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Lokale Tauschkreise: Welche Chancen liegen im „Zeitgeld“?

Eine Währung mit Preisen nur für Einheimische

Von Steffen Greschner

Das Leben am Tegernsee ist teuer. Egal, ob der Kaffee mit Seeblick, das Bier in der Bar oder der Restaurantbesuch und das Busticket. Das echte Schnäppchen ist am Tegernsee kaum mehr zu holen. Nicht für Touristen, aber vor allem auch nicht mehr für Einheimische, die hier arbeiten und leben.

Mitgefangen, mitgehangen, könnte man meinen: Wir leben ganz gut vom Tourismus; wir zahlen aber auch selbst die Preise, die wir von unseren Gästen verlangen. In anderen ähnlich ländlichen, aber weniger touristischen Gebieten werden andere, günstigere Preise aufgerufen als bei uns.

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Wir haben neulich ein Gespräch belauscht, in dem es genau um das Thema ging: „Man sollte Preise speziell für Einheimische einführen.“ Günstigere Preise nur für Einheimische? Das wird schwierig. Einfach nur eine zweite Preisliste für Einheimische würde wohl nicht akzeptiert werden.

Etwas in dieser Richtung haben wir uns dennoch umgehört und nach Alternativen gesucht. Und auch durchaus spannende Ansätze gefunden.

Deutschlandweit über 300 Tauschkreise

In anderen, lokale eng begrenzten Gebieten versuchen sich Initiativen daran, den Faktor „Euro“ in der lokalen Gemeinschaft auszuhebeln und durch etwas Neues zu ersetzen: Zeit. Sogenannte Tauschkreise liegen gerade im Trend und verfolgen alle das gleiche Ziel: den Tausch von Zeit gegen Zeit in einer kleinen Gemeinschaft. Ein Stunde Rasenmähen gegen eine Stunde Babysitten oder eine Stunde Haareschneiden. Zeit als Maßeinheit, als Bezahlung und Währung- ausgegeben in eigenen Geldscheinen –, die eben nicht an Gold oder Ähnliches, sondern an Zeit gebunden sind. Eine Stunde ist eine Stunde – ist eine Stunde…

Mehr als 300 solcher Tauschkreise gibt es inzwischen in Deutschland. Und es werden mehr, seit die Wirtschaftskrise vielen Sorgen bereitet und den Wunsch nach etwas „anderem“ schürt. Es gibt innerhalb der Tauschkreise eine zentrale Verwaltung, meist einen Verein, der die Buchhaltung für die Mitglieder und – wenn man so will – die Aufgabe der Bank übernimmt. Dort wird für jeden, der mitmacht, ein Zeitkonto geführt.

Zur einfacheren und genaueren Verrechnung wird die Zeit dort in Zeiteinheiten (ZE) umgerechnet. Eine Stunde geleistete Zeit, z. B. das Rasenmähen beim Nachbarn, bekommt beispielsweise den fiktiven Gegenwert von zehn ZE. Mit diesen Zeiteinheiten kann anschließend bei jedem anderen Teilnehmer innerhalb des lokalen Tauschkreises bezahlt werden. Beispielsweise beim nächsten Friseurbesuch.

Der Friseur wiederum könnte seine eingenommenen ZE sammeln und am Ende damit die lokalen Handwerker bezahlen, die seinen Friseursalon renovieren. Die neu geschaffene Währung hat also nur in einem sehr kleinen Gebiet einen Wert: im Kreislauf zwischen Anwohnern untereinander, lokalen Einzelhändlern und Handwerkern. Soweit die Theorie.

Ehrenamtliche Arbeiten am Mountainbike-Trail: Für ihr eingebrachtes Engagement hätten die Helfer in Tauschkreisen Zeitgutschriften vergütet bekommen.
Ehrenamtliche Arbeiten am Mountainbike-Trail: Für ihr eingebrachtes Engagement hätten die Helfer in Tauschkreisen Zeitgutschriften vergütet bekommen.

In der Praxis kann das Ganze natürlich nur funktionieren, wenn auch irgendjemand die neue Zeitwährung akzeptiert. In einigen lokalen Währungskreisen sind inzwischen darum auch schon Gemeinden, Gastronomen und örtliche Einzelhändler auf den Zug aufgesprungen und akzeptieren die „lokale Währungen“ als Zahlungsmittel für Steuern und Waren.

Dazu wird in den Gemeinschaften meist ein theoretischer Euro-Wert für eine Zeiteinheit festgelegt. Die Gemeinden zahlen mit der durch Steuern eingenommenen Zeitwährung beispielsweise einen Teil der Unterstützung ortsansässiger Vereine. Anstatt Euro bekommt der Sportverein von der Gemeinde also „Arbeits-Zeit“ überwiesen, die er wiederum nur lokal einlösen kann oder Arbeitseinsätze von Mitgliedern damit vergütet. Im Gegenzug kann beispielsweise im Vereinsheim damit bezahlt werden.

Was sagt das Finanzamt?

Zugegeben, „Tauschen“, das klingt irgendwie schnell nach Schwarzarbeit. Durch die fiktive Umrechnung in Euro können diese Tauschwährungen aber auch beim Finanzamt geltend gemacht werden und müssen es ab einer gewissen Höhe sogar. Zumindest theoretisch. Steuerlich gesehen, ist das Erbringen von „Leistungen mit Gewinnabsicht“ immer auch steuerpflichtig, sobald damit mehr als 400 Euro im Monat umgesetzt werden.

Die Gewinnabsicht sieht das Finanzamt automatisch dadurch gegeben, dass die Einheiten auf einem Konto gesammelt und auch wieder ausgegeben werden können. Grundlage für die Berechnung beim Finanzamt ist dabei der fiktive Gegenwert in Euro. Allerdings haben die Finanzämter bislang noch kein Interesse bekundet, den Tauschringhandel wirklich zu bewerten, wie es in einem Bericht des Deutschlandfunks erklärt wird. Durch das kleine Niveau, auf dem die Initiativen arbeiten, ist den Finanzämtern die Erfassung bisher schlichtweg zu aufwendig.

Ankurbelung des lokalen Tegernseer Wirtschaftskreislaufs

Zeit und lokales Engagement als Währungsgrundlage am Tegernsee? Ein spannendes Konzept, mit dem vielleicht gerade in touristischen Gebieten wie bei uns am Tegernsee eine parallele Einheit geschaffen werden kann, durch die zum einen der Wirtschaftskreislauf rund um den See aufrechterhalten und angekurbelt wird und zum anderen eine lokale Gemeinschaftswährung entsteht, die Touristen und dem generellen Wachstumszwang vorenthalten bleibt.

Das kommt auch den immer wieder mal angesprochenen „Preisen speziell für Einheimische“ entgegen. Nur eben nicht durch eine zweite Preisliste in Euro, sondern durch eine zweite „Währung“, die nur engagierten Einheimischen zugänglich ist. Nur, dass man dafür im wahrsten Sinne des Wortes auch etwas „tun“ muss.

Mehr Informationen gibt es bei der Initiative tauschen-ohne-geld.de. Dort können Tauschkreise zum Beispiel kostenlos die nötige Verwaltungssoftware beziehen und eine eigene Webseite einrichten.

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