Erfahrungen von Geimpften – nicht alles ist dufte

von Martin Calsow

Nach dem Impfen in der Sonderaktion treten bei einigen Menschen Nebenwirkungen auf. Ist das normal?

Am Wochenende wurden in Holzkirchen knapp 2000 Menschen mit Astra geimpft

Wir haben uns lange und laut gestritten. Selten war so viel Beef in der Redaktionssitzung wie heute. Es geht ums Impfen. Eine Reihe von Kollegen und Kolleginnen haben sich den Piks geben lassen – Astra. Warum? Weil einfach genug übrig war, weil es eine Sonderaktion in Holzkirchen gab. Die einen, dazu zählt der Autor, haben nüscht gemerkt. Andere sind wenige Stunden nach der Impfung schwer getroffen worden. Schüttelfrost, Fieber, harte Grippe-Symptome. Von den zehn, die wir namentlich kennen, war das bei knapp der Hälfte der Fall.

Keine aussagekräftige Statistik, nur ein Schlaglicht – keine Frage. Aber warum jetzt Streit? Die einen sagen, dass solche Erfahrungsberichte aus dem engen Umfeld schnell zu einer Impfskepsis führt. Die anderen finden: Das muss gesagt werden.

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Tatsächlich wird im Impfzentrum, wie auch beim Hausarzt bei den Beratungsgesprächen genau vor solchen Symptomen gewarnt. Aber hört man da immer hin? Der Mensch will das Problem schnell vom Tisch haben, wieder keine Angst vor Long Covid haben. Das wiederum sollte jenen etwas zu denken geben, die piks and drive, also das schnelle Wegimpfen am Straßenrand, das Wort reden. Aufklärung ist wichtig, aber nackte Zahlen eben auch. Denn auch Thomas Straßmüller, ärztlicher Leiter des Impfzentrums in Hausham und Hausarzt aus Gmund, sagt:

Da der Impfstoff von AstraZeneca anfangs nur für jüngere Leute zugelassen war, hatten wir diese Nebenwirkungen in den ersten beiden Tagen häufig beobachtet. Jüngere Leute, und besonders Frauen tendieren zu starken Immunreaktionen. Diese Immunreaktion auf die Impfung ist ja prinzipiell auch erwünscht und Teil der Impfung. Wir haben beobachtet, dass ähnliche Reaktionen nach der zweiten Gabe von mRNA Impfstoffen bei jungen Leuten auftraten.

Obwohl wir erst ein gutes Drittel der Landkreisbevölkerung geimpft haben, fragen sich Geimpfte, wie es wohl beim zweiten Impftermin sein wird. Der ist extrem wichtig, um die längerfristige Schutzwirkung zu erhalten. Denn gerade bei Astra schwindet der Schutz nach drei Monaten erheblich.

Straßmülller dazu: “Unsere ersten Erfahrungen bei Zweitimpfungen mit AstraZeneaca zeigen uns, dass die Reaktionen bei der zweiten Impfung weniger heftig ablaufen. Interessanterweise hat sich ein großer Teil der jungen Leute, die eine Wahlmöglichkeit zwischen Astrazeneca und einem RNA Impfstoff zur zweiten Impfung hatten, für eine erneute Impfung mit Astra entschieden.”

Impfreaktionen gibt es …

Das Paul Ehrlich Institut kann da auch weiterhelfen. Das “deutsche Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel” sammelt kontinuierlich Daten zu Nebenwirkungen ein, bittet bereits Geimpfte ihre Erfahrung in eine App, die die Behörde schon im Vorfeld der Impfung anbietet, einzupflegen. Von über 10 Millionen Geimpften haben schon jetzt über 154 000 Personen daran teilgenommen, eine aussagekräftige Zahl. Auch hier zeigen sich wieder die von uns auch schon erlebten Nebenwirkungen: Die am häufigsten berichteten Beschwerden waren vorübergehende Schmerzen an der Injektionsstelle (jeweils n=105.621 Einträge), Müdigkeit (87.837), Kopfschmerzen (81.369), Muskelschmerzen (55.570), Unwohlsein (53.397), Schüttelfrost ( 45.625), Fieber (41.695), Gelenkschmerzen (34.104), Schwindel (32.938) und Schwellung an der Injektionsstelle (27.300).

