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Licht und Schatten der neuen Informationsfülle

Digitale Filter: Eine Welt, wie sie mir gefällt

Von Steffen Greschner

Die jeden Tag aufs Neue produzierten Datenmengen sind gigantisch: etwa zwölf Mal mehr Daten sollen täglich ins Internet eingestellt werden, als aktuell in Büchern weltweit niedergeschrieben sind.

Was ziemlich abstrakt klingt, passiert auch bei uns im Tal: zahlreiche Seiten zum Tegernsee, bloggende Gastronomen, Gruppen in sozialen Netzwerken, Kommentare, Bilder und Videos. Sortiert wird der Datenstrom durch digitale Filter. Was aber bedeutet das für jeden Einzelnen von uns?

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Big Data nennt man den immer größer werdenden Informationsfluss, der nicht nur Behörden betrifft.

Früher gab es die Zeitung. Einmal Informationen am Tag und für jeden die gleichen. Natürlich gibt es schon immer auch noch Anzeigen- und Vereinsblätter, Gemeindeboten und einiges mehr. Doch all das ist nicht vergleichbar mit den heutigen Mengen an Information. Wer sich ernsthaft vornehmen würde, wirklich alle Informationen, die alleine das Tegernseer Tal an einem einzigen Tag produziert, zu verfolgen – der brummt sich einen Vollzeitjob auf: Über 500 neue Suchergebnisse spuckt alleine Google für die letzten 24 Stunden zum Suchbegriff “Tegernsee” aus.

Filter sortieren die Informationsflut

Die Lösung, um überhaupt noch die wichtigen Nachrichten zu finden, sind “Filter”. Dadurch erreicht uns nur noch, was ein Algorithmus – eine Art Filtervoreinstellung – als wichtig und vor allem passend für jeden Einzelnen von uns erachtet.

Egal, ob bei der Google-Suche oder im Nachrichtenstrom sozialer Netzwerke: Was wir zu sehen bekommen, ist längst nicht alles, was es an Informationen geben würde. Und auch längst nicht automatisch das Gleiche, was ein anderer angezeigt bekommt. Diese Inhalte sind bereits nach persönlichen Vorlieben vorsortiert, damit wir überhaupt noch einen gewissen Überblick behalten können.

Facebook will mit neuem Design zur “personalisierten Tageszeitung” werden.

Wie genau diese Filter funktionieren, ist das Geheimnis von Plattformanbietern wie Google oder Facebook. Das Ziel ist aber immer dasselbe: Es soll nur noch bei uns ankommen, was uns auch wirklich interessiert. Ausgehend von dem, was wir bisher gelesen haben, was unseren Freunden und Bekannten gefällt oder was wir als Hobbys oder Interessen angegeben haben.

Das Ergebnis beeindruckt und verwundert zugleich: Während sich beispielsweise Facebook bei dem einen fast nur um Fußball oder Autos dreht, kann am gleichen Tag in der Timeline des Nachbarn fast nur Kunst, Kultur und Politik auftauchen.

Soziale Netzwerke: die “personalisierte Tageszeitung”

Facebook, das größte aller sozialen Netzwerke, sieht sich selbst schon lange nicht mehr nur als Plattform zum persönlichen Austausch, sondern versteht sich als „personalisierte Tageszeitung“, was man mit dem letzte Woche angekündigten Umbau der Webseite noch weiter forcieren möchte, wie der Spiegel schreibt.:

Zuckerberg verglich den Newsfeed mit einer “personalisierten Tageszeitung”. Sein Unternehmen wolle den Nutzern damit einen Überblick über die für sie wichtigsten Nachrichten geben, gute Fotos groß zeigen, aber auch Nachrichten aus dem persönlichen Umfeld liefern.

Die Informationen, die uns auf diese Weise erreichen, sind meist umfassender und detaillierter als alles, was in der Zeitung steht. Wir bekommen Artikel von Freunden empfohlen und sehen auch gleich, was diese darüber denken. Das spart viel Zeit, die man sonst mit Suchen verschwenden würde – und liefert “alles” zu einem bestimmten Thema – frei Haus.

Mehr und einseitigere Informationen

Aber wie heißt es so schön: Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Einen spannenden Aspekt hat der Politikwissenschaftler Volker Boehme-Neßler in einem Artikel auf Telepolis aufgezeigt. Er sieht in immer persönlicher zugeschnittenen Informationen eine Gefährdung der gesellschaftlichen Debattenkultur, da der Blick über den eigenen Tellerrand mehr und mehr verloren geht:

Wer sich in sozialen Medien bewegt, ist nur noch unter seinesgleichen. Man kommuniziert fast ausschließlich mit Freunden und Menschen, die gleiche Interessen und ähnliche Erfahrungen und Biografien haben. Soziale Medien spiegeln nicht die Welt ihrer gesamten Breite wider. Sie sind ein hermetisch abgeschlossener Teil der Welt, der nach strengen Homogenitätskriterien gebildet wird: Wer anders ist, gehört nicht zur Community.

Im lokalen Umfeld spielen solche Filter sicherlich noch eine untergeordnete Rolle. Das Lokale an sich ist hier bereits der Filter. Der Algorithmus wird versuchen, möglichst viele Informationen aus dem eigenen Umfeld zu präsentieren: Veranstaltungen, Nachrichten und natürlich auch Angebote und Werbung lokaler Händler.

Blick über den Tellerrand statt Tunnelblick

Und dennoch lässt sich auch auf der lokalen Ebene eine monothematische Zuspitzung nicht leugnen. Ganz aktuell zum Beispiel zu beobachten beim Bau des Seesteges. Erst letzte Woche hat sich eine Facebook-Gruppe der Befürworter gegründet, mit dem Ziel, eine Gemeinschaft mit Informationen zu versorgen, die sich für den Stegbau ausspricht. Eine Community in der Community, die sich gegenseitig bestärkt und unterstützt – natürlich auch mit Neuigkeiten, die auch zum eigenen Ziel passen.

Die Befürworter des Seesteges sammeln seit Ende letzter Woche Unterstützer auf Facebook.

Das alles ist nicht weiter gefährlich und eigentlich auch nicht weiter verwunderlich, ist doch an den Stammtischen dieser Welt meist auch schon recht einseitig diskutiert worden. Was sich aber durch die technischen Möglichkeiten und die neue Generation der Informationsfilter ändern könnte, ist das Bewusstsein jedes Einzelnen, dass es außerhalb des eigenen Stammtisches noch ganz andere Meinungen und Sichtweisen auf Themen gibt, die aus der eigenen Lebensrealität vielleicht schlicht ausgefiltert sind. 

Auch wenn es in der eigenen “personalisierten Tageszeitung” schon lange so aussehen mag, als ob alle ganz klar für oder gegen ein Thema sind – im Nachrichtenstrom des Nachbarn sieht das möglicherweise ja ganz anders aus. 


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