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Ein Raufbold für Rechte

Fünf Jahre lebte der FDP-Politiker Gerhart Baum am Tegernsee. Täglich ruderte der spätere Bundesinnenminister über den See zur Schule. Für das Deutschlandradio kehrte Baum – ein streitbarer Geist und Gast in diversen Talk-Runden – noch einmal an den Ort seiner Jugend zurück.

Autorin Renate Schönfelder im Gespräch mit Gerhart Baum am Tegernseer Bahnhof.
Autorin Renate Schönfelder im Gespräch mit Gerhart Baum am Tegernseer Bahnhof / Foto: Deutschlandradio – Frank Ulbricht

1932 in Dresden geboren, floh Gerhart Baum mit seiner Familie im letzten Kriegsjahr nach Bayern. Sein Elternhaus, die Heimatstadt, alles war zerstört, der Vater war im Krieg in Russland geblieben. In seinem Buch „der Baum und der Hirsch“ beschreibt Baum seine Flucht nach München und die Fahrt an den Tegernsee.

Als wir in München im März 1945 waren, erlebten wir wieder Fliegerangriffe. Auch die Bahnstrecke nach Tegernsee war ständig gesperrt, wo wir aber doch wenig später landeten.

Die Baums kamen in St. Quirin unter, einem idyllischen Ort. „Der Krieg war hier eigentlich nur wegen der vielen Lazarette sichtbar. Wir waren Flüchtlinge“. Wenn er jetzt erlebe, wie die Leute sagen, oh Gott, keine Flüchtlinge, würden die Erinnerungen an damals wieder wach werden. „Wir wurden in die Häuser eingewiesen, in die Wohnungen fremder Leute. Die mussten uns aufnehmen, es gab ja keine Flüchtlingslager. Rund um den Tegernsee wurden wir fünf oder sechs Mal ein- und ausgewiesen“.

Den Einheimischen sei es schwer gefallen zu teilen. Die hatten zu essen, er und seine Familie nicht. „Zum Schluss bekamen wir ein Haus am See, das war wunderschön.”

Tegernseer Lehrer wurde Ersatzvater und Mentor

Als seine Mutter das erste Geld verdienen konnte, „suchte ich mir Ersatzväter. Derjenige, der mich am meisten prägte, war der Gelehrte und Historiker Adolf Grote. „Ein überzeugter Anti-Nazi“, beschreibt Baum seinen Privatlehrer, der auch den Widerstandskreisen angehört habe. Die liberalen Grundüberzeugungen, die ihn später geleitet haben, hätte er Grote zu verdanken, der sein Interesse für Politik gefördert habe.

Als schließlich das Gymnasium Tegernsee 1949 gegründet wurde, herrschte Lehrermangel. Adolf Grote gehörte zu den ersten Lehrern. Er war auch als Hauslehrer bei verschiedenen Familien tätig. „Mitunter lud er auch einige Mitschüler zu sich ein. Ich erinnere mich an furchtbar kalte Winternächte 1946, 1947, 1948: Der See war zugefroren und wir saßen abends bei ihm und er las uns aus Thomas Manns Novelle Tonio Kröger vor“.

„Rauhe Sitten“ am Gymnasium

Auf Anregung von Grote versuchte Baum mit Mitschülern in der Schule eine Gedenkveranstaltung an den 20. Juli 1944 (gescheitertes Attentat auf Hitler) zu organisieren. „Das wurde uns von einem wirklich reaktionären Lehrer untersagt. Die alten Nazis waren ja noch da. Ich bin überzeugt, dass wir erst von Grote erfahren hatten, was überhaupt der 20. Juli bedeutete. Viele wussten das ja überhaupt nicht“. Als Student später in Köln trat Baum den Liberalen bei, von 1978 bis 1982 war er Bundesinnenminister.

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Im Radio-Feature “Spaziergänge mit Prominenten” begleitete die Autorin Renate Schönfelder den 83-Jährigen nun bei seinem Gang vom Tegernsee zum Bräustüberl und zu einem Bootsverleih, wo er auch noch einen Schulfreund von damals traf. „Es wurde gerauft“, erinnert sich Baum an die „rauen Sitten“ der gemeinsamen Schulzeit.

Gerauft hat Baum dann doch ganz gerne, eigentlich sein Leben lang, für Bürger- und Menschenrechte vor allem für den Schutz des Individuums vor einem zudringlichen Staat. Den Grundstein dafür, so Baum, legte sein Ersatzvater Grote am Tegernsee.


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