Kurz: Ja, es kann sein, dass für einige Stunden heftige Impfreaktionen mit den aktuellen Impfstoffen uns ereilen können. Genauso wichtig: Sie verschwinden wieder. Wer in die Details gehen will, kann sich zum Beispiel auf der PDF Seite des Instituts noch einmal genauer die Zahlen anschauen.

Scheut man die Nebenwirkung, wird man später geimpft.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Gefahr von Thrombosen sehr klein ist, sich im Promillebereich bewegt. Hingegen ist die Wahrscheinlichkeit blöde grippeähnliche Symptome zu haben größer. Diese haben keine lebensbedrohlichen Auswirkungen, hinterlassen keine Nachwirkungen und sind nach weniger als 20 Stunden erledigt.

Was steht dem gegenüber: Dafür schnellt mit diesem Impfstoff, wie auch mit denen der anderen zugelassenen, der Schutz vor einer Covid-Erkrankung rasant in die Höhe. Das bisherige Leben aus Angst und Vorsicht ändert sich, spätestens mit dem zweiten Stich. Es bleibt für jeden eine Risikoabwägung: Scheut man die Nebenwirkung, wird man später geimpft. Die Folge: Man wird als Ungeimpfter vermutlich später in den “Genuss” seiner alten Grundrechte kommen. Ist das fair? Ohne Zweifel. Denn Entscheidungen, die andere betreffen können, sind eben nicht ohne persönliche Konsequenz zu haben. Das ist auch nicht neu: Schon immer waren potentielle Überträger von Krankheiten in einer Gesellschaft aus gutem Grund interniert. Noch heute werden Patienten mit offener Tuberkulose recht schnell und länger isoliert.

Letztlich lernen wir gerade alle, wie wichtig eine Risikoabschätzung in unserem Leben ist. Ja, es kann zu Impfreaktionen kommen. Ja, man sollte sich darauf vorbereiten, den nächsten Tag nicht mit Arbeit oder einer Reise verplanen. Und ja, sprechen wir mit den Ärzten. Lassen wir uns nicht einfach impfen, weil wir gern unser normales Leben wieder zurückhaben möchten. Nicht nur in der Pandemie gilt: Wer sich rechtzeitig und umfangreich informiert, lebt besser und – vor allem länger.

Wer geimpft wird, sollte aber folgendes beachten:

  • Es ist schön, dass Du geimpft wurdest. Aber das muss man nicht zwingend der social media Welt kundtun. 1. Es gibt noch sehr viele, die aufgrund der schlampigen Impfpolitik nicht in den Genuss einer Impfung kommen durften. Die finden das eher dämlich, wenn Du Deinen gelben Ausweis postest. 2. Wenn Du die Innenseite zudem postet, machst Du es Betrügern mit dem Fälschen leichter. Poste Essen oder Tiere. Gibt auch likes.
  • Nach dem Impfen sind Sportaktivitäten nicht die beste Aktion. Treten Symptome auf, hat die Einnahme von Paracetamol geholfen. Näheres erklärt die Impfärzte.
  • Jemand in Deinem Umfeld will sich nicht oder noch nicht impfen lassen. Das ist sein gutes Recht – Du hast da weder die Verpflichtung noch das Recht, den oder die mit Deiner Überzeugung zu nerven. Das gebietet die Höflichkeit. Wir leben in einem freien Land.
  • Wenn man sich, wie auch immer, an der Priorisierung vorbeischummelt, sollte man damit nicht im direkten Umfeld großartig prahlen. Das ist nicht cool, sondern ausgesprochen unsolidarisch
  • Du bist ein lustiger Rentner. Du wurdest aufgrund Deines Alters (nicht Deiner Relevanz) geimpft. Es ist sehr dämlich, damit zu protzen, jetzt erst einmal Urlaub auf Mallorca zu machen. Sehr viele junge Menschen, die noch nicht geimpft sind, könnten Dir das sehr übelnehmen. (und die müssen Dich vielleicht in wenigen Jahren pflegen…just saying)

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