ZDF

Tegernseer Stimme: Haben die „Alternative für Deutschland“ (AFD) und die Piratenpartei ihr politisches Momentum verspielt?

Jung: Man kann ja nur etwas verspielen, was man mal gehabt hat. Für die Piraten trifft das sicherlich zu, sie haben in der Vergangenheit zum Teil spektakuläre Landtagswahlergebnisse eingefahren. Momentan haben die Piraten aber deutlich an Zustimmung verloren. Das versuchen sie jetzt durch sehr massive Wahlkampfanstrengungen zu korrigieren. Das Interessante hier: Fast keine Partei setzt so stark auf Wahlplakate und auf Straßenwahlkampf wie die (Online-)Piraten.

Tegernseer Stimme: Welche Chancen haben die Freien Wähler, die zum ersten Mal auch auf Bundesebene auftreten?

Jung: Man sollte die Freien Wähler meines Erachtens nicht außer Acht lassen. Sie werden bei der Landtagswahl in Bayern wahrscheinlich ein gutes Ergebnis einfahren. Das wird auch für die Bundestagswahl Rückenwind bedeuten.

Zur Person Matthias Jun:
Jung wurde 1956 in Speyer geboren. Der studierte Diplom-Volkswirt ist ist seit 1991 Mitglied des Vorstandes der Forschungsgruppe Wahlen.

Zur Forschungsgruppe Wahlen:
Die Forschungsgruppe Wahlen wurde 1974 als eingetragener Verein gegründet. Ihre Hauptaufgabe ist die wissenschaftliche Beratung und Betreuung von Wahlsendungen des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF). Im Rahmen des Politbarometers veröffentlicht die Forschungsgruppe alle zwei Wochen Umfragen zur aktuellen politischen Stimmung in Deutschland. Die Forschungsgruppe Wahlen Telefonfeld GmbH führt darüber hinaus Umfragen für eine Vielzahl anderer Auftraggeber durch. Beide sitzen in Mannheim.

Das Interview führte Christopher Horn im Rahmen eines Volontärsaustauschs in Mannheim. Der Artikel erschien zuerst auf dem Rheinneckarblog – einer Partnerseite der Tegernseer Stimme.

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