Von Ringbahnen und anderen Visionen - ein Kommentar
Ein bisschen mehr Seeger täte uns gut

von Steffen Greschner

Heino Seeger prescht mit der Idee einer Ringbahn am Tegernsee erneut voran. Ein Konzept, das für viele die Schwelle zum Größenwahn längst überschritten hat. Recht hat er als Visionär trotzdem, der ehemalige BOB-Chef und heutige Geschäftsführer der Tegernseebahn.

Die Vergangenheit hat es schließlich oft genug gezeigt: Ohne Visionen wird lediglich Stillstand verwaltet. Und den kennt man auf den Straßen im Tal vor allem an schönen Wochenenden zur Genüge.

Könnte so eine Ringbahn aussehen? / Quelle: Archiv Tobias Stürzl
Fahrtziel Rottach-Egern – eine große Vision / Quelle: Archiv Tobias Stürzl

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Das geht vielen dann doch zu weit: Anstatt den längst gewohnten Stau zu verwalten oder kurzfristige Lösungen zur Vermeidung desselben zu verkünden, prescht der Chef der Tegernsee Bahn mit seiner aberwitzigen Idee erneut voran: Wir bauen einfach eine elektrische Bahn um den See. Basta!

Lässt man Heino Seeger etwas mehr von seiner Vision erzählen, klingt das wie die Geschichte einer kleiner Zeitreise. Losgelöst vom Hier und Jetzt. In 50 Jahren könne sich sowieso niemand mehr vorstellen, wie es früher ohne ging, sagt er dann. Eine Ringbahn sei ganz einfach die Möglichkeit, das Tal fit für die Zukunft zu machen:

  • Gut für die Energiewende: Man müsse nur noch ein Wasserkraftwerk bauen – das liefere nicht nur für die Bahn genug Strom. Passt doch!
  • Gut für den Tourismus: Welches konkurrierende touristische Gebiet könne schon eine Straßenbahn vorweisen? Von Tegernsee zum Biergarten in Kaltenbrunn. In ein paar Minuten. Super!
  • Gut für den Verkehr: Lösungen für die Straße seien doch von gestern. Man müsse Wege finden, die fernab des motorisierten Individualverkehrs denken. Dann braucht’s auch kein Auto mehr. Genial!

Das ist also Seegers Plan für die Zukunft und seine Lösung für fast alle Verkehrsprobleme. Ganzheitlich, wie es so schön heißt. Planungsdauer: ungewiss. Umsetzbarkeit: ungewiss. Kosten: ungewiss. Gewiss ist so gut wie nichts an der Idee. Noch ist es nicht mehr als eine große Vision – eine zu große, wie es scheint.

Große Vision statt kurzfristige Lösung

Was eine Ringbahn für einen besseren Verkehrsfluss morgen, in einer Woche oder in einem Jahr bringt? Nichts! Das ist aber auch nicht Seegers Aufgabe, obwohl viele genau das fordern. Direkte Lösungen zu finden, ist Job der Lokalpolitik: Ampelschaltungen, Park & Ride, Parkhäuser oder Gebührentabellen – Stellschrauben gibt es genug. Gedreht wird an ihnen viel zu selten.

So oder so verwalten diese Stellschrauben aber nur den Status quo. Damit wird an akuten Problemen gedreht, in der Hoffnung auf direkte Ergebnisse. So lange, bis es vorerst wieder passt. Eine grundlegende Neuausrichtung, einen langfristigen Plan für ein Tal in 50 Jahren dreht damit aber niemand herbei.

Dafür brauchte es schon immer die g’spinnerten Visionen Einzelner, wie die Ringbahn auf den ersten Blick eine ist. Vielleicht wird die Idee in einiger Zeit komplett verworfen, vielleicht bleiben Teile davon bestehen, oder man kommt dadurch auf ganz andere Gedanken.

Fahrräder wollte man auch einst verbieten

So war es schon oft in der Vergangenheit: Während Gottlieb Daimler das Automobil träumte, setzten andere auf Infrastruktur für Pferdekutschen. Die Londoner Dampflok-U-Bahn der Metropolitan Railway hielten viele für idiotisch, es gab doch Straßenbahnen. Als Karl Drais das erste Fahrrad vorstellte, wurde es verboten: zu gefährlich im Vergleich zu Reittieren.

Ob man die Ringbahn baut, verbietet oder durch etwas ganz anderes ersetzt. Eines hat sie jetzt schon in gewissen Kreisen geschafft: eine Debatte entfacht, in der weiter gedacht wird als bis zum nächsten Stau an der nächsten Ampel. Was zum Ende bleibt, wird man sehen. Liegen in ein paar Jahren die ersten Schienen? Lachen wir herzlich über die g’spinnerte Idee, weil Besseres gefunden wurde?

Manch einer hält die Vision der Ringbahn schlicht für größenwahnsinnig.
Manch einer hält Seegers Vision der Ringbahn schlicht für größenwahnsinnig.

Das Ergebnis ist dabei zweitrangig. Neue Visionen bringen fast immer neue Gegenvorschläge – sinnvollere, günstigere, schnellere. Groß gedachte Visionen ermuntern zu groß gedachten Gegenentwürfen. Die Idee einer Dampflok-U-Bahn brachte damals keine moderne Kutsche, sondern den Durchbruch der E-Lok.

Ringbahnen oder andere Visionen für die Zukunft können darum auch dem Tal nicht schaden. Wie verrückt oder größenwahnsinnig auch immer: Ein bisschen mehr Seeger tut jeder Debatte ganz gut – als erfrischendes Mittel gegen die Verwaltung des Stillstandes. Einen Stillstand, den man sprichwörtlich an jedem schönen Wochenende auf den Straßen rund um den Tegernsee bewundern kann.

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