Tegernseerstimme
Die neuesten Nachrichten aus dem Tegernseer Tal. Der kostenlose Newsletter der Tegernseer Stimme täglich um 18 Uhr
Anzeige | Hier können Sie werben

Ein Kommentar zur aktuellen Corona-Lage

Einbahnstraße Freiheit?

Von Sabiene Hemkes

Die Mitarbeiter im Krankenhaus Agatharied arbeiten an der Kapazitätsgrenze, sind erschöpft. Die Inzidenz steigt Tag für Tag. Gleichzeitig beharren Impfverweigerer auf ihrer Meinung. Die kritische Covid-Situation hat auch bei uns zu heftigen Diskussionen im Team geführt. Einige werben für Toleranz, bei anderen pocht die Halsschlagader. Den Anfang macht Sabiene Hemkes.

Im Landkreis Miesbach ist die Inzidenz aktuell im deutschlandweiten Vergleich sehr hoch.

Ein Kommentar von Sabiene Hemkes:

Gerade, als die Hoffnung auf eine neue Freiheit für uns alle wuchs, kam das Virus mit voller Wucht wieder ins Oberland zurück. Derzeit müssen im Krankenhaus Agatharied fünf Personen auf der Intensivstation um ihr Leben kämpfen – für mich viel zu viele. Es werden Betten länger belegt, die Betreuung ist langwieriger und kräftezehrender. Zudem fehlen Plätze für andere Operationen. Das alles steht in Zusammenhang mit einer mehr als miesen Impfquote in unserem Landkreis. Da hilft auch nicht der Hinweis auf noch schlechtere Zahlen in anderen Kreisen.

Vielleicht ist es altmodisch und nicht zeitgemäß, aber meine Solidarität und mein Mitgefühl gilt allen Menschen – geimpft oder nicht. Den Leugnern, den Zweiflern, den Bedenkenträgern. Und um das gleich vorwegzustellen: Ich bin gegen die Impfpflicht – ob zur Vordertür oder durch den Hintereingang. Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Mensch immer die Wahl haben sollte.

Auch wenn es mir angesichts der neuen Entwicklung schwer fällt, zu verstehen, warum Menschen im Angesicht von über fast sieben Milliarden verabreichten Corona Impfungen weltweit immer noch von „unabsehbaren Nebenwirkungen“ und „fehlenden Langzeitstudien“ sprechen. Und warum wehren sich die genau diese zweifelnden Menschen, die angeblich so vorsichtig und achtsam sind, dagegen, anderen Menschen mit derselben Vorsicht zu begegnen, wie sie sich für sich selbst einfordern? Für mich ist die Freiheit des Andersdenkenden immer ein Bestandteil meiner Freiheit.

Von Morddrohungen bis zur „vierten Gewalt im Staat“

Erinnern wir uns doch nur an die wöchentlichen Demos in der Kreisstadt Miesbach. Oder die Anti-Corona Tour in Tegernsee und nicht zuletzt die „besorgten“ Mütter und Väter, die vor dem Miesbacher Rathaus demonstriert haben. Da war dieser Groß-Gastronom aus Gmund, der auf seiner Facebookseite von seiner Teilnahme der Demo in Berlin berichtete und eine Gleichstellung der Ermächtigungsgesetze mit den Coronaverordnungen forderte, sich dann aber wunderte, dass Attila H., der vegane Vollpfosten zu seiner „Protestöffnung“ kommen wollte.

Ganz zu schweigen von den unzähligen Beleidigungen, Drohungen und Pöbelattacken gegen alle, die bestimmte Meinungen nicht teilten oder sich einfach nur an Regeln hielten. Auch wir Journalisten werden immer wieder als Mitarbeiter der Fake-Presse verunglimpft – zuletzt wieder ganz öffentlich. Im lokalen Blatt wurden wir Journalisten von einem geehrten Gemeinderat, Philosophen und Hotelbesitzer aus dem Tal als „vierte Gewalt im Staat“ für die Lage verantwortlich gemacht.

Ich kann verstehen, dass Ängste angesichts der komplizierten Situation auf der Welt aufkommen. Für mich muss eine Demokratie das alles aushalten. Wir hatten Wahlen, wir haben eindeutige Ergebnisse. Die rechten Parteien, die mein Demokratieverständnis verhöhnen, haben nicht gewonnen – jedenfalls nicht hier im reichen Bayern.

Wer Freiheit sucht, muss Respekt erweisen

Was ich aber vermisse ist, dass die Menschen, die in den letzten 1,5 Jahren die Freiheit fordernd durch die Straßen unserer Städte zogen, die in missionarischer Absicht andere mit „Wahrheits-YouTube Videos“ bombardierten, die vor laufenden Kamera ob der Unterdrückung in Tränen ausbrachen, die anonym und feige Morddrohungen gegen Journalisten und Politiker verschickt haben, und die sich mit rückwärts gewandten Symbolen geschmückt auf die Barrikaden stellten, jetzt jeden Freiheitsgedanken, Respekt und Anstand vermissen lassen.

Die überwiegende Mehrheit der Menschen ist davon überzeugt, dass eine Impfung gegen einen schweren Verlauf der Infektion mit dem Coronavirus schützt und die weitere Verbreitung des Virus deutlich verringert. Es ist okay, wenn ihr euch nicht impfen lassen wollt – das ist euer gutes Recht. Aber es ist eure verdammte Pflicht, mich und alle anderen vor den Folgen eurer Entscheidung zu schützen. Denn wo bleiben wir? Wo bleibt euer Respekt uns gegenüber?

Pandemie beenden? Nichts lieber als das!

Schützt ihr uns davor, wieder in den Lockdown zu gehen? Schützt ihr uns vor unserem solidarischen Gefühl denjenigen gegenüber, die an Covid erkranken? Tragt ihr weiterhin die FFP2-Masken und lasst euch auf eure Kosten testen? Oder kauft ihr euch die Impf- und Testzertifikate im Zehnerpack auf Telegram? Oder besucht Corona Partys, um euch anzustecken, damit ihr für sechs Monate keinen Test vorweisen zu müsst?

Ihr fordert die Beendigung der Pandemie und aller damit verbundener Einschränkungen. Ihr fordert nur und gebt nichts an die Gesellschaft zurück, die euch, wenn auch schweren Herzens, respektiert. Ihr spuckt auf uns und fordert unsere Solidarität heraus. Ihr versucht uns in Entscheidungen zu drängen, die wir als Demokraten nicht treffen werden.

Lieber gehen wir in den nächsten Lockdown, als unser Demokratieverständnis für euch zu opfern. Wir werden uns dafür einsetzen, dass ihr die Pandemie überlebt, das sind wir unseren Werten schuldig. Wir werden für euch einen Teil unserer neugewonnenen Freiheit hingeben. Nicht gern – aber anders können wir als Solidargemeinde gar nicht überleben!


Unternehmen aus unserer Region

Die neuesten Artikel

Die Redaktion empfiehlt


Aktuelle Jobangebote aus der Region
Tegernseerstimme

Tegernseerstimme