Tegernseer Netzgemeinde

Normaloalarm im Internet

Von Steffen Greschner

Immer öfter ist in der Politik von der „Netzgemeinde“, den „Internetbürgern“ und ähnlichem die Rede. Den Begrifflichkeiten liegt der Versuch zugrunde, eine sich schnell ändernde Gesellschaft irgendwie greifbar zu machen. Nach dem Motto: Das geht uns nichts an, das ist ein Thema der „Netzgemeinde“.

Gibt es also auch am Tegernsee eine „Netzgemeinde“? Eine Religion der „Internetbürger“?

Um es gleich vorweg zu nehmen: Es gibt nicht „das Netz“, den „Netzbewohner“, die „Netzpolitik“ oder eben die „Netzgemeinde“. Nicht am Tegernsee und auch sonst nirgends.

Diese ganzen Begriffe versuchen eine Teilung herbeizureden, wo schon lange keine mehr ist. Wenn wir uns die Leser der Tegernseer Stimme auf Facebook anschauen, geht die „Netzgemeinde“ über alle Schichten und jedes Alter. Zugegeben, ab 60 wird es derzeit eng, aber auch das wird sich ändern.

Frauen machen übrigens mehr als die Hälfte unserer Besucher aus. Die Leser sind Geschäftsführer, Handwerker, Gemeinderäte, Hausfrauen – und alle informieren sich online.

"Netzbewohner" in Lederhosen vor dem Rosegger in Rottach.

Unsere „Netzgemeinde“ sind ganz normale Menschen, die zwar das Internet nutzen aber ansonsten nicht viel gemeinsam haben. Ein Abbild der Gesellschaft. Talbewohner, die sich im Internet informieren. Wiesseer, die Videos auf Youtube anschauen. Rottacher, die Kommentare schreiben und Bilder auf Facebook hochladen. Es soll sogar ältere Kreuther geben, die via Skype mit ihren studierenden Kindern videotelefonieren. Sie alle nutzen einfach das Internet und die Möglichkeiten, die es bietet.

Der Journalist Thomas Knüwer hat es letzte Woche in einem Artikel schön ausgedrückt: Unter dem Titel „Das Ende der Netzgemeinde“ beschreibt er seine Erfahrungen, die er auf Vorträgen vor ganz normalen Menschen macht:

Ein Satz jedoch, der vor allem hinterher an den Stehtischen fiel, war: „Wir haben genug.“ Genug von der negativen Berichterstattung über das Internet, genug vom ständigen Runtermachen und vom Glauben, man könne das Internet irgendwie abschalten. Lehrer berichteten, sie wollten viel mehr machen, würden aber von den Behörden ausgebremst.

Die politischen Diskussionen über „die Netzgemeinde“ gehen schlichtweg am Thema vorbei. Die Vernetzung der Gesellschaft ist ein Wandel, der alle betrifft. Manche Punkte müssen neu geregelt und davor diskutiert werden. Das geht aber nicht nur eine Minderheit an, wie es die Begrifflichkeit „Netzgemeinde“ glauben macht, sondern einen großen Teil der Gesellschaft.

„Das Netz“ wird inzwischen ganz selbstverständlich genutzt. Auf Facebook sind nicht Nerds und Informatiker, sondern über 22 Millionen Deutsche angemeldet. Zur Erinnerung: vor zwei Jahren waren es noch keine sechs Millionen. Alleine im letzten Jahr sind 8,2 Millionen Menschen dazu gekommen. Das sind 10% der deutschen Bevölkerung.

(Quelle: allfacebook.de)

Die durch eine vernetzte Gesellschaft entstehenden Veränderungen, sind keine Randgruppen-Themen. Die Diskussion um eine Reform des Urheberrechts beispielsweise sollte nicht in den „Internetrubriken“ der Zeitungen und Parlamente geführt, sondern in der breiten Gesellschaft diskutiert werden.

Diskussionen um mehr politische Teilhabe durch neue technische Möglichkeiten sind nicht Netzpolitik, sondern politische Entscheidungen, die alle etwas angehen. Diskussionen, die über den Nachfolger des Bundespräsidenten im Netz geführt werden, sind nicht die Diskussionen der „Netzgemeinde“, sondern Diskussionen der Gesellschaft – geführt im Internet.

Man sollte sich von dem Glauben verabschieden, dass man in „Normale“ und „Digitale“ trennen kann. Es gibt keine „Netzgemeinde“, genau so wenig, wie es ein „Nichtnetzgemeinde“ gibt. Das Internet ist eben jetzt schon ein fester Teil  unseres Lebens.

Mit den Auswirkungen muss man als Gesellschaft leben lernen und gemeinsam neue Regeln entwickeln, falls irgendetwas im argen liegt. Einfach die alten Regeln auf das Neue anzuwenden reicht eben nicht aus – auch wenn manch einer sich das vielleicht noch so sehr wünscht.


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