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Eine Hintergrundrecherche

Die Stadt, die Feuerwehr und die Kosten

Von Martin Calsow

13 Millionen Euro soll das neue Feuerwehrhaus in Tegernsee kosten. Es stellt sich die Frage: Geht das nicht günstiger? Wir sehen uns das Projekt genauer an, und bleiben an der ein oder anderen Stelle stirnrunzelnd zurück.

Das alte Feuerwehrhaus soll durch einen 13 Millionen Neubau ersetzt werden.

Die größten Popdiven im Tal sind meist bei der Feuerwehr. Kritik ist ihnen wie Feuer und Hochwasser ein Graus. Und meist nehmen sie als Antwort gern den großen Schlauch. So auch beim Thema Feuerwehrhaus Tegernsee. 13 Millionen Euro soll das Bauwerk kosten – und da ist noch Luft nach oben. Für ein 3.900 Einwohner-Städtchen ein ganz schön dicker Brocken. Dabei wäre Sachlichkeit und Souveränität cooler und vor allem: passender.

Wir haben uns mit Fachkräften getroffen und haben die Zahlen genau analysiert – bis die Rübe rauchte. Rund 3.250 Euro wird jeder Einwohner, vom Greis bis zum Säugling, für das neue Feuerwehrhaus im Zentrum der Kleinstadt an der Ostbank aufwenden müssen. Ist es das wert? Geht es nicht günstiger? Das fragen auch ganz aktuell die Grünen im Stadtrat.

Gebäude genügt nicht mehr den Sicherheitsstandards

Nein, sagt die Bauamtsleiterin Bettina Koch, eine nüchterne Sauerländerin, die das Projekt schon von Beginn an führt. 2014 wurde eine sogenannte Machbarkeitsstudie vom neuen Bürgermeister Johannes Hagn in Auftrag gegeben. Er war mit dem Versprechen angetreten, der Freiwilligen Feuerwehr ein neues Haus “hinzustellen”. Man kann das wohlfeil nennen, weil der Zuspruch der örtlichen Brandlöscher immer bei Wahlen hilft.

Aber schon 2007 war klar, dass das Haus den Sicherheitsstandards nicht mehr genügt. Beispiel: Die engen Ausfahrten für die großen Fahrzeuge waren und sind bei schnellen Einsätzen eine Gefahr für Mensch und Leben. Zwar beschwichtigte noch 2009 der damalige Feuerwehrkommandant, verwies aber auch schon damals auf den Bedarf. Hagns Vorgänger ließ lieber einen umstrittenen Steg bauen, als den Freiwilligen ein neues Haus zu gestatten. So viel zur Geschichte.

Jetzt aber zu den aktuellen Fakten:

Beispiele sollen zeigen, warum die Kosten so hoch sind: Zehn Garagenplätze für die Einsatzwagen sind geplant. Das Städtchen hat viel Hanglage, im Winter braucht es Unimogs, 40 Häuser haben im Stadtgebiet keinen zweiten Rettungsweg: Dafür braucht es einen Drehleiterwagen. Den hat auch Rottach-Egern, aber der Gesetzgeber verlangt eine Zeit von zehn Minuten zwischen Alarmierung und Ankunft am Ort. Mit den Nachbarn wohl nicht zu schaffen. Dazu Bürgermeister Johannes Hagn: “In diversen Klausuren ist der Stadtrat Fahrzeug für Fahrzeug durchgegangen, hat die Sinnhaftigkeit geprüft, sich von externen Stellen das erklären lassen. Es passt. Nicht zu viel, nicht zu wenig.”

Hinzu kommen sechs Wohnungen, die für junge FeuerwehrlerInnen konzipiert werden. Schon in der Vergangenheit waren im Feuerwehrhaus auch Wohnungen. Und da haben wir schon den ersten Stirnrunzler. Johannes Hagn: “Der Gesetzgeber sieht einen barrierefreien Zugang für die Wohnungen im zweiten Obergeschoss vor.” Komisch? FeuerwehrlerInnen im Rollstuhl? Wäre es eine Berufsfeuerwehr, hätten es reine Personalwohnungen sein können, und damit wäre die Barrierefreiheit entfallen. So aber ist es ein städtisches Mietrechtsverhältnis, die Vorgaben müssen eingehalten werden.

Die Pflichtaufgabe der Gemeinden

Der Aushub und Verbau der Baugrube ist mit deftigen 2,7 Millionen Euro veranschlagt. Wie bitte? Die Planung geht von einem kontaminierten Boden aus, der auf Deponien verbracht werden muss. Da, wo der private Bauherr seinen Platz für den Hobbyraum ausheben lässt, geht das doch für 20.000 Euro? Der bringt den Krempel auch nicht auf Deponien, so er nicht seine Haziette auf dem Buna-Gelände in Bitterfeld baut.

Letztes Beispiel: Alles ist teurer geworden. So kann man es verkürzt sagen. Der Baukosten-Index, Leitlinie für das öffentliche Bauen, beweist eine Kostensteigerung der vielen Gewerke von zehn bis zwölf Prozent pro Jahr. Hätte man also 2009 gebaut… Nun ja, das ist vergossenes Löschwasser. Bettina Koch, die Bauamtsleiterin, verweist auf das bayerische Feuerwehrgesetz und die Aufgaben der Kommune:

Die Gemeinden haben als Pflichtaufgabe im eigenen Wirkungskreis dafür zu sorgen, dass drohende Brand- oder Explosionsgefahren beseitigt und Brände wirksam bekämpft werden (abwehrender Brandschutz) sowie ausreichende technische Hilfe bei sonstigen Unglücksfällen oder Notständen im öffentlichen Interesse geleistet wird (technischer Hilfsdienst).

Nach wie vor hält Koch die Planungskosten für angemessen. Hagn ist sich sicher: “Wir werden es bauen.” Dennoch: Ein zweistelliger Millionen-Euro-Betrag ist auch für Tegernsee kein Pappenstiel. Kritische Nachfragen sind wichtig und legitim. Wer, wie einige VertreterInnen der Feuerwehr mit patzigem Ton KritikerInnen weg grätscht, leistet Misstrauen Vorschub. Unklug und unprofessionell.

Es geht günstiger, aber …

Aber Hagn sagt eben auch: “Sicher kann man das Haus günstiger haben, aber dann braucht es erstens eine komplett neue Planung, und dann muss auch zweitens jedem klar sein, dass die Sicherheit der eigenen, freiwilligen Kräfte nicht mehr in einem verantwortbaren Bereich gewährleistet ist, dass nicht alle EinwohnerInnen und HausbesitzerInnen Tegernsees auf gleichem Niveau von der Feuerwehr geschützt werden können.”

Im neuen Stadtrat gibt es eben jene kritischen Stimmen. Ob sie sich vor Ort bei der Feuerwehr schon schlau gemacht haben, ist nicht bekannt. Die Grünen, neu im Stadtrat, haben jedenfalls schon für die nächste Sitzung am 28. Juli 2020 einen Antrag eingereicht, der kritisch das Bauvorhaben behandelt. Eines ist auch klar: Jeder Monat, der verstreicht, ohne dass gebaut wird, kostet die Stadt erhebliche Summen…


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