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"Das ist eine Arbeit wie in der Steinzeit"

Ernüchternde Bilanz der Touristiker

Petra Berger von der TTT hatte dem Stadtrat wenig Erfreuliches zu bieten. Der Leiterin des Gäste- und Anbieterwesens fehlen nicht nur preisgünstige Gästebetten im Tal, auch ihre Arbeit gleiche oftmals der in der „Steinzeit“.

Seit Oktober 2014 ist der Tegernseer Gasthof Schandl geschlossen. Die Betten fehlen der Stadt.

Petra Berger von der Tegernseer Tal Tourismus GmbH (TTT) spricht Klartext. Schönreden bringe gar nichts, war offensichtlich am vergangenen Donnerstag vor dem Tegernseer Stadtrat ihr Motto. Sie hatte auch bei ihrem Saisonbericht für 2016 keine Erfolgsmeldungen zu bieten. Der Tourismus im Tegernseer Tal ist auf dem Rückzug, wenn auch noch marginal. Bergers Statistik registrierte ein Minus von 0,18 Prozent bei den angemeldeten Gästen. Das sei nicht „alarmierend“, so die Tourismus-Expertin, weil es nur 626 Gäste weniger wären als im Jahr zuvor.

Deutlicher dagegen ist das Minus für die Stadt Tegernsee: 4,32 Prozent oder knapp 10.000 Übernachtungen weniger. Insgesamt waren es nur noch 208.980 belegte Betten. Der Grund seien sechs Übernachtungsbetriebe weniger, darunter auch das Café Bergschwalbe und der Gasthof Schandl. Insgesamt seien es 58 Betten, „die uns natürlich fehlen“, meinte Berger. Vor allem ein Gasthof Schandl, der Gäste auch nur für ein oder zwei Nächte aufnahm. Davon wollten die meisten Betriebe nichts mehr wissen. Die würden meistens nur für mehrere Tage vermieten.

„Ein neuer Gasthof hier, das wäre keine schlechte Errungenschaft“, so Berger, „oder auch die Wiedereröffnung des Hotels Guggemos“. Denn es würden bezahlbare Unterkünfte für Kurzurlauber fehlen. Diese Gäste würden dann auch wiederkommen. „Wenn ich die Gäste nicht alternativ unterbringen kann, sind sie futsch“.

Kaum internationale Gäste

Ohnehin scheint das Tal im europäischen Ausland nicht sonderlich bekannt zu sein. Denn knapp 93 Prozent der Gäste kommen aus Deutschland. Von den verbleibenden sieben Prozent stellen die Schweizer und Österreicher das größte Kontingent. Vielfach entgehen der TTT auch die Herkunftsländer Gäste, „da die Meldescheine nicht ordnungsgemäß ausgefüllt werden“, beklagte Berger.

Bescheiden seien die Zahlen von Übernachtungsgästen aus dem arabischen Raum. „Das ist nichts Beunruhigendes“, so die TTT-Fachfrau, da viele Gastgeber sie aus diversen Gründen bitten würden, „keine Gäste aus den Vereinigten Arabischen Emiraten zu schicken“. Für internationale Gäste sei das Tal „auch gar nicht aufgestellt“. Nur in den paar großen Hotels würden die Mitarbeiter auch Fremdsprachen beherrschen. Doch bei den kleinen Gastgebern, die aber den Löwenanteil stellen würden, gebe es gewisse Vorbehalte.

Die großen Häuser – wie hier das Tegernsee – haben keine Probleme mit Online-Buchbarkeit.

Deswegen habe man nun auch die Initiative „sanfte Internationalisierung“ gestartet. Hier wolle man die Gastgeber „systematisch an die Hand nehmen“, mit Fremdsprachen-Vokabular und englischen Buchungsbestätigungen, um einen gewissen Unterbau zu haben. Folgen sollen „in kleinen Schritten“ Marketingmaßnahmen für „gewisse Länder“, um die Zielgruppen anzusprechen.

„Mehr Ausländer würden auch das Image des Tals erhöhen“, meinte Florian Kohler (BürgerListe). Es gebe auch nicht mehr die typische Saison, gab Rudolf Gritsch (CSU) zu bedenken: „Die Senioren reisen dann, wenn es gute Angebote und Veranstaltungen gibt“. Für Norbert Schußmann (CSU), selbst Vermieter, liegt der Unterschied zum boomenden „Städtetourismus“ darin, dass man hier mehr Aufenthalte bei Erholungssuchenden oder Reha-Patienten habe. Das „Urproblem“ von Tegernsee sei aber, „dass wir mehr Betten in vernünftiger Qualität brauchen“.

„Bekomme den Gast nicht ins Bett“

Berger sieht ein anderes Urproblem auch für Tegernsee, die geringe Online-Buchbarkeit. „Wir müssen quasi die Buchung hinterhertragen“, bedauert Berger. Denn die Gäste würden immer kurzfristiger buchen und weniger lang bleiben. Dies sei einfach der Trend. Wenn die Gäste gegen Abend mit Kind und Kegel in die Tourist-Info kommen, dann hapere es mit den Buchungsmöglichkeiten bei den Gastgebern, denn es „ist nahezu nichts online eingestellt“. Dann fange man an zu telefonieren. „Das ist eine Arbeit wie in der Steinzeit“, kritisierte Berger.

Die TTT habe damit ein „lost business“, ein verlorenes Geschäft, „das an uns vorbeirauscht, weil ich den Gast nicht ins Bett bekomme“. Da blute Bergers Hotelherz. „Dass wir dann telefonieren, ist doch nicht die Lösung“, das auch unnötig viel Personal binde. Sie höre immer wieder von den Gastgebern: „Wenn ich online buchbar bin, habe ich morgen die arabische Gang im Haus“. Das würden die Vermieter nicht wollen, „davor haben sie Angst“.

Hotelportale als TTT-Konkurrenten

Ein anderer Trend sei, dass die Menschen lieber auf die Bewertungen eines Beherbergungsbetriebes in den Touristik-Webseiten schauen würden, als auf die Klassifizierung mit Sternen. Diese würden eher einem internationalen Gast zur Orientierung helfen. Thomas Mandl (SPD) fragte nach der Bedeutung von Hotelportalen wie booking.com und HRS.de. „Über was wird ein bestimmtes Hotel gebucht, welche Beratungsleistung hat hier noch die TTT“. Ziemlich ernüchternd war, was Berger darauf erwiderte:

Die großen Häuser brauchen uns nicht. Die kommen alleine sehr gut klar, auch durch ihre Anbindung an die Muttergesellschaften, wo sie sehr gut aufgestellt sind.

Diese Häuser hätten auch eine „sehr hohe Stammgastquote“. Die Hilfestellung der TTT würden mehr die kleinen Betriebe brauchen. Hier sei sie „pragmatisch ehrlich, denn da sei noch Luft nach oben“. Mit vielen „individuellen Einzelgesprächen“ aber sei dies auch hier zu schaffen. „Das führt zum Erfolg“.


